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StartseiteKalenderblattDer Einbruch der Realität in die Oper01.02.2021

Vor 125 Jahren: Giacomo Puccinis "La Bohème" uraufgeführt Der Einbruch der Realität in die Oper

Giacomo Puccinis "La Bohème" - eine der meistgespielten Opern aller Zeiten - rührt weiterhin zu Tränen. Ganz anders bei der Uraufführung am 1. Februar 1896: ein krachender Misserfolg. Musik und zumal der Stoff - die bitter-süße Liebe des Dichters Rodolfo und der Näherin Mimi - galten als empörend vulgär.

Von Michael Stegemann

Eine Probenaufnahme von Berry Koskys Inszenierung von Giacomo Puccinis "La Bohème" zeigt im Bühnendunkel die Sängerin der Rolle der Mimi in üppigen Kleid , dramatisch  singend in den Armen eines bleichen Rodolfo (picture alliance / Pacific Press | Beata Siewicz)
Armer Dichter liebt kranke Blumenstickerin: Puccinis "La Bohème" - hier Barrie Koskys Inszenierung 2019 an der Komischen Oper Berlin (picture alliance / Pacific Press | Beata Siewicz)
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28 Jahre alt war Arturo Toscanini, als er am 1. Februar 1896 am Teatro Regio von Turin die Uraufführung von Giacomo Puccinis "La Bohème" dirigierte. Genau 50 Jahre später entstand seine Aufnahme des Werkes, das zu den populärsten und meistgespielten Opern aller Zeiten gehört. Umso erstaunlicher, dass La Bohème bei ihrer Premiere quasi durchfiel. Die einen kritisierten den Stoff:

"Wie konnte sich der Komponist nur in diese jämmerlichen Niederungen der Bohème verirren, mit ihrer Atmosphäre der Hinterhöfe und Mansarden, der Schwindsucht und der Prostitution."

Kritiker-Verrisse in Serie 

Den anderen missfiel die Musik: "Sie ist oberflächlich. Und so wie diese Bohème keinen tiefen Eindruck beim Hörer hinterlässt, so wird sie auch keine bedeutende Spur in der Operngeschichte hinterlassen."

Weitere Aufführungs-Misserfolge in Rom und Neapel schienen die Verrisse der Kritiker zunächst zu bestätigen, bis La Bohème am 14. April 1896 in Palermo ihren ersten Triumph feierte. Ein Jahr später gab der große Enrico Caruso sein Rollendebüt als Rodolfo.

Henri Murgers Roman "Scènes de la vie de bohème" diente als Vorlage 

Puccinis Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa hatten auf Bitten des Komponisten den Text nach dem 1851 erschienenen Episodenroman "Scènes de la vie de bohème "von Henri Murger eingerichtet. Ein Libretto seines Kollegen Ruggero Leoncavallo, das dieser später selbst vertonte, hatte Puccini zuvor als "zu literarisch" abgelehnt. Murger, der selbst dieser Welt angehörte, berichtet von dem Dichter Rodolfo, der mit seinen Freunden, einem Maler, einem Musiker und einem Philosophen – am Pariser Montmartre das freie Künstlerleben eines Bohemien führt. An einem kalten Weihnachtsabend verliebt er sich in die Näherin Mimi.

So wie für Maria Callas oder zuvor für Enrico Caruso bietet "La Bohème" auch in den kleineren Partien große Momente für Sängerinnen und Sänger: Etwa für Renée Fleming als Musetta in einer Aufnahme des London Philharmonic Orchestra unter Sir Charles Mackerras. Oder für Boris Christoff als Philosoph Colline, der seinen alten Mantel ins Pfandhaus bringt, um für die todkranke Mimi Medizin kaufen zu können.

Puccinis einzigartiges Genie des Verismo - realistischer Wahrhaftigkeit

Was die Kritiker anfangs als 'jämmerlich' und 'oberflächlich' monierten, ist tatsächlich Puccinis einzigartiges Genie des Verismo: eine realistische Wahrhaftigkeit, wie es sie in der Oper noch nie gegeben hatte: Puccini über den Stoff:

"Das Buch hatte alles, was ich suchte und liebe: die Frische, die Jugend, die Leidenschaft, die Fröhlichkeit, die schweigend vergossenen Tränen, die Liebe mit ihren Freuden und Leiden. Das ist Menschlichkeit, das ist Empfindung, das ist Herz. Und das ist vor allem Poesie, die göttliche Poesie. Sofort sagte ich mir: das ist der ideale Stoff für eine Oper."

Der italienische Komponist Giacomo Puccini zündet sich eine Zigarette an (picture alliance/dpa - Courtesy Everett Collection) (picture alliance/dpa - Courtesy Everett Collection) Wie Puccini zu Puccini wurde
"La Bohème", "Tosca" oder "Madama Butterfly" – Giacomo Puccini ist zwar für seine Opern bekannt, aber das Talent dafür hat er vor allem in seinen zehn Jahren als Organist entfalten können. Nun wurde erstmals eine wissenschaftliche Ausgabe sämtlicher bislang bekannter Orgelkompositionen des Italieners herausgegeben.


"La Bohème" war die vierte der zwölf Opern des damals 37-jährigen Giacomo Puccini – ein Meisterwerk bis zum bitteren Ende: An der Stelle, als Mimi an der Schwindsucht stirbt, hat Puccini in seiner Partitur einen Totenkopf an den Rand gekritzelt.

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