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StartseiteKalenderblattAls die Brüder Skladanowsky die Bilder das Laufen lehrten01.11.2020

Vor 125 Jahren in Berlin Als die Brüder Skladanowsky die Bilder das Laufen lehrten

Mit ihrem "Kurbelkasten" haben Max und Emil Skladanowsky die ersten Filmaufnahmen gemacht. Am 01. November 1895 zeigten sie ihre "lebenden Bilder" erstmals einem verdutzten Berliner Publikum. Doch schon bald kamen die Brüder Lumière und stahlen ihnen die Schau und den Nachruhm.

Von Irene Meichsner

Ein Filmstreifen von Max Skladanowsky (dpa / Hubert Link)
Ein Filmstreifen von Max Skladanowsky (dpa / Hubert Link)

"Die Bewegung. Pauline, das ist es, worüber ich mir den Kopf zergrübele. Ein Foto ist tot. Auch wenn es vom Ausdruck her noch so lebendig ist. Weil es sich nicht bewegen kann. Was lebendig ist, bewegt sich."  ... "Maxe, Maxe, eines Tages werden deine Bilder laufen, bestimmt. Wie du so ausdauernd bist!"

Max Skladanowsky – hier im Gespräch mit seiner Verlobten in einem Hörspiel von Walter Püschel– hat die Bilder zum Laufen gebracht. Mit einer selbst gebauten Kamera, dem "Kurbelkasten", soll er am 20. August 1892 – zusammen mit seinem Bruder Emil - auf dem Dach eines Berliner Fotoateliers seine ersten Filmaufnahmen gemacht haben:

"Emil trat im Anzug von der Seite ins Bild, grüßte in die Kamera, indem er den Hut abnahm, und vollführte gymnastische Übungen, indem er nacheinander stehend seine Beine in die Höhe streckte."

Das Datum frisiert?

so der Historiker Joachim Castan, der es für gut möglich, wenn nicht wahrscheinlich hält, dass sich diese Szene in Wahrheit erst zwei Jahre später abspielte und Skladanowsky sie nur vordatierte, um seinen Anspruch als Begründer des Films zu untermauern:

Max Skladanowsky:"Was Wagner für die Musik war, bin ich für den Film. Von seinem und meinem Werk leben heute Hunderttausende",

schrieb Max Skladanowsky 1934 aus Bayreuth. Aber das war wohl doch zu hoch gegriffen. Nach einer Ausbildung als Fotograf und Glasmaler hatte der Sohn eines Handwerkers zunächst so genannte Nebelbilder vorgeführt, mit denen man durch einfaches Verschieben oder Überblenden von an die Wand projizierten, bemalten Glasplatten den Eindruck von Bewegung erzeugen konnte, berichtete Skladanowsky selbst:

"In Winterlandschaften ließ ich unter Schneegestöber Schlitten vorbeigleiten. Eisenbahnzüge fuhren mit Donnergetöse über hohe Brücken. Der Brand eines Hauses, der durch Blitzschlag und Donnergrollen entfacht wurde, rief ungeheure Sensationen hervor."

Acht Bilder pro Sekunde

Mit dem "Kurbelkasten" gelang die Reproduktion von Bewegung dann schon sehr viel wirklichkeitsgetreuer. Der Apparat besaß ein "Schneckenradgetriebe", dessen Funktion darin bestand, den Filmstreifen ruckweise, das heißt: Bild für Bild durch die Kamera zu transportieren, so dass möglichst viele Einzelfotografien einer fließenden Bewegung belichtet werden konnten. Immerhin brachte es Skladanowsky damit schon auf acht Bilder pro Sekunde. Auch einen Filmprojektor, das sogenannte Bioscop, bastelte er sich selber; einen Kredit hatte ihm ein Direktor der Deutschen Bank verweigert, wie das Hörspiel erzählt.

"Nee, Herr Skladanowsky, Ihr Eifer in allen Ehren, aber für solche Hirngespinste habe ich keen Pfennig übrig."

Erste streng geheime Probeprojektionen fanden im Juli 1895 im Ausflugslokal "Feldschlösschen" in Pankow statt. Zwei Monate später hatte Skladanowsky einen Vertrag mit dem berühmten Berliner Varieté "Wintergarten" in der Tasche:

"Das zuerst durch die Dunkelheit des Saales unruhig gewordene Publikum wurde immer stiller und gar viele sahen wir schließlich mit offenen Munde dasitzen, vor lauter Staunen über das bewegliche Bild auf der weißen Wand, …" schrieb ein Augenzeuge über die erste Filmvorführung vor zahlendem Publikum am 01. November 1895 durch Max und Emil Skladanowsky. 

"Das boxende Känguruh"

Zur schmissigen Musik des hauseigenen Salonorchesters, die nicht zuletzt den Krach beim Ankurbeln des "Bioscops" übertönen sollte, wurden acht kurze Filmsequenzen gezeigt, darunter "Italienischer Bauerntanz", "Komisches Reck" und "Das boxende Känguruh". Wenig später folgte die herbe Enttäuschung. Ein für den 29. Dezember geplantes Gastspiel in einem Pariser Varieté wurde kurzfristig abgesagt. Einen Tag vorher hatten Auguste und Louis Lumière im Keller des Grand Café ihren "Kinematographen" vorgestellt, mit dem man "echte" Filme drehen konnte. Bernd Desinger, Direktor des Düsseldorfer Filmmuseums: 

"Ihr System war, wie die Skladanowskys auch neidlos anerkennen mussten, das überlegenere und hat sich letztendlich durchgesetzt. Es war Grundlage der modernen Kinematographie."

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Was bleibt, ist das Daumenkino 

Skladanowsky probierte noch eine neue Technik aus, bevor er sich auf den Vertrieb von Abblätterbüchern verlegte, die es erlaubten, eine Folge von Einzelbildern als fortlaufende Bildfolge zu betrachten – das so genannte "Daumenkino". Erst als der Film als Kunstgattung etabliert war, meldete er seinen Anspruch als wahrer Begründer der Kinematografie an. Er ließ sich von den Nazis vereinnahmen und fühlte sich um Ruhm und Gewinn betrogen.

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