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StartseiteKalenderblattBerlins Polizeivizepräsident Bernhard Weiß - ein streitbarer Demokrat 30.07.2020

Vor 140 Jahren geboren Berlins Polizeivizepräsident Bernhard Weiß - ein streitbarer Demokrat

Wie kaum ein deutscher Jurist in der Weimarer Republik kämpfte Bernhard Weiß für das bürgerliche Recht und versuchte, die Demokratie vor völkischen und nationalsozialistischen Umsturzversuchen zu schützen. Als Berliner Polizeivizepräsident war er Goebbels größter Feind. Vor 140 Jahren wurde er geboren.

Von Regina Kusch

Erinnerungstafel an den Juristen und ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten Bernhard Weiß am ehemaligen Polizeipräsidium Charlottenburg, Kaiserdamm 1 (imago images / Steinach)
Heute erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Polizeipräsidium in Charlottenburg an Bernhard Weiß (imago images / Steinach)
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Bernhard Weiß: "Es ist kein erfreuliches Thema, über das ich Ihnen heute sprechen soll, kein zartes, Lebenskapitel für empfindsame Gemüter."

Die Vorträge, die Bernhard Weiß im Reichsrundfunk über seine Kriminalfälle hielt, waren bei den Hörern äußerst beliebt. Der Berliner Polizeivizepräsident versuchte stets, seine Arbeit öffentlich zu vermitteln.

"Wenn Sie in die Geschichte der politischen Attentate blicken, dann waten Sie in einem Meer von Blut, und ein Bild des Entsetzens entrollt sich vor Ihrem Auge."

Als Anhänger der parlamentarischen Demokratie wollte Weiß die Weimarer Republik vor rechtsnationalen Umstürzlern schützen. Nach der erfolgreichen Ergreifung der Attentäter, die 1922 Reichsaußenminister Walther Rathenau ermordet hatten, konnte er bereits auf eine ungewöhnliche Karriere zurückblicken.

Weiß hatte viele Feinde

Am 30. Juli 1880 in Berlin in einem liberalen jüdischen Elternhaus geboren, promovierte er nach dem Studium der Rechtswissenschaften und meldete sich 1904 als Freiwilliger in einem Kavallerieregiment in Bayern. Vier Jahre später ernannte man ihn zum Leutnant der Reserve in der Königlich Bayerischen Armee. Im Ersten Weltkrieg wurde Weiß erst zum Oberleutnant und dann zum Rittmeister befördert.

Der Historiker Arnd Bauerkämper von der FU Berlin: "Weiß gehörte zum liberalen Bürgertum des Kaiserreichs, in das er ja hineingeboren worden ist, er war Patriot, er hat das Eiserne Kreuz beider Klassen bekommen im Ersten Weltkrieg, hat gekämpft für Deutschland, war also sogenannter Frontkämpfer und Demokrat."

1925 wurde Bernhard Weiß zum Chef der Berliner Kriminalpolizei und zwei Jahre später zum Polizeivizepräsidenten ernannt. Diese Beförderung bedeutete eine Provokation für Konservative aus dem völkischen und monarchistischen Lager, genauso wie für die Anhänger der kommunistischen Partei. Weiß hatte viele Feinde, denn er kämpfte für das bürgerliche Recht und nicht für die Interessen bestimmter politischer Gruppierungen.

Arnd Bauerkämper: "Er hat sich sehr eingesetzt, in der Tat, für Sozialdemokraten. Er hat sich sehr eingesetzt für Juden, für Randgruppen, also für all die, die im Grunde marginalisiert wurden und von Seiten der Nationalisten, der Völkischen und dann auch der Nationalsozialisten stigmatisiert wurden."

Beschwerden über brutale Polizeieinsätze verfolgte der kämpferische Polizeichef genauso gewissenhaft wie die hasserfüllten Hetzkampagnen des NSDAP-Kampfblatts "Der Angriff". Über 60 Mal verklagte er erfolgreich den Berliner Gauleiter Joseph Goebbels, der ihn mit antisemitischen Schmähungen überzogen und ihn öffentlich als "Isidor Weiß" verunglimpft hatte.

Weiß verfolgte konsequent Straftaten von Nationalsozialisten

Immer wieder publizierte Weiß Appelle zum Widerstand im jüdischen Wochenjournal "CV-Zeitung". 

Zitat: "Eine Welle des Antisemitismus hat sich über unser deutsches Vaterland ergossen, von der wohl kein einziger Jude verschont bleibt. Nichts Unwürdigeres und Erbärmlicheres aber gibt es in solcher Lage, als schwächlich und mutlos den Kampf aufzugeben. Je mehr man uns angreift, desto lebendi­ger und kraftvoller wollen wir aufrechten, selbstbewussten deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens uns zur Wehr setzen."

Konsequent verfolgte Weiß Straftaten von Nationalsozialisten. Nachdem im Mai 1932 mehrere NSDAP-Abgeordnete einen Journalisten zusammengeschlagen hatten, stürmte er mit seinen Polizeikräften den Plenarsaal des Reichstags und verhaftete die tatverdächtigen Politiker.

Konservative wie Reichskanzler Franz von Papen warfen Weiß vor, die Berliner Polizei ginge vornehmlich gegen Nationalsozialisten vor und verschone die Rotfrontkämpfer der KPD.

Arnd Bauerkämper: "Insofern war es dann auch kein Zufall, dass Weiß nach Papens sogenannten Preußenschlag - also praktisch die Unterstellung Preußens unter einen Reichskommissar, die Reichshoheit - dass Weiß also mit der Regierung Otto Braun, einem Sozialdemokraten, auch fiel." Bernhard Weiß, der nach seiner Entmachtung als Rechtsanwalt gearbeitet hatte, verließ Berlin nicht freiwillig. Doch als die Gestapo ihn auf die erste Ausbürgerungsliste gesetzt hatte, floh er über Prag nach London. Dass er dort nach dem Kriegseintritt Großbritanniens als "feindlicher Ausländer" interniert wurde, nahm er mit dem ihm eigenen sarkastischen Humor und nannte die Zeit im Lager die schönsten Ferien seines Lebens. 1949 besuchte Weiß seine Heimatstadt und Bürgermeister Ernst Reuter bot ihm einen Beraterposten bei der Polizei an, den er aber wegen eines Krebsleidens nicht mehr annehmen konnte. Er starb am 29. Juli 1951, kurz nachdem er die Nachricht seiner Wiedereinbürgerung erhalten hatte.

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