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StartseiteKalenderblattDie erste Feministin des deutschen Theaters30.11.2020

Vor 150 Jahren wurde Gertrud Eysoldt geborenDie erste Feministin des deutschen Theaters

An der Seite von Max Reinhardt spielte sich die am 30. November 1870 geborene Gertrud Eysoldt zur bedeutendsten Charakterdarstellerin der deutschen Bühne um 1900 empor. Zugleich gilt sie als erste Feministin des deutschen Theaters - und als eine der aufregendsten Femmes fatales ihrer Zeit.

Von Cornelie Ueding

Ein schwarzweißes Foto zeigt Die deutsche Schauspielerin Gertrud Eysoldt  kostümiert als Puck in "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare. Regie Max Reinhardt. Neues Theater. Berlin. 1905 (picture alliance /IMAGNO)
Gertrud Eysoldt als Puck in einer Max Reinhardt-Inszenierung 1905 (picture alliance /IMAGNO)
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Gertrud Eysoldt: "Ich hatte eine solche Liebe immer fürs Deutsche Theater - 45 Jahre war ich dort - als hätte man die Stufen mit niedergetreten. Aber sowas Schönes. Und wie viel man da gelebt hat."

Undatiertes Foto von Alfred Kerr in einer Münchner Ausstellung 1962 (dpa / picture alliance / Rauchwetter) (dpa / picture alliance / Rauchwetter) Alfred Kerr - ein Theaterkritiker mit aufrechtem Gang
Für seine Anhänger war er der geistreichste Bühnenkritiker der Weimarer Republik, für seine Feinde der boshafteste. Stets spaltete der jüdischstämmige Alfred Kerr die Lager.

Das Theater bedeutete für Gertrud Eysoldt nicht die Welt, das Theater war ihre Welt, die sie mit allen Sinnen erkundete und belebte. Am 30. November 1870 im sächsischen Pirna geboren, führte ihr Weg auf die Bühne zielstrebig über München, Meiningen und Riga nach Berlin. In enger Zusammenarbeit mit Max Reinhardt wurde sie rasch zu der bedeutendsten, leidenschaftlich expressiven Charakterdarstellerin der deutschen Bühne. Gertrud Eysoldt, die "erste Feministin des deutschen Theaters", war, gleich ob sie Ibsen, Strindberg, Schnitzler, Wedekind oder Hofmannsthal spielte, eine der aufregendsten Femmes fatales zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Über ihre "Elektra" schrieb der Theaterkritiker Alfred Kerr 1903:

"Eine Fledermaus der Rache … Sie hält wunderbar die Arme gespreizt wie ein Nachtvogel die Fittiche. Sie ist mit Raubtieraugen Hüterin des Mordes, wird zu einem Ornament, zu einer Impression, zu einem Symbol ... der malenden Schauspielkunst".

Ikone der intellektuellen Elite Berlins

Fortan werden Begriffe wie "starke Empfindung", "dunkler Drang", "leidenschaftlich flammende Seelenregung" den Weg der Eysoldt als Idol der intellektuellen Elite Berlins begleiten. Hugo von Hofmannsthal schrieb ihr nicht weniger als drei weitere Figuren förmlich auf den Leib. Eine davon über das Schicksal der Jugend, in Gestalt eines jungen Mannes:

"Er verliert den Glauben an den Menschen, den er liebt. Das schauspielerisch Starke und Schwere daran - weswegen nur Sie die Rolle spielen können - ist, dass man fühlen muss, wie seine einfache Seele einen Sprung bekommt."

Das Trio Hofmannsthal, Reinhardt, Eysoldt

Und Hofmannsthal gefiel der Gedanke, dass "wir drei", also Gertrud Eysoldt, Max Reinhardt und er, wohl füreinander "auf die Welt gekommen" seien. Denn "die Eysoldt" war keineswegs nur eine emotionale Instinktschauspielerin. Sie verfügte über die Fähigkeit akribischer, analytischer Arbeit am und mit dem Text. Eine Sensibilität, die sie befähigte, sich ihren Rollen zugleich sensibel und reflektiert anzunähern und sie bis in ihre inneren Abgründe auszuleuchten:

"Wo der 'fond' des Menschen ist ... Rollen, die entweder ... eine große Vehemenz, geistige, hatten, oder ein Temperament, wie die Elektra, Antigone spiele ich gern ... ganz verwundete, weiche, schmerzhafte Rollen ..."

Das gesamte Theater-System im Visier

Dank ihrer theatralischen Passion endete für Eysoldt das Theater nicht auf der Bühne. Von Beginn ihrer Karriere an hatte sie das gesamte System der Theaterwelt im Auge, ob als Lehrerin oder, 1920, als Direktorin des "kleinen Schauspielhauses", wo sie gegen enorme Widerstände Arthur Schnitzlers "Reigen" zur Aufführung brachte. 

Die gleiche Haltung, dasselbe "standing", hat sie auch bewiesen, als sie Max Reinhardt vehement gegen Attacken - später auch antisemitischer Art – in Schutz nahm und an Anstand, Respekt und Vertrauen appellierte – denn, wie sie an Hugo von Hofmannsthal schreibt:

"Er ist verletzt worden. Es ist ein elender Handel, der sich da um seine Person und sein Werk abspielt ... Ich denke, er muss ein paar Menschen haben, in deren Gedanken er ausruhen kann von den hässlichen Bildern dieser Broschüre."

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Nach ihrer Glanzzeit im Berlin der 20er-Jahre zog sie sich – auch bedingt durch das Exil Max Reinhardts – schrittweise, aber ohne Resignation von der Bühne zurück. Ihre letzte Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg, die Mutter in Hofmannsthals "Der Tor und der Tod", führte sie mit 79 Jahren an die Volkshochschule Schorndorf: 

"Mich hat auch vor allem die Volkshochschule gereizt, weil ich in dem Erzieherischen der Jugend das Hauptsächlichste finde für das Weitergehen in der Welt."

Sandra Hüller in der Rolle von Hamlet sitzt auf einem Podest und blickt seitlich in die Kamera. Im Hintergrund ist Mercy Dorcas Otieno zu sehen. (JU Bochum/Schauspielhaus Bochum)Sandra Hüller als Hamlet am Schauspielhaus Bochum - für diese Darstellung erhielt sie den Gertrud-Eysoldt-Ring 2019 (JU Bochum/Schauspielhaus Bochum)

Es ist kein Zufall, dass herausragende Schauspieler seit 1986 mit dem Eysoldt-Ring geehrt werden, denn wie kaum eine Zweite verbindet sie mit jeder Nuance ihres unverwechselbaren Tons Kunstfertigkeit und Menschlichkeit:

"Ein Mutterleben. Nun, ein Drittel Schmerzen, eins Plage, Sorge eins.
Was weiß ein Mann davon.

...

Da, das Fenster, da stand ich oft und horchte in die Nacht hinaus."
Auf seinen Schritt,
wenn mich die Angst im Bett nicht länger litt
wenn er nicht kam

...

Wie oft! Freilich hat er nie davon gewusst."

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