Donnerstag, 18. August 2022

Archiv

Vor 200 Jahren geboren
Die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug

Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug ist heutzutage vergessen. Dabei hatte ihre Ende des 19. Jahrhunderts erschienene mehrteilige Autobiografie sie äußerst populär gemacht. Heute vor 200 Jahren wurde sie in Kassel geboren.

Von Anette Schneider | 28.10.2016

    "Ich erinnere mich noch des Entzückens, mit dem ich (meine Mutter) betrachtete, wenn sie ... sich zu einem Feste schmückte, besonders zu einem Ball bei Hof."
    Schreibt Malwida von Meysenbug in ihren "Memoiren einer Idealistin".
    Am 28. Oktober 1816 wurde sie in Kassel geboren. Ihr Vater Carl Rivalier von Meysenbug war Minister des Hessischen Kurfürsten, und seine Familie wohnte direkt neben dem Schloss.
    Im Revolutionsjahr 1830 war es damit vorbei. Die Kasseler Bevölkerung vertrieb den autokratischen Landesherrn und Minister Meysenbug dazu. Die Familie flüchtete in ihre Residenz nach Detmold. Dort besuchte die junge Malwida bald selbst Bälle, galt es doch, einen standesgemäßen Heiratskandidaten zu finden.
    1843 lernte sie den Theologen und späteren Revolutionär Theodor Althaus kennen. Er öffnete ihr die Augen für die herrschenden Missstände und machte sie mit demokratischen Ideen bekannt. Im Herbst 1847 reiste sie zu ihrem in Frankfurt lebenden Vater. Wenig später erlebte sie dort die Märzrevolution.
    "Die Stadt war in einer grenzenlosen Aufregung. Tribünen wurden in den Straßen improvisiert, von denen herab die hervorragendsten Volksmänner, wie Hecker, Struve, Blum und andere zu dem Volke sprachen!"
    Für die Abschaffung des Erbrechts
    Umgehend schloss sich die mittlerweile 32-Jährige radikal-demokratischen Kreisen an. Ihre Mutter war entsetzt, und zwang sie zurück nach Detmold. Doch auch dort traf Meysenbug Demokraten. Gemeinsam diskutierte man die aktuellen Ereignisse und entwickelte Forderungen für die neue Gesellschaft. Etwa: die Abschaffung des Erbschaftsrechts!
    "Zunächst würde das die ungeheure Macht des Kapitals beschränken. ... Jedes Individuum würde zur Arbeit greifen müssen, um leben zu können, und damit würde vielen Lastern vorgebeugt werden, die aus der Faulheit infolge geerbter Reichtümer entspringen."
    Auch Bildungsfragen wurden besprochen.
    "Die Ideen über die Volkserziehung interessierten uns am meisten. (...) Die Notwendigkeit, diese Erziehung auch auf die Frauen auszudehnen, wurde mir klar. Wie könnte ein Volk frei werden, wenn seine eine Hälfte ausgeschlossen wäre von der sorgfältigen, allseitigen Vorbereitung, die die wahre Freiheit für ein Volk ebensowohl wie für die Individuen verlangt?"
    1850 erfuhr Malwida von Meysenbug von der gerade gegründeten ersten "Hochschule für das weibliche Geschlecht" in Hamburg. Sofort reiste sie an die Elbe und studierte mit Frauen aus allen sozialen Schichten und jeden Alters unter Anleitung der besten Professoren.
    "Der Gedanke, die Frau zur völligen Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und zum Besitz aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur Verwirklichung getreten!"
    Emigration nach London
    Auch Meysenbug kämpfte für die Befreiung der Frau: Sie wurde zweite Leiterin der Schule, organisierte den Schulbetrieb, besuchte Arbeitervereinigungen, klärte auf, unterrichtete, schrieb Artikel.
    Doch schon 1852, nach dem Sieg der politischen Reaktion über die Märzrevolutionäre, musste die Schule schließen. Malwida von Meysenbug emigrierte nach London, wo sie viele ihrer politisch verfolgten Freunde wieder traf. Sie schrieb für Exilzeitschriften, gab Deutschunterricht und wurde Erzieherin der Töchter des Sozialrevolutionärs Alexander Herzen, in dessen Haus sie Revolutionäre wie Louis Blanc, Giuseppe Mazzini und Garibaldi kennenlernte, und wo Alexander Herzen kurz und knapp über sie notierte:
    "Äußerlich hässlich, aber ein vollkommen freies und entwickeltes Wesen."
    1862 verließ sie London und die Emigrantenkreise. Sie zog nach Rom, wo sie bis zu ihrem Tod 1903 lebte. In diesen Jahren schrieb sie ihre vierbändigen Memoiren, die wegen ihrer ausführlichen Schilderungen von Revolution, Exil und berühmten Zeitgenossen populär wurden. Gleichzeitig übersetzte sie Schriften und Romane von Herzen, Turgenjew und Tolstoi. Zu ihren Freunden zählten nun Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, deren elitäre Herrschaftsideen die alte Dame bald übernahm. Ihren früheren Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau schmälerte das jedoch nicht. So betont die Literaturwissenschaftlerin Anni Piorreck:
    "Sie war in ihrer vorgelebten Emanzipation ihrer Zeit mindestens um ein halbes Jahrhundert voraus!"