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StartseiteKalenderblattDer Anfang vom Ende der Pocken01.07.2021

Vor 225 Jahren: Edward Jenners Impf-PioniertatDer Anfang vom Ende der Pocken

Pocken-Pandemien quälten die Menschheit seit dem Altertum. Etwa jeder dritte Infizierte starb. Heute gelten die Pocken als ausgerottet. Der Durchbruch bei der Bekämpfung gelang dem britischen Arzt Edward Jenner. Am 1. Juli 1796 impfte er erstmals ein Kind mit "echtem" Pockenstoff.

Von Monika Dittrich

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Edward Jenner auf einem Holzstich nach einem Gemälde von Edouard Hamman (picture-alliance / akg-images)
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"Die Krankheit wütete durch die Familien, tötete und entstellte viele Kinder. (…) Das Übel betraf nun auch unser Haus, und überfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der ganze Körper war mit Blattern übersäet, das Gesicht zugedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden."

Schmerzhafte, stinkende Eiterpusteln

So schilderte Johann Wolfgang von Goethe die Pocken, oder Blattern, wie sie auch genannt wurden, die er als Kind überlebt hatte. Jahrhundertelang raffte die hochansteckende Krankheit Millionen Menschen dahin: Fürsten und Könige, Bauern und Bettler, viele Kinder. Es begann mit Fieber und Gliederschmerzen, dann kamen die typischen Pusteln, die vom Eiter anschwollen, schmerzten und stanken.

"Und wie der Name schon sagt, man hat damals keinen wissenschaftlichen Namen gegeben, sondern immer nach den Symptomen im Wesentlichen benannt, und nach den Erscheinungen auf der Haut, diese charakteristischen Pocken."

400.000 Pocken-Tote jährlich

Sagt der Medizinhistoriker Robert Jütte. Vor den Pocken fürchteten sich die Menschen schon im Altertum, seit dem Mittelalter grassierten sie schubweise in Europa. Wer die Infektion mit dem Variola-Virus überlebte, war danach vielleicht blind oder taub, mit ziemlicher Sicherheit jedenfalls von unansehnlichen Narben gezeichnet. Etwa jeder dritte Pockeninfizierte starb an der Krankheit. Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Europa rund 400.000 Pocken-Tote. Jedes Jahr. "Deswegen ist es eine der gefährlichsten Seuchen in der Menschheitsgeschichte gewesen.", so Robert Jütte.

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Die Idee, gezielt Pockeneiter zu impfen, kam aus Asien

Der Mann, der im Kampf gegen diese Seuche den Durchbruch erzielte, war Edward Jenner: ein Landarzt, der seit den 1770er-Jahren im Südwesten Englands praktizierte und geradezu besessen nach einer Methode suchte, wie den Pocken beizukommen wäre. Dass man nach einer überstandenen Infektion nicht noch einmal erkranken kann, wusste man bereits. Aus Asien stammte die Idee der sogenannten Variolation, also das absichtliche Einimpfen von Pockeneiter, um – so die Hoffnung - eine milde Infektion zu provozieren. Das war eine lebensgefährliche Prozedur. Edward Jenner aber kombinierte das Wissen um die Variolation mit einer Beobachtung aus seiner bäuerlichen Umgebung: Viele Melkerinnen waren offenbar immun gegen die Pocken, so Robert Jütte:

"Und das war auch natürlich einem Landarzt wie Edward Jenner zu Ohren gekommen, und so hat er dann seit den 1780er-Jahren einfach mal die Fälle gesammelt, die ihm zu Ohren gekommen waren."

Edward Jenners entscheidendes Experiment

Die Bauern ahnten, dass es eine Infektion mit den harmlosen Kuhpocken sein musste, die vor den gefährlichen Menschenpocken schützte. 1796 machte Edward Jenner sein entscheidendes Experiment: Er bestellte die Milchmagd Sarah Nelmes in seine Praxis, die gerade an den Kuhpocken erkrankt war. Über ihren Fall schrieb Jenner:

"Die Ansteckung ergriff gerade eine Stelle an der Hand, wo sie sich kurz zuvor mit einem Dorn geritzt hatte. Eine große geschwürige Pustel gesellte sich zu den üblichen Symptomen der Krankheit."

Absichtliche Injektion von Kuhpocken

Aus dieser Pustel entnahm der Arzt Flüssigkeit und ritzte sie dem Sohn seines Gärtners, dem achtjährigen James Phipps, in den Arm. Er infizierte das Kind also absichtlich mit den Kuhpocken:

"Am 7. Tage klagte er über Schwere in der Achsel, am 9. Tage befiel ihn ein leichter Frost, er verlor den Appetit und hatte geringen Kopfschmerz. Während des ganzen Tages war er offensichtlich krank und verbrachte die Nächte in Unruhe, doch am nächsten Tage fühlte er sich wiederum wohl."

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Der Junge erholte sich wie erwartet schnell von den Kuhpocken. Doch nun folgte der wichtigere und riskantere Teil dieses Menschenversuchs: Am 1. Juli 1796 infizierte Jenner das Kind mit den Menschenpocken:

"Um mir größere Gewißheit zu verschaffen, ob dieser vom Virus der Kuhpocken in so milder Form infizierte Knabe gegen Variola immun wäre, unterzog ich ihn (…) der Impfung mit der aus einer Pustel entnommenen Blatternmaterie. Sie wurde auf beiden Armen nach Vornahme mehrerer Einstiche und Schnitte sorgfältig übertragen, doch zu einem Ausbruch der Blattern kam es nicht."

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Das nun war der Beweis: Die Impfung mit den Kuhpocken hatte gewirkt und schützte vor den Menschenpocken. Es war der Anfang vom langen Ende der Seuche, 1980 konnte die Weltgesundheitsorganisation verkünden: Die Pocken sind ausgerottet. Der Begriff Vakzination für Impfung erinnert noch heute an Jenners Entdeckung – abgeleitet vom lateinischen Wort Vacca für "die Kuh".

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