Sonntag, 05. Dezember 2021

Vor 235 Jahren Ankunft in RomGoethes Sehnsucht nach Italien

Italien und insbesondere Rom waren Sehnsuchtsorte aus Johann Wolfgang von Goethes frühester Kindheit. Am 29. Oktober 1786 kam Johann Wolfgang von Goethe in Rom an und rettete sich damit aus einer tiefen Lebenskrise.

Von Christoph Schmitz-Scholemann | 29.10.2021

Eine Statue des deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe steht im Garten der Villa Borghese in Rom, Italien, aufgenommen am 23.04.2016. Das Goethe-Denkmal ist rund neun Meter hoch. Foto: Beate Schleep
Eine Statue Johann Wolfgang von Goethes im Garten der Villa Borghese in Rom (dpa / Beate Schleep)
Schon lange hatte sich der Dichter Johann Wolfgang von Goethe nicht mehr so wohlgefühlt wie im Spätherbst des Jahres 1786 in Rom. Er war 37 Jahre alt, sprühte vor Lebenslust und schrieb in sein Tagebuch: "Ja, ich bin endlich in der Hauptstadt der Welt angelangt!"
Wenige Wochen zuvor hatte er seine Pflichten als Minister im Thüringer Weimar Pflichten sein lassen und war, ohne irgendjemandem ein Sterbenswörtchen darüber zu sagen, undercover als Kaufmann Philipp Möller, in die Kutsche Richtung Süden gestiegen. Warum?
Michael Knoche, ehemaliger Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar: "Goethe war in eine Lebenskrise geraten. Seine Staatsgeschäfte, für die er verantwortlich war, Kriegskommission, Finanzverwaltung und so weiter haben ihn nicht mehr wirklich interessiert. Hinzu kam, dass er in einer künstlerischen Schaffenskrise war und die Beziehung, die ihm am allerwichtigsten war, zu Charlotte von Stein, war ebenfalls problematisch geworden, denn Frau von Stein war verheiratet."
Was trieb den Dichter ausgerechnet nach Italien? "Rom und Italien war ein Sehnsuchtsort aus der frühesten Kindheit. Sein Vater hatte bereits eine Reise nach Rom gemacht und ihm immer davon vorgeschwärmt und auch aus dem eigenen Tagebuch vorgelesen.

"Rom war für Goethe ein ganz großes Bildungserlebnis"

Knapp zwei Monate dauerte die Reise. München, Innsbruck, die Alpen, der Gardasee, Venedig. Goethe genoss die Schönheit der Landschaften und das lustige Treiben in den italienischen Städten. Am Abend des 29. Oktober 1786 stieg er an der Porta del Popolo in Rom aus der Kutsche.
Nach einer Nacht im Hotel fand er schon am nächsten Morgen eine mitten in der Stadt gelegene Wohnung, in der er bis zum Ende seines Aufenthalts bleiben sollte. "Das war die Via del Corso Nr. 18. Das war eine kleine Künstler-Wohngemeinschaft von deutschen Malern, die dort Unterkunft gefunden hatten."
Zur Künstler-WG gehörte auch der Maler Tischbein, der das berühmte Bild "Goethe in der Campagna" schuf: Mit ihm vor allem erkundete Goethe Rom. In seinen Tagebuchaufzeichnungen ist zu spüren, mit welcher Lust und welchem Kunsthunger er den überwältigenden Reichtum der Stadt an Bildern, antiken Monumenten, Kirchen und buntem Leben aufsog.
"Rom war für Goethe ein ganz großes Bildungserlebnis. Er spricht ja auch davon, er habe sich hier wiedergefunden, und dazu hat die Begegnung mit der antiken Kunst sehr stark beigetragen."
Auch in der Liebe fand Goethe in Rom zu unverkrampftem Genuss, wozu auch seine Unterkunft in der Via del Corso beitrug. "Das Zimmer hatte keinen Ofen, aber ein äußerst großes Bett. Und das kam Goethe entgegen, denn er wollte in Rom auch was erleben. Und davon hat er zum Beispiel in den römischen Elegien gesprochen."
"Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors / Und des geschaukelten Betts lieblich knarrender Ton."

Goethe schrieb Jahrzehnte später über die "Italienische Reise"

Drei Monate blieb Goethe, dann reiste er nach Sizilien und kehrte schließlich für ein weiteres dreiviertel Jahr nach Rom zurück. 7000 Taler soll er in dieser Zeit ausgegeben haben, damals das 35-fache des Jahresgehalts eines Lehrers. "Man muss wissen, dass Carl August, der Herzog aus Weimar, so großzügig war, ihm sein Gehalt als Minister einfach weiterzubezahlen."
Das Haus in der Via del Corso Nr. 18 steht bis heute. "Casa di Goethe" heißt es und beherbergt ein Museum mit Kulturzentrum. Über den Abschied aus der Ewigen Stadt schrieb Goethe in seinem Jahrzehnte später erschienenen Buch "Italienische Reise": "Bei der Abreise fällt einem doch immer jedes frühere Scheiden und auch das künftige letzte unwillkürlich in den Sinn, und mir drängt sich die Bemerkung auf, dass wir viel zu viel Voranstalten machen, um zu leben …"