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StartseiteKalenderblattDGB muss Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" verkaufen18.09.2016

Vor 30 Jahren DGB muss Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" verkaufen

Die katastrophale Wohnungsnot nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte die "Neue Heimat" groß. Das gewerkschaftseigene Wohnungsunternehmen wurde zu einem riesigen Baukonzern. Durch eine riskante Expansion und Betrügereien entstanden aber Milliardenverluste. Heute vor 30 Jahren verkaufte der DGB sein Unternehmen zum symbolischen Preis von einer D-Mark.

Von Wolfgang Stenke

Der Berliner Brotfabrikant Horst Schiesser (M) hatte im September 1986 rund 190.000 Wohnungen des gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzerns "Neue Heimat" für 1 Mark gekauft. Hier bei einer Pressekonferenz am 2. Oktober 1986 in Hamburg.  (dpa)
Der Berliner Brotfabrikant Horst Schiesser (M) hatte den gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzern "Neue Heimat" für 1 Mark gekauft. (dpa)

"Ich weiß nicht genau, was Herr Schiesser anders machen kann." - "Wie genau kennen Sie Herrn Schiesser denn?" - "Ich kenne Herrn Schiesser persönlich überhaupt nicht, ich habe aber auch nicht die Verhandlungen geführt, das ist Sache der Beteiligungsgesellschaft und ihres Vorstandes."

Ernst Breit, 1986 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, auf einer turbulenten Pressekonferenz. Es ging um den Verkauf des gewerkschaftseigenen Baukonzerns "Neue Heimat" an den Berliner Brotfabrikanten Horst Schiesser. Für den symbolischen Preis von 1 D-Mark erwarb am 18. September 1986 ein der Öffentlichkeit weitgehend Unbekannter das mit 17 Milliarden verschuldete Unternehmen, Europas größten Wohnungsbesitzer. Der DGB wollte sich damit das defizitäre Firmenkonglomerat der "Neuen Heimat" vom Hals schaffen. Das Führungspersonal der Gesellschaft hatte durch schamlose Selbstbereicherung die Idee der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft nachhaltig diskreditiert. – Oscar Schneider (CSU), Bauminister der schwarz-gelben Bundesregierung unter Helmut Kohl:

"Die Geschäftsführung der Neuen Heimat hat sich schwere misswirtschaftliche Tätigkeiten zuschulden kommen lassen. Sie hat spekuliert, sie hat mit einem hohen Sozialvermögen spekuliert, sie hat durch die Misswirtschaft ohne Not die Neue Heimat in diese Lage gebracht."

Riskante und verlustreiche Expansion

"Diese Lage" war in der Tat einer der größten Skandale in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Albert Vietor, der Vorstandsvorsitzende, und andere Führungskräfte des Unternehmens hatten sich durch trickreich verschleierte private Beteiligungen an Tochtergesellschaften, die Fernwärme lieferten oder Antennensysteme für die Wohnanlagen installierten, Millionen zugeschanzt. Ein ehemaliger Pressesprecher der "Neuen Heimat" schob 1982 dem "Spiegel" Belege für diese betrügerischen Geschäfte zu. Das Nachrichtenmagazin enthüllte das Geflecht der Korruption:

"Neue Heimat: Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen."

Außenansicht der Hamburger Zentrale des gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmens Neue Heimat im Jahr 1986. (AP Archiv)Außenansicht der Hamburger Zentrale des gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmens Neue Heimat im Jahr 1986. (AP Archiv)Die Gelder, die die hoch dotierte Führungsriege der "Neuen Heimat" sich in die Tasche geschoben hatte, waren jedoch nur ein kleiner Teil der Finanzprobleme des Riesenkonzerns, der mehr als 320.000 Wohnungen besaß. Trotz geringem Eigenkapital expandierte die "Neue Heimat" seit Ende der 60er-Jahre immer stärker. Mit ihren Beteiligungsgesellschaften baute sie nicht nur in Deutschland Trabantenstädte wie die Bremer "Neue Vahr" oder Großkliniken, Hotels, Kongress- und Einkaufszentren, Rathäuser und Schulen. Auch in Frankreich, Italien Venezuela, Mexiko und Brasilien war die "Neue Heimat" aktiv – immer nach dem Motto:

"Wenn Sie wollen, können Sie bei uns eine komplette Stadt bestellen."

Keine Hilfe von der schwarz-gelben Regierung

Vorstand und Eigentümer sahen in der Ausweitung der Tätigkeitsfelder ein "Instrument gewerkschaftlicher Strukturpolitik". Städtebau sollte "mit Industrieansiedlung Hand in Hand gehen". Im Kerngeschäft, dem gemeinnützigen Wohnungsbau, aber liefen der "Neuen Heimat" wegen steigender Kreditzinsen die Kosten davon. Auch die Auslandsengagements und Prestigeprojekte wie das Internationale Congresscentrum Berlin waren verlustreich. Um den Bankrott zu vermeiden, musste der DGB bis in die frühen 80er-Jahre rund 1,5 Milliarden D-Mark zuschießen. Trotz der Bedeutung der "Neuen Heimat" für Hunderttausende von Mietern war von der schwarz-gelben Bundesregierung unter Kohl und Genscher keine Hilfe zu erwarten. – Otto Graf Lambsdorff (FDP) im Bundestag:

"Für die FDP-Fraktion sage ich mit aller Deutlichkeit ‚Nein’ zu jedem beabsichtigten Griff in öffentliche Kassen. Wenn hier einer zahlen muss, meine Damen und Herren, dann ist es der Deutsche Gewerkschaftsbund."

Am Ende blieb dem DGB nur noch der Verkauf zum Symbolpreis von einer Mark. Der Großbäcker Horst Schiesser wurde im Herbst 1986 jedoch nur für 43 Tage Eigentümer der "Neuen Heimat", da die Banken Kredite verweigerten. Der Verkauf musste rückgängig gemacht werden. Danach gründete der DGB eine Treuhandgesellschaft. Sie sollte das Unternehmen auf eine für Mieter wie Mitarbeiter sozial verträgliche Weise abwickeln. Teile des Wohnungsbestandes gingen an einige Bundesländer, der Rest wurde privatisiert.
De facto endete die Auflösung der "Neuen Heimat" 1990. Mit ihr begrub der DGB auch den Gedanken der gewerkschaftlichen Gemeinwirtschaft. Heute machen Immobilienkonzerne wie "Vonovia" oder "Deutsche Wohnen" das Geschäft.

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