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StartseiteKalenderblatt"Der Widerspenstigen Zähmung" erstmals aufgeführt13.06.2019

Vor 425 Jahren"Der Widerspenstigen Zähmung" erstmals aufgeführt

Ein Stück, das begeisterte – und empörte: 1594 wurde Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" im theaterversessenen London uraufgeführt. Darin waltet ein Sadist, der seine eigentlich toughe Braut Katharina systematisch unterdrückt. Das Stück wurde zum Straßenfeger.

Von Hildegard Wenner

William Shakespeare - eine zeitgenössische Darstellung des erfolgreichsten Bühnenautors aller Zeiten. (dpa / picture alliance)
Der Dramatiker Shakespeare hatte für "Der Widerspenstigen Zähmung" nichts Handschriftliches hinterlassen, die erste Druckversion erschien 1623, sieben Jahre nach seinem Tod. (dpa / picture alliance)
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"Ich habe mit dem Leiter der theaterwissenschaftlichen Abteilung an der Theaterhochschule Leipzig diskutieren müssen, ob das von Petruchio eine Unterdrückung ist der Frau oder ob das Liebe ist", sagt Dieter Dorn. Vorsichtshalber hat der spätere Theaterintendant nach seinem Studium William Shakespeares frühe Komödie "Der Widerspenstigen Zähmung" nie selbst inszeniert.

Heute stellt sich für jeden Regisseur, der dem Dramatiker werktreu folgt, eine ganz andere Frage: Wie komme ich nach der Aufführung lebend aus dem Theater? Ein erprobter Trick: Die Männer- und Frauenrollen werden einfach vertauscht. Denn dieser Petruchio ist, bei Lichte besehen, ein Sadist und Folterer, der seine Braut Katharina - eine ziemlich toughe junge Frau - per Gehirnwäsche, Nahrungs- und Schlafentzug unter den Daumen zwingt.

"Das ist die Art, durch Lieb ein Weib zu zwingen. So beug ich ihren harten Eigensinn. Wer Widerspenstige besser weiß zu zähmen, mag's freundlich mir zu sagen sich bequemen", so heißt es im Stück.

"Kein Mann von einigem Anstand kann es in der Gesellschaft einer Frau bis zu Ende ansehen, ohne von der Herr-der-Schöpfung-Moral … in höchste Peinlichkeit versetzt zu werden," schrieb George Bernard Shaw immerhin schon 1897 über Shakespeares Dressurstück. Derlei Skrupel kannte man 300 Jahre vorher natürlich noch nicht.

Shakespeare nutzte verschiedene literarische Vorlagen

Im theaterversessenen London des Jahres 1594, die Pest war eben überstanden, wurde Shakespeares Schauspiel "In Versen und Prosa" dem Geschäftstagebuch des Theaterunternehmers Philip Henslowe zufolge am 13. Juni im Newington Butts Playhouse, ziemlich weit draußen am südlichen Themseufer, uraufgeführt.

Bei Henslowe steht allerdings "Einer Widerspenstigen Zähmung". Ein solches – anonymes – Stück existierte auch, im Newington Butts gespielt wurde aber, da sind sich die Detektive einig, "Der Widerspenstigen Zähmung" aus der Feder Shakespeares.

Der kombinierte – und "veredelte" – für seine Komödie drei verschiedene literarische Vorlagen. Schon Sokrates und seine Frau Xanthippe stehen Pate für die beiden Kampfhähne Katharina und Petruchio, wie folgender Auszug zeigt:

"Du lieber Gott, wie hell und freundlich scheint der Mond." "Der Mond? Die Sonne! Jetzt scheint doch nicht der Mond."

"Ich sag Dir Schatz, es ist der Mond, der scheint."

"Und ich sag's noch einmal. Es ist die Sonne."

"Bei meiner Mutter Sohn, und das bin ich: Der Mond soll sein, die Sterne oder was ich will. Immer nur Widerspruch und Widerspruch."

Idee des Vorspiels aus "Märchen aus 1001 Nacht"

Das Kammerspiel ums letzte Wort in der frischen Ehe umrahmt eine Posse wie aus der Commedia dell'arte. Katharinas jüngere Schwester Bianca wird von lauter Pappkameraden-Freiern, intrigant verkleideten und echten, beinahe rund um die Uhr belagert, darf im Padua der Renaissance aber eben erst heiraten, wenn die aufsässige Erstgeborene unter der Haube ist.

Die Geschichte lässt sich ganz ähnlich bei dem italienischen Dichter Ludovico Ariosto nachlesen. Und die Idee des Vorspiels stammt aus den "Märchen aus 1001 Nacht": Der betrunkene Kesselflicker Sly wird aus Jux in ein fürstliches Bett gelegt und bekommt exklusiv "Der Widerspenstigen Zähmung" von einer reisenden Schauspieltruppe vorgeführt.

Für Friedrich Gundolf, literaturwissenschaftliches Sprachrohr der Weimarer Republik, hat Shakespeare aus allem einen genialen Strauß gebunden: "Die szenische Polyphonie, die leichte Bewegung mannigfacher Figuren im regen, niemals schlaffen oder angestrengten Spiel von Gegensätzen der Temperamente, Stimmungen, Stände übertrifft alle früheren Orchester der englischen Bühne."

"The Taming of the Shrew" wurde schnell ein Straßenfeger des elisabethanischen Theaters. Shakespeare war schon sieben Jahre tot, als "Der Widerspenstigen Zähmung" 1623 im so genannten First Folio erstmals gedruckt erschien. Der Dramatiker selbst hatte ja nichts Handschriftliches hinterlassen – außer einem Testament mit dem berühmten "zweitbesten Bett" für seine Frau.

Treibt nicht nur Romantikern die Schamröte ins Gesicht

Um Liebe übrigens geht es in "Der Widerspenstigen Zähmung" überhaupt nicht: Biancas Freier fallen als ungetarnte Mitgiftjäger dermaßen mit der Tür ins Haus des Brautvaters Baptista - das treibt nicht nur Romantikern die Schamröte ins Gesicht. Den größten Anstoß allerdings erregt der berühmte Schlussmonolog, die Totalkapitulation der "gezähmten" Katharina:

"Lernt von mir, dem Ehemann zu dienen. Ich leg die Hände unter seine Füße, ihm, dem Gemahl, den ich als Herrn begrüße."

Trotz der kruden Botschaft wird die – oder eben der Widerspenstige noch immer auf allen Bühnen der Welt gezähmt – längst auch als Oper, Ballett oder Film. "Schlag nach bei Shakespeare", heißt es in Cole Porters Musical "Kiss me Kate". Ja, wenn es so einfach wäre!

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