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Vor 60 Jahren
Eröffnung der "Lach- und Schießgesellschaft"

Auf einer kleinen Bühne in Schwabing trat 1956 die "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" zum ersten Mal auf. Die Zuschauer waren so begeistert, dass die ARD das Programm bald darauf im Fernsehen sendete. Unter der Regie von Sammy Drechsel wurde das Ensemble um Dieter Hildebrandt zum beliebtesten Kabarett der Bundesrepublik.

Von Hartmut Goege | 12.12.2016
    Die Mitglieder des Münchner Kabaretts "Lach- und Schießgesellschaft" (l-r) Dieter Hildebrandt, Ursula Noack und Jürgen Scheller als Reporter dreier Zeitungen in einer Szene des neuen Programms namens "Halt die Presse!" (Archivbild vom 03.03.1963).
    Dieter Hildebrandt, Ursula Noack und Jürgen Scheller in einem Sketch. (dpa)
    "Es ist zum Schießen, zum Schießen, zum Schießen! Es ist zum Schießen, alles angerichtet, aufgestellt, geprüft, gesichtet. Es ist zum Lachen, zum Lachen, zum Lachen! Es ist zum Lachen alles ausgerichtet, umgestellt, seziert, gesichtet. Hiermit eröffnen wir, hiermit eröffnen wir ...!"
    Ein Mittwochabend am 12. Dezember 1956 in einer Schwabinger Künstlerkneipe. Rund 100 Gäste drängen sich auf engstem Raum vor einer knapp 4qm großen Bühne. Die Premiere des vierköpfigen neuen Kabarett-Ensembles "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" mit ihrem Programm "Denn sie müssen nicht, was sie tun" wird nach nur drei Wochen Probezeit derart begeistert aufgenommen, dass die ARD die Aufführung drei Monate später im Fernsehen ausstrahlt.
    Beliebtestes Kabarett der Republik
    Es ist die Geburtsstunde des bald beliebtesten Kabaretts der Republik. Geburtshilfe hat der umtriebige Sammy Drechsel geleistet, bekannter Sportreporter beim Bayerischen Rundfunk. Er führt fortan Regie bei sämtlichen Lach- und Schieß-Programmen:
    "Und unser Haus liegt an der Münchner Freiheit. Doch bis zur Freiheit ist es noch sehr weit."
    Sammy Drechsel: "Die Lach- und Schießgesellschaft wäre nie entstanden, wenn nicht Dieter Hildebrandt und noch zwei andere Studenten, die gleichzeitig auch Kabarett machten, zu mir gekommen wären und hätten gesagt, können wir bei Ihnen mitspielen, bei Ihrem FC Schmiere, da spielen doch lauter Künstler."
    Drechsel, begeisterter Hobbyfußballer, leitet eine Prominenten-Elf, die für wohltätige Zwecke kickt. Mit dem neuen Mitspieler Hildebrandt verbindet ihn schnell der ausgeprägte Hang zu Satire. Dieter Hildebrandt erinnerte sich später:
    "Er sagte, 'wir können kein Kabarett gründen, ohne jemanden, zu dem die Leute kommen. Zu uns will kein Mensch, uns kennt keiner. Wir brauchen die Ulla Herking.' Sag ich: 'Oh, da bist du aber ganz hoch, da pokerst du aber hoch!' – 'Wetten, die kriege ich!' Sag ich: 'Sammy!' - ‘Und dann will ich noch den Havenstein‘ sagt er."
    Herking und Havenstein steigen ein
    Obwohl Ursula Herking, Star im Nachkriegskabarett 'Die Schaubude', und der Komödiant Klaus Havenstein sich anfangs sträuben, holt der hartnäckige Drechsel beide ins Boot:
    "Der hat zur Herking gesagt, wenn du mitspielst, dann macht der Klaus auch mit, ich brauch nur noch Deine Zustimmung, dann habe ich auch den Klaus. Und mir hat er gesagt, die Herking macht mit, wenn du mitmachst. Also, so hat er uns gegeneinander ausgespielt."
    Der Schauspieler Hans-Jürgen Diedrich vervollständigt das Quartett auf der Bühne. Zündstoff gibt es in der Restaurationszeit der Adenauer-Ära genug. Die Lach- und Schießgesellschaft legt die Finger in die Wunden der jungen Republik. Ob Wiederaufrüstung, Kirche, Wirtschaftswunder oder Rückkehr von Alt-Nazis in Politik und Gesellschaft, - oft wird die sarkastische Kritik an Personen und Zuständen in Form von Bänkelgesängen vorgetragen:
    "In diesem Land, da ist das ganz normal, da gibt es Räuberbanden ohne Zahl, und die sind außerdem noch kolossal legal, auch wenn du Flick am Zeuge flickst, dem ist das ganz egal."
    Rekordeinschaltquoten Anfang der 60er
    Anfang der 60er-Jahre ist die "Lach und Schieß" – wie sie salopp genannt wird - ein bundesdeutscher Markenartikel. Mit der stetig wachsenden Zahl an Fernsehzuschauern wird auch das Ensemble bei Rekordeinschaltquoten von über 50 Prozent immer populärer. Unangefochtener Star der Truppe wird Dieter Hildebrandt: Seine scheinbar improvisierten, stakkatomäßig vorgetragenen Halbsatz-Kommentare zur politischen Lage werden zu Höhepunkten der jährlichen Programme, die Titel tragen wie Bette sich wer kann oder Wähl den, der lügt:
    "Also, ich kann mich auch gar nicht beruhigen, die Presse, die schürt das ja auch immer, die sollen lieber 80 km Märsche machen, statt die Jugend zu verhetzen. Die sind ja schon so verhetzt. Neulich hat mich ein Schüler gefragt, was der Unterschied ist zwischen den Nürnberger Gesetzen und dem Nürnberger Prozess? Ich sage, der Unterschied ist der, dass der Globke beim Prozess nicht dabei war."
    Satirische Jahresrückblicke
    Ab 1963 hatte der Bayerische Rundfunk alle zwei Jahre das Silvesterprogramm zu bestreiten. Unter dem Titel "Schimpf vor Zwölf" zelebrierte die Lach- und Schießgesellschaft ihre satirischen Jahresrückblicke.
    "Ach war das ein gutes Jahr, ach war das ein gutes Jahr, ach war das ein Bom, Bom, Bombenjahr. Bomben und Granaten, ja, ach war das ein gutes Jahr. Granaten, Panzer, Patronen, Millionen, Millionen, Millionen."
    1972, mit dem Wechsel der Kanzlerschaft von CDU zu SPD, ging das Ensemble auseinander. Manche Kritiker hatten ihm leicht elitäre Gesellschaftskritik vorgeworfen. Vier Jahre später aber ging es mit einer neuen Generation von Kabarettisten wie Jochen Busse oder Bruno Jonas weiter.
    Hildebrandt als großer Mentor im Hintergrund
    Hildebrandt blieb bis zu seinem Tod der große Mentor im Hintergrund. 2011 wurde das feste Ensemble abgeschafft und die Bühne nur noch für Gastauftritte genutzt. Pünktlich zum 60. Jubiläumsjahr aber hat sich die Lach- und Schießgesellschaft mit einer neuen festen Truppe zurückgemeldet.