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Vor 70 JahrenGründung der Weltnaturschutzunion

Die Rote Liste der bedrohten Arten ist das bekannteste Produkt der am 5. Oktober 1948 gegründeten Weltnaturschutzunion. Sie dokumentiert das Verschwinden und Aussterben von Pflanzen- und Tierarten und hat politisches Gewicht. Auch darüber hinaus hat die größte Naturschutzorganisation der Welt Einfluss.

Von Monika Seynsche | 05.10.2018

Ein Eisbär auf zugefrorenem Wasser.
Auf der Roten Liste der Naturschutzunion: Eisbären drohen zum Opfer des Klimawandels zu werden (imago/Westend61)
Auf den Stufen des Schlosses von Fontainebleau bei Paris versammelten sich am 5. Oktober 1948 weit über 100 Konferenzteilnehmer aus aller Welt zu einem Gruppenbild. Sie waren angereist, um eine einzigartige Organisation zu gründen, deren Ziel es laut ihrer Satzung sein sollte, "Gesellschaften weltweit zu beeinflussen, zu ermutigen und zu unterstützen, die Unversehrtheit und Vielfalt der Natur zu erhalten und sicherzustellen, dass jeglicher Gebrauch natürlicher Ressourcen gerecht und ökologisch nachhaltig erfolgt".
Simon Stuart: "Zu diesem Zeitpunkt hatte man weltweit realisiert, dass man ein schreckliches Chaos angerichtet hatte. Wir hatten zwei Weltkriege hinter uns, und es war an der Zeit, die internationalen Angelegenheiten besser zu regeln. So wurden zahlreiche Organisationen gegründet, unter anderem eben auch die Weltnaturschutzunion IUCN."
Schutz von Lebensräumen und UNESCO-Berater
Denn es war immer deutlicher geworden, dass Naturschutz nicht an Landesgrenzen aufhören darf. Der Brite Simon Stuart hat über 30 Jahre lang für die IUCN, die International Union for the Conservation of Nature gearbeitet, unter anderem als ihr Generaldirektor. Aus dem Verein von ursprünglich 18 Regierungen und 114 nichtstaatlichen Organisationen ist mittlerweile die größte Naturschutzorganisation der Welt geworden.
"Zu ihren Mitgliedern zählen Regierungen, Behörden, sowie Nichtregierungsorganisationen wie etwa der WWF und zahlreiche andere. Außerdem gehört ihr ein sehr großes Netzwerk von Wissenschaftlern an, die in verschiedenen Kommissionen arbeiten", erläutert Simon Stuart. Die Weltnaturschutzunion kümmert sich um den Schutz von Lebensräumen, sie berät das Welterbe-Komitee der UNESCO und gibt die sogenannte Rote Liste der Bedrohten Arten heraus.
Viola Clausnitzer vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz leitet bei der Artenschutzkommission die Dragonfly Specialist Group, die untersucht, welche Libellenarten wie stark bedroht sind und entscheidet, ob eine Art als vom Aussterben bedroht, als stark gefährdet oder als nicht bedroht auf der Roten Liste erscheint "Das Netzwerk besteht aus weit über 10.000 Wissenschaftlern von allen möglichen Ländern. (…) es sind aber auch sehr viele Privatpersonen dabei, die ganz andere Berufe vornehmen, (...) und in ihrer Freizeit sich um eine bestimmte Art oder Artengruppe kümmern. Die erfassen Daten, die wissen, wo die Arten vorkommen, und die wissen auch, ob eine Art zurückgegangen ist."
Rote Liste: Einstufung hat politisches Gewicht
Etwa weil ihr Lebensraum zerstört wurde. Alle diese Informationen tragen Viola Clausnitzer und ihre Kollegen zusammen und bestimmen den Gefährdungsstatus. Die Rote Liste ist das bekannteste Produkt der Weltnaturschutzunion. Auf ihr stehen über 90.000 Tier- und Pflanzenarten, eingeteilt in sieben verschiedene Kategorien: von "nicht gefährdet", über "bedroht" bis hin zu "ausgestorben". Wird eine Art als stark gefährdet oder gar als vom Aussterben bedroht eingestuft, hat das oft politisches Gewicht. Denn keine Regierung und kein Unternehmen möchte gern für das Aussterben einer Art verantwortlich gemacht werden.
Viola Clausnitzer: "Es gibt ein paar Arten, die wirtschaftlich interessant sind, wo es tatsächlich Konflikte gab. Ich nehme als Beispiel mal die nutzbaren Meeresfische, vor allen Dingen Thunfischarten." Die Fischereilobby wollte um jeden Preis verhindern, dass begehrte Thunfischarten als stark gefährdet eingestuft und damit nur noch in engen Grenzen gejagt werden dürfen. Die Wissenschaftler, die für die Einstufung verantwortlich waren, wurden massiv unter Druck gesetzt. Allerdings ohne Erfolg. Der Rote Thun wurde trotzdem als stark gefährdet eingestuft, der südliche Blauflossen-Thunfisch sogar als vom Aussterben bedroht. In einem anderen Fall musste die Weltbank unter hohen Kosten den Lebensraum einer kleinen Krötenart wiederherstellen lassen, die durch ein von ihr finanziertes Staudammprojekt in der Wildnis ausgestorben war.
"Größtes Problem der Weltnaturschutzunion zurzeit ist das Desinteresse"
Durch die Zerstörung der Natur gelangen immer mehr Tier- und Pflanzenarten in die hohen Gefährdungsstufen der Roten Liste. Dort angekommen, stehen sie und ihr Lebensraum allerdings auch unter einem besonderen Schutz, die Jagd und der Handel mit ihnen sind streng reglementiert. Dadurch haben sich die Bestände einiger vom Aussterben bedrohter Arten erholen können.
So hat die IUCN durchaus Erfolge feiern können. Doch Simon Stuart warnt: "Das vielleicht größte Problem der Weltnaturschutzunion zurzeit ist das Desinteresse von außen. Wir müssten heute mehr denn je dafür tun, die Umwelt zu schützen. Aber viele Regierungen geben weniger Geld, das politische Engagement ist deutlich geringer als früher. Die Weltnaturschutzunion versucht immer, klar zu machen, dass Umweltschutz uns alle angeht, egal, woher wir kommen, welcher Kultur, Religion oder politischen Überzeugung wir angehören."