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StartseiteKalenderblattAlfried Krupp – Erbe der Waffenschmiede der Nazis11.04.2020

Vor 75 Jahren verhaftetAlfried Krupp – Erbe der Waffenschmiede der Nazis

Er war der Erbe der sogenannten Waffenschmiede des "Deutschen Reiches". Während des NS-Diktatur war er mitverantwortlich für die Beschäftigung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Am 11. April 1945 verhafteten US-Soldaten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach in seinem Domizil, der Villa Hügel.

Von Winfried Dolderer

Das Bild zeigt die Ausgabe der Anklageschriften im Prozess gegen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Ewald Loeser, Eduard Houdremont, Erich Müller, Hans Kupke und weitere Angeklagte (picture-alliance / akg-images)
Im Nürnberger Krupp-Prozess mussten sich auch (v.l.) Alfried Krupp und elf Direktoren seines Konzerns vor Gericht verantworten (picture-alliance / akg-images)
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Die Bediensteten der Essener Villa Hügel hatten wie zur Begrüßung eines Staatsgastes vor dem Säulenportikus Aufstellung genommen, als die amerikanischen Militärjeeps vorfuhren. Mit gezogener Pistole sprang Oberstleutnant Clarence Sagmoen aus seinem Wagen und stürmte in die Eingangshalle. Als der Hausherr erschien, entspann sich der folgende Dialog:

"Ich bin der Inhaber dieses Gutes. Was wünschen Sie? "Sind Sie Krupp?" "Ja, ich bin Krupp von Bohlen." "Sie sind verhaftet."

Für Alfried Krupp von Bohlen und Halbach begann mit diesem Wortwechsel am Vormittag des 11. April 1945 ein Leben hinter Gittern, das mehr als fünfeinhalb Jahre dauern sollte.

"Ich habe ihn einfach am Genick gepackt und in den Jeep geschmissen."

So soll Sagmoens Begleiter, Hauptmann Benjamin Westerveld, einem Reporter die Szene geschildert haben, die der Haushälterin der Villa Hügel in traumatischer Erinnerung blieb.

"Ich habe (…) manchen traurigen Tag erlebt. Der traurigste war, als der junge Chef, der Juniorchef, weggeführt wurde wie ein Verbrecher, und wo wir alle wussten, dass er doch nur ein ganz edler, guter Mensch war."

Seit 1943 Alleininhaber des Stahlkonzerns

Die amerikanische Militärjustiz sah das anders. Alfried, Urenkel des legendären "Kanonenkönigs" Alfred Krupp, war seit 1938 Mitglied des Vorstandes und seit 1943 Alleininhaber des Essener Stahlkonzerns. In den Augen der Alliierten trug er damit die Verantwortung für Zustände, wie ein Zeuge sie Anfang 1945 in einem Lager für 500 jüdische Zwangsarbeiterinnen der Firma Krupp beobachtete.

"Die Gefangenen waren zunächst in einfachen Holzbaracken untergebracht. Diese brannten bei einem Luftangriff ab, und seitdem mussten die Gefangenen in einem feuchten Keller schlafen. (…) Sie konnten sich nicht waschen, weil es kein Wasser gab. (…) Am Morgen gab es keinen Kaffee und nichts zu essen. Um 5.15 Uhr brachen sie zur Fabrik auf, dürftig gekleidet und schlecht beschuht, manche ohne Schuhe, bei Regen oder Schnee in eine Decke gehüllt."

Während der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht mussten Juden - wie hier beim Straßenbau - Zwangsarbeit verrichten (undatierte Aufnahme). Die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft hat am 22.5.2001 den Weg für die Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter frei gemacht. Nach der Abweisung der Sammelklagen in den USA sei jetzt die notwendige Rechtssicherheit gegeben. Die Entscheidung sorgte für Erleichterung im In- und Ausland. (picture alliance / dpa / Ullstein) (picture alliance / dpa / Ullstein)Entschädigung für NS-Zwangsarbeit - Späte Einsicht, wenig Geld
Die Nationalsozialisten verpflichteten vor und vor allem während des Krieges Millionen Menschen zu Zwangsarbeit. Der Kampf für Entschädigung war nach dem Zweiten Weltkrieg lang und zäh. Zufrieden mit den Zahlungen sind viele von ihnen nicht.

Neben ihrem Anteil an der Ausplünderung besetzter Gebiete war Ausbeutung und Misshandlung von Sklavenarbeitern der Hauptvorwurf, für den sich Alfried und elf Mitglieder seines Vorstandes seit November 1947 vor einem US-Militärtribunal verantworten mussten. Die Verteidigung machte geltend, die Firma habe keinen Einfluss auf die Zustände in den Lagern gehabt, die von SS und Gestapo geführt worden seien. Sie habe sich obendrein nur widerwillig in den Einsatz von Zwangsarbeitern gefügt.

"Wir konnten eigentlich nichts dafür tun und sehr wenig dagegen. Natürlich haben wir in vielen Fällen versucht, zu bremsen, ne, auch gerade diese ganze Beschäftigung von Auslandsarbeitern, nicht, wir haben uns mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber es war nichts zu machen."

So schilderte Alfried selber später seine Sicht der Dinge. Sein Anwalt Otto Kranzbühler resümierte rückblickend:

"Da die deutschen Männer im Kriege waren, wurde ein großer Teil der Arbeitsleistung im Kriege von Ausländern vollzogen. Das waren Kriegsgefangene, freiwillige ausländische Arbeitskräfte, zwangsweise hereingeholte ausländische Arbeitskräfte und KZ-Häftlinge, insgesamt fünf Millionen. Krupp beschäftigt davon 1,5 Prozent. Das zeigt schon, dass von irgendeiner Verantwortung für dieses Programm gar keine Rede sein kann."

Verurteilt aber frühzeitig freigelassen

Im Juli 1948 verurteilte das Gericht Alfried Krupp zu zwölf Jahren Haft. Was in den Augen seiner Ankläger nicht viel weniger schwer wog als die ihm strafrechtlich zuzumessende Verantwortung, war die Tradition, die er repräsentierte. Seit den Tagen seines Urgroßvaters hatte Krupp deutsche Armeen mit hochwertigen Geschützen ausgestattet, die in den Kriegen Otto von Bismarcks, im Ersten und erneut im Zweiten Weltkrieg ihr Werk taten. Die Familie Krupp sei in vier Generationen Fokus und Nutznießer der finstersten Kräfte gewesen, die Europas Frieden bedrohten, meinte Robert Jackson, US-Chefankläger im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Alfried selber legte sich eine Art Verschwörungstheorie zurecht.

 "Ich habe das Gefühl, dass Amerika seit 1939 eine ungeheure Mühe gehabt hat, sein an sich friedliebendes Volk zum Eintritt in den Krieg zu (…). Dass sie das nun, diese Propaganda, die man ihnen zum Teil nicht geglaubt hat in Amerika, um die nun nachträglich zu beweisen (…), das war, glaube ich, der Hauptzweck der ganzen Nachfolgeprozesse."

Absitzen musste er, wie auch andere verurteilte Täter, seine Haftstrafe nicht. Im Januar 1951 öffnete sich für ihn das Tor des Landsberger Gefängnisses.

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