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StartseiteKalenderblattWinston Churchills Antrittsrede als Premierminister13.05.2020

Vor 80 JahrenWinston Churchills Antrittsrede als Premierminister

Als Winston Churchill sein Amt als britischer Premierminister antrat, war er alles andere als der Wunschkandidat seiner Partei. Doch bald wurde er zur nationalen Integrationsfigur in der Zeit der Bedrohung durch das deutsche NS-Regime. Berühmt wurden Churchills große Reden von 1940.

Von Bert-Oliver Manig

Winston Churchill redet vor Marinesoldaten bei der Horse Guards Parade in London im Jahr 1940. (picture alliance / Photoshot)
Winston Churchill redet vor Marinesoldaten bei der Horse Guards Parade in London im Jahr 1940. (picture alliance / Photoshot)
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Schon als junger Kavallerieoffizier sehnte sich Winston Churchill danach, als großer politischer Redner zu wirken:

"Von allen Fähigkeiten ist keine so wertvoll wie die Gabe der Rhetorik. Wer sie besitzt, übt eine Macht aus, die dauerhafter ist als die eines großen Königs. Er ist eine unabhängige Kraft in der Welt."

Churchill verfasste sogar einen Roman, dessen Held seine überragende rednerische Begabung zur Rettung des Vaterlandes im Kampf gegen einen amoralischen Diktator einsetzt. Fast ein halbes Jahrhundert später war es tatsächlich so weit: Am 13. Mai 1940 hielt Churchill seine erste Rede als frisch ernannter Premierminister im Unterhaus des britischen Parlaments. Ihr Thema war die Rettung des Vaterlandes.

Churchills Ruf als unzuverlässiger, eitler Hasardeur

Die Lage war danach. Großbritannien stand im Krieg mit dem faschistischen Deutschen Reich, und jüngst war die hochgerüstete Wehrmacht in Frankreich, Belgien und in den Niederlanden eingefallen. Schon zeichnete sich die militärische Niederlage der parlamentarischen Demokratien Westeuropas ab - ein weiteres Desaster nach den deutschen Überfällen auf Polen und Norwegen, die Großbritannien nicht hatte verhindern können.

Aus Sicht der Conservative Party war Churchill als Chef einer nationalen Einheitsregierung mit Labour und den Liberalen nur eine Notlösung. Viele Parteifreunde verachteten ihn als unzuverlässigen und eitlen Hasardeur, der jahrelang die eigene Regierung, vor allem die weiche Appeasementpolitik seines Vorgängers Neville Chamberlain gegenüber Nazi-Deutschland, scharf kritisiert hatte. Einige Tories liebäugelten noch immer mit einer Verständigung mit Hitler, befürchteten sie doch vom Krieg die Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung.

Brillianter, inspirierender Rhetoriker

Doch die Zeit für aristokratische Ambivalenz und ängstliches Zaudern war abgelaufen - das machte Churchill mit seiner betont kurzen und nüchternen Rede deutlich. Der Premier stimmte die Briten mit einer vom italienischen Freiheitshelden Garibaldi – einem Idol seiner Jugendjahre – inspirierten Wendung auf einen langen Kampf voller Opfer, Mühen, Tränen und Schweiß ein:

"I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat!"

Die Botschaft der Rede lautete: Großbritannien musste in diesem Krieg auf Sieg setzen und alle Ressourcen für dieses Ziel mobilisieren. Friedensverhandlungen mit dem Nazi-Regime kamen grundsätzlich nicht in Frage.

Winston Churchill verlässt das Gebäude mit Hut und Gehstock. Er grinst verschmitzt in die Kamera. (imago/ United Archives Internationa) (imago/ United Archives Internationa)Große Reden - Winston Churchill: "... die Vereinigten Staaten von Europa errichten!"
Herbst 1946: Europa ist traumatisiert vom Zweiten Weltkrieg. Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill richtet den Blick nach vorn und schlägt die Vereinigten Staaten von Europa vor. 

"Wenn wir scheitern, wird die ganze Welt in den Abgrund stürzen"

Wenige Wochen später, nach der Niederlage Frankreichs, bekämpfte Churchill den sich regenden Defätismus mit einer weiteren großen Rede. Aus der beängstigenden Tatsache, dass das noch kaum gerüstete Großbritannien nun ganz allein die Fahne der liberalen Demokratie hochhielt, machte Churchill rhetorisch geradezu eine Kraftquelle. Das war so wohl nur im Land Shakespeares möglich, wo König Heinrichs mitreißendes Versprechen ewigen Ruhms an seine demoralisierten Krieger vor der Schlacht von Azincourt zum Bildungskanon gehörte:

"Hitler knows that he will have to break us in this Island or lose the war... Hitler weiß, dass er uns auf unserer Insel unterwerfen muss, um den Krieg zu gewinnen. Wenn wir ihm standhalten, dann kann ganz Europa befreit werden und die Welt wird zu weiten, sonnenbeschienenen Höhen aufbrechen. Doch wenn wir scheitern, dann wird die ganze Welt, einschließlich der USA, mit allem was wir kennen und lieben, in den Abgrund eines neuen Mittelalters stürzen, das durch die Mithilfe pervertierter Wissenschaft noch teuflischer und vielleicht dauerhafter sein wird. Halten wir uns darum an unsere Pflicht und handeln wir so, dass die Menschen noch in tausend Jahren, sollten das britische Empire und das Commonwealth dann noch existieren, sagen werden: 'Dies war ihre größte Stunde!' … if the British Empire and its Commonwealth last for a thousand years, men will still say: ‘This was their finest hour.’"

Der Widerstandswille Großbritanniens entschied

In Churchill hatte Hitler seinen Meister gefunden – rhetorisch und politisch. Denn Churchills Kalkül ging auf: Die Nation rückte zusammen, Friedensangebote Hitlers wurden einmütig abgelehnt und auch das isolationistisch gestimmte Amerika erkannte 1941 endlich, dass seine Freiheit ohne ein demokratisches Europa in Gefahr war. Doch 1940 hing die Zukunft der westlichen Zivilisation allein vom Widerstandswillen Großbritanniens ab. Niemand verkörperte ihn besser als Winston Churchill.

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