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StartseiteInterview"Es geht um Verantwortung für Demokratie und Rechtsstaat"26.01.2019

Vor dem Holocaust-Gedenktag"Es geht um Verantwortung für Demokratie und Rechtsstaat"

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat der AfD vorgeworfen, ein verzerrtes Geschichtsbild in die Gesellschaft zu tragen. Äußerungen wie die des thüringischen Fraktionsvorsitzenden Höcke seien kein Patriotismus, sondern Nationalismus, sagte Rose im Deutschlandfunk. Dem müsse man klar entgegentreten.

Romani Rose im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, im Dezember 2014.  (dpa / Bernd Settnik)
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, im Dezember 2014 (dpa / Bernd Settnik)
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Ann-Kathrin Büüsker: In diesen Tagen erinnern wir uns in Deutschland an die Verbrechen des Nationalsozialismus beziehungsweise an die Menschen, die diesen Verbrechen zum Opfer fielen. Morgen ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Ein Gedenken an die verfolgten und ermordeten Juden, Sinti und Roma, an die behinderten Menschen, die politischen Gegner, die sogenannten Asozialen, die alle systematisch verfolgt und getötet wurden. Ein Gedenken, das vor dem Hintergrund zunehmender feindlicher Stimmungen im Land zahlreiche Bezüge ins Jetzt hat. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der wirft etwa der AfD vor, viele antisemitische Positionen zu vertreten, er sagt das im Interview der Woche, das hören Sie morgen hier im "Deutschlandfunk" in voller Länge ab kurz nach elf Uhr. Und Klein beklagt auch eine wieder zunehmende Geschichtsvergessenheit der Deutschen. Das Erinnern an die Geschichte, das Lernen daraus, der Schutz von Minderheiten, darüber möchte ich jetzt mit Romani Rose sprechen, Vorsitzender des Zentralrates deutscher Sinti und Roma. Einen schönen guten Morgen!

Romani Rose: Einen schönen guten Morgen, Frau Büüsker!

Büüsker: Herr Rose, ich hatte es eben schon gesagt, Felix Klein sieht die Geschichtsvergessenheit der Deutschen als eine zunehmende Gefahr für unsere Demokratie. Können Sie das nachvollziehen?

Rose: Ich kann das nachvollziehen. Es gibt ja eine Bewegung, die gewissermaßen der Tatsache der Geschichte entgegenwirken will und eine Gratwanderung um 180 Grad vornehmen will. Das sind Leute, die aus einer Partei kommen, die sich nicht den demokratischen Regeln unterwerfen will, sondern ein anderes Geschichtsbild in unsere Gesellschaft tragen will.

Büüsker: Also, Sie richten Ihre Kritik hier an die Alternative für Deutschland?

Rose: An die AfD.

"Eine besorgniserregende Entwicklung"

Büüsker: Charlotte Knobloch, die hat in dieser Woche im Bayerischen Landtag ja die AfD hart kritisiert und wird seitdem dafür ja regelrecht angefeindet. Sie bekommt Drohanrufe, Droh-E-Mails – ist das ein Ausdruck des aktuellen politischen Klimas in unserem Land?

Rose: Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Wir wissen ja darüber hinaus, dass es eben auch Angriffe offen auf der Straße gibt gegen Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft oder die als jüdische Mitbürger erkennbar sind. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Auch unsere Minderheit verspürt eine derartige Entwicklung – und zwar dahingehend, dass man im gesellschaftlichen Leben auf Ablehnung stößt, bei der Arbeitssuche, am Wohnungsmarkt, in den Schulen, in den Bildungseinrichtungen. Ich muss in einem Punkt allerdings eine wichtige Sache einschränken und zwar dahingehend einschränken, dass auf der politischen Ebene im Bezug auf unsere Minderheit sehr viel Positives geschehen ist. Da gab es eine Entwicklung der Verantwortung. Das hat sich allerdings auf die Bevölkerung als Ganzes viel zu wenig niedergeschlagen. Wir kennen eine Studie aus Leipzig, von der Universität, die bei einer Untersuchung festgestellt hat, dass 60 Prozent der Mehrheitsbevölkerung Sinti und Roma als Nachbarn ablehnen und die Zugehörigkeit der Minderheit mit Kriminalität verbinden.

Büüsker: Also Sie leben hier nach wie vor eine Ausgrenzung durch die Zivilgesellschaft?

Rose: Das erleben wir.

"Ängste auf hohem Niveau des Wohlstands"

Büüsker: Wie erklären Sie sich das?

Rose: Wissen Sie, es gibt diese Ängste in unserer Gesellschaft, vor dem Europa, Unsicherheiten. Wir drücken unsere Ängste auf hohem Niveau des Wohlstands aus, aber genau das ist der Punkt. Wir haben, es gibt in der Gesellschaft die Angst, den Wohlstand durch andere in Gefahr zu sehen. Und hier greift von den Parteien rechts außen die Vorgehensweise, dass sie wieder Sündenböcke in der Gesellschaft herausheben, das sind jüdische Menschen, das sind Sinti und Roma, das sind Flüchtlinge und andere. Und das ist das, was in der Gesellschaft wieder spürbar wird, die Ablehnung der Menschen anderer Herkunft.

Büüsker: Muss dann ein Teil der Zivilgesellschaft, der diese Ablehnung eben nicht pflegen will, noch stärker zeigen, dass das nicht Teil unserer Gesellschaft sein kann?

Rose: Das ist genau das, was wir erwarten. Wissen Sie, Sie haben vorhin darauf hingewiesen, auf die Menschen, die am 27. Januar 1945 befreit worden sind. Ich glaube, es sind viel mehr Menschen befreit worden, nämlich, wenn wir die Rede von Richard von Weizsäcker von 1985 zur Grundlage nehmen, der gesagt hat, wir haben nicht kapituliert, wir sind befreit worden. Und wer sich damit identifiziert, der will diesen Dingen, wie wir sie heute wieder haben, diese Vergessenheit von Erfahrungen. Ich möchte daran erinnern, dass der Nationalsozialismus nicht nur 500.000 Sinti und Roma ermordet hat im NS-besetzten Europa und sechs Millionen Juden, sondern die Teilung Deutschlands geht auf deren Konto, die Zerstörung unserer Städte und die Millionen von Menschen auch in unserem Land, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer gefallen sind, und die Nationalsozialisten haben Europa an den Abgrund gerissen. Und wenn wir für unsere Kinder eine sichere Zukunft wollen, dann müssen wir diesen Dingen frühzeitig entgegenwirken. Wir müssen Farbe bekennen und wir müssen dieses Ansinnen der Vergessenheit zurückdrängen, nicht weil wir eine Schuldfrage wieder diskutieren wollen. Es geht heute nicht mehr um Schuld, es geht heute ganz einfach um Verantwortung für Demokratie und Rechtsstaat und für den Frieden in Europa.

"Das ist kein Patriotismus, das ist Nationalismus"

Büüsker: Aber Herr Rose, was heißt denn dann ganz konkret Farbe bekennen? Vielleicht ein aktuelles Beispiel, beim Gedenken jetzt in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, da war die AfD explizit ausgeladen. Ist es das, was Sie mit Farbe bekennen meinen, dass man diejenigen, die auszugrenzen versuchen, selbst ausgrenzt?

Rose: Wissen Sie, wenn Leute, ich sage das jetzt mal bezogen auf eine Person wie Herr Höcke, Geschichtsleugnung begeht und die Geschichte verdrehen will, sich nicht zur deutschen Verantwortung … Das ist kein Patriotismus, das ist Nationalismus, der hier betrieben wird, und dem muss man mit Klarheit entgegentreten. Und ich begrüße die Haltung der Gedenkstätte Buchenwald, die hier ein klares Zeichen setzt, dass diese Leute, die die Verbrechen der Nazis leugnen wollen, an dem Ort, der für unsere Menschen und für jüdische Menschen und für all die anderen, die an diesem Ort  der Nazis gequält worden und ermordet worden sind. Das ist für uns ein großer Friedhof und der darf nicht durch solche Leute in dieser Form der zynischen Leugnung dieser Verbrechen eben infrage gestellt werden.

Büüsker: Sie haben ja eben ausführlich die Auswirkungen des Nationalsozialismus in Deutschland und Europa noch mal geschildert und eingangs sagte ich es, es gibt eine gewisse Geschichtsvergessenheit in Deutschland, die auch Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte beklagt. Da stellt sich mir die Frage, wie schaffen wir wieder eine bessere Erinnerung an das, was damals passiert ist? Es gibt ja zum Beispiel die Ideen, dass man Gedenkstättenbesuche für Schülerinnen und Schüler verpflichtend macht.

Rose: Von der Idee halte ich sehr wenig. Wissen Sie, eine Verpflichtung und ein Zwang, Gedenkstätten zu besuchen, finde ich nicht gut, das muss eine Freiwilligkeit sein. Aber ich glaube, wir müssen in den Bildungsträgern verstärkt unsere Geschichte von 33 bis 45 aufnehmen und wir dürfen uns in der Aufarbeitung dieser Geschichte nicht nur auf die sechs Millionen Juden und 500.000 Sinti und Roma beschränken. Wir müssen das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen, mit ihren Angriffskriegen in anderen Ländern, mit ihrem Nationalismus und nationaler Überheblichkeit, das müssen wir alles deutlicher eben in die Bildungseinrichtungen hereintragen, das müssen wir weitergeben.

"Die eigenen Opfer hat man ausgelassen"

Büüsker: Aber sind Sie sicher, dass das nicht jetzt schon passiert? Ich erinnere mich an meine Schulzeit, ich habe die Zeit des Nationalsozialismus alleine dreimal durchgenommen. Also, da passiert doch schon sehr viel im Geschichtsunterricht.

Rose: Das ändert nichts daran. Wissen Sie, ich glaube, wir müssen auf diesen Teil, auf diesen erweiterten Teil … Also, in meiner Erfahrung ist es so gewesen, dass man wohl über den Nationalsozialismus und über die sechs Millionen Juden und über den Krieg gesprochen hat. Aber über die eigenen Opfer, die hat man ausgelassen. Es geht nicht darum, dass sich die Gesellschaft vor die Minderheiten stellt, sondern dass wir gemeinsam das verteidigen, was uns über 70 Jahre inneren und äußeren Frieden gebracht hat.

Büüsker: Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma. Wir haben über das deutsche Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus gesprochen. Vielen Dank für das Gespräch!

Rose: Vielen Dank, Frau Büüsker!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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