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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Gezielte Maßnahmen und mehr bezahlbare Kleinwohnungen"30.07.2019

Vorbild Finnland: Kampf gegen Wohnungsnot "Gezielte Maßnahmen und mehr bezahlbare Kleinwohnungen"

Mit einer nationalen Strategie habe es Finnland als einziges Land in der EU in den vergangenen Jahren geschafft, die Wohnungslosigkeit zu reduzieren, sagte der Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geertsema im Dlf. Dabei sei vor allem auch gezielt zusätzlich Wohnraum für Wohnungslose geschaffen worden.

Volker Busch-Geertsema im Gespräch mit Katja Scherer

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Helsinki (imago/Westend61)
Die finnische Hauptstadt Helsinki: Wohnungsnot wurde gezielt bekämpft (imago/Westend61)
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Katja Scherer: Zuerst aber sprechen wir über ein Problem, das in Deutschland seit Jahren immer häufiger auftritt: nämlich Wohnungslosigkeit. Die Zahl der Menschen in Deutschland, die keine Wohnung haben, ist erneut gestiegen – das zeigen Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Demnach galten in 2017 rund 650.000 Menschen als wohnungslos – sie lebten also auf der Straße oder aber in Notunterkünften, Heimen oder bei Verwandten.

Ich habe vor der Sendung mit Volker Busch-Geertsema von der Gesellschaft für innovative Sozialforschung gesprochen und ihn gefragt ....

"Bei knappem Wohnraum sind Wohnungslose oft chancenlos"

Volker Busch-Geertsema: Es spielen verschiedene Faktoren zusammen. Zum einen ist in den vergangenen Jahren kaum noch in den Bau von preisgünstigen Wohnungen investiert worden, zum anderen sind immer mehr Sozialwohnungen aus der Bindung gelaufen und die Kommunen haben zudem auch noch kommunale Wohnungsbestände veräußert. Durch den Zuzug von Geflüchteten hat sich die Nachfrage nach preiswertem Wohnraum dann noch weiter verschärft. Und in der Konkurrenz zu dem knappen Wohnraum sind Wohnungslose halt oft chancenlos, insbesondere wenn sie einen Schufa-Eintrag haben, weil sie irgendwann mal Schulden gemacht haben – und wenn es nur beim Mobiltelefon war, dass sie die Rechnung nicht bezahlt haben, dann sind sie von vielen Wohnungsbeständen ausgeschlossen und stehen ohnehin immer ganz hinten in der Schlange.

Scherer: Zu den Wohnungslosen zählen ja auch Menschen, die in staatlichen Unterkünften oder bei Verwandten zeitweise unterkommen. Wie ist da die Spirale, heißt das, die landen dann irgendwann früher oder später in der Straßenobdachlosigkeit oder sind die zeitweise wohnungslos und finden dann wieder eine Wohnung? Wie kann man sich das vorstellen?

Busch-Geertsema: Es gibt natürlich auch Wohnungslose, die mit viel Glück auch noch mal wieder eine Wohnung finden. In der Regel ist es ganz oft so, dass die Menschen nach einem Wohnungsverlust erst mal versuchen, sich informell zu behelfen, indem sie irgendwo übernachten, indem sie versuchen, Freunde, Bekannte zu fragen, ob sie da mal eine Weile bleiben können. Irgendwann ist das halt mal zu Ende, und dann landen sie entweder vorübergehend auf der Straße oder gleich in Unterkünften. Das wechselt ja auch oft, es sind nicht alle Menschen, die wohnungslos sind, beständig in derselben Unterkunft.

Scherer: Als Vorbild bei der Bekämpfung von Wohnungslosigkeit gilt Finnland, die haben das Problem in den vergangenen Jahren recht gut in den Griff bekommen. Wie haben die das geschafft?

Reduzierung von Wohnungslosigkeit als nationale Strategie 

Busch-Geertsema: Finnland hat über Jahre hinweg mit nationalen Strategien das Ziel verfolgt, Wohnungslosigkeit zu reduzieren. In den letzten Jahren war es das einzige Mitgliedsland der Europäischen Union, in dem die Zahl der Wohnungslosen dann tatsächlich auch gesunken ist. Einen ganz wesentlichen Beitrag hat dazu der Housing-First-Ansatz geleistet, mit dem Wohnungslose so schnell wie möglich mit dauerhaftem Normalwohnraum versorgt werden, ohne Umwege über Einrichtungen, Übergangsheime und andere Sonderwohnformen. Wer es braucht, der bekommt wohnbegleitende Hilfen in der eigenen Wohnung. Finnland hat sogar seine Einrichtungen für Langzeitwohnungslose überwiegend geschlossen und in reguläre Wohnungen umgebaut, und vor allem haben die Finnen gezielt zusätzlich Wohnraum für Wohnungslose geschaffen. Das ist ein ganz zentraler Punkt, der die finnische Strategie auch von anderen nationalen Strategien in anderen europäischen Ländern unterscheidet.

Scherer: Das heißt, Finnland hat erst mal bedingungslos Wohnungen zur Verfügung gestellt. Wie ist das in Deutschland im Vergleich?

Busch-Geertsema: Es gibt hier vereinzelt Pilotprojekte, die diesen Housing-First-Ansatz auch praktizieren, beispielsweise in Berlin, aber auch in Nordrhein-Westfalen. Es gibt auch Initiativen auf der Ebene einzelner Bundesländer, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, aber es gibt eben keine nationale Strategie zur Reduzierung der Wohnungslosigkeit. Es gibt auch keine gezielten Programme zur Versorgung von Wohnungslosen mit Wohnungen. Den Wohnungslosen ist nicht gedient nur mit allgemeinen Maßnahmen am Wohnungsmarkt, die brauchen gezielte Maßnahmen. Vielerorts finden wir lokal eher, dass das System der Einrichtungen der Sonderwohnformen optischer eher ausgebaut wird, und das ist ganz sicher der falsche Weg.

"Es braucht dafür auch einen politischen Willen"

Scherer: Wenn man weiß, was eigentlich gut funktioniert, Stichwort Vorbild Finnland, warum wird das in Deutschland nicht umgesetzt? Fehlt da einfach der politische Wille?

Busch-Geertsema: Ich glaube, dass die Wohnungsfrage eine ganz entscheidende Frage der Zukunft sein wird – das hat inzwischen auch ein Teil der Politik erkannt. Es bleibt zu hoffen, dass davon auch die aktuellen Wohnungslosen bald profitieren können, es wird aber nur gelingen, wenn gezielte Maßnahmen für sie ergriffen werden. Besserer, gezielterer Zugang zu Wohnungen, mehr bezahlbare Kleinwohnungen, wohnbegleitende Hilfen für die, die sie brauchen, und eine Verbesserung der präventiven Hilfen – das müssten die zentralen Punkte sein, dann kann man Wohnungslosigkeit auch in Deutschland wieder reduzieren. Aber natürlich braucht es dafür auch einen politischen Willen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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