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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturCerstin Gammelin: "Die Unterschätzten"16.08.2021

WählergewichtCerstin Gammelin: "Die Unterschätzten"

Wer nach den Bundestagswahlen regieren wird, hängt maßgeblich vom Abstimmungsverhalten in Ostdeutschland ab. Das hebt die Journalistin Cerstin Gammelin in ihrem Buch „Die Unterschätzten“ hervor. Sie legt den Parteien nahe, den Faktor Ost wertschätzend in ihre Politik miteinzubeziehen.

Von Katharina Hamberger

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Cerstin Gammelin: "Die Unterschätzten. Wie der Osten die deutsche Politik bestimmt“ (picture alliance / AP Images  Lutz Schmitt / Econ Verlag)
Mit Blick auf die Bundestagswahl macht Cerstin Gammelin deutlich, welches Gewicht die Stimmen der ostdeutschen Bevölkerung haben. (picture alliance / AP Images Lutz Schmitt / Econ Verlag)
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Die ostdeutschen Bundesländer würden in aktuellen Debatten oft ausgeblendet oder reduziert werden auf die AfD, die rechte Szene oder Ostalgie. Das habe sie inspiriert, dieses Buch zu schreiben, erzählt Cerstin Gammelin:

"Es gibt einfach so viel zu berichten, was in den letzten 30 Jahren gelungen ist, wie die Veränderungen stattgefunden haben, was sich da entwickelt hat."

Durch Corona sei das Land auch zusammengerückt und diejenigen, die bislang in Italien oder Frankreich Urlaub gemacht hätten, hätten entdeckt, wie schön Deutschland ist und auch die neuen Länder. Das hat die Journalistin dazu bewogen, ein Buch zu schreiben, das viele, oft auch überraschende Einblicke gibt – was ihre These bestätigt, dass vieles, was den Osten ausmacht, noch nicht den Weg ins kollektive Gedächtnis des vereinten Deutschland gefunden hat.

Die normale: die positive Seite des Lebens in Ostdeutschland

Und das Buch bietet nicht nur inhaltlich Spannenendes, die Autorin versucht zudem offenbar ganz bewusst eine neue, positive Geschichte der Ostdeutschen aufzuschreiben:

"Tatsächlich haben die allermeisten Menschen im Osten ein produktives, erfüllendes Leben. Es sind die, die genau wie in den alten Ländern jeden Tag morgens zur Arbeit gehen und abends wohlverdient Feierabend machen und sich überwiegend an den Wahlurnen einfinden."

Dass Gammelins Buch keines ist, das ausschließlich mit Distanz zum Beschriebenen entstanden ist, macht sie schon im Vorwort deutlich. Sie ist im sächsischen Freiberg geboren. Persönliche Erfahrungen fließen immer wieder in den Text ein. Sie kennt die Brüche, die Teil vieler Ostbiographien sind.  

Geschichten über Geschichte

Für das Buch hat Gammelin mit vielen, ganz unterschiedlichen Menschen gesprochen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, nach der Wende und vor der Wende Geborenen, Unternehmern und Unternehmerinnen, westdeutschen und vor allem ostdeutschen Politikerinnen, wie Michael Kretschemer oder Manuela Schwesig, die zum Teil auch für ein neues Selbstbewusstsein der Region stehen:

"Es war wirklich überraschend. Ich musste nur anstupsen und schon ging das los und zwar wirklich bei allen. Also von Schäuble bis Frau Birthler sozusagen. Ich glaube, das liegt daran, dass nach 30 Jahren so eine Periode vorbei ist, wo man reflektieren kann, was eigentlich passiert ist."

Aber auch ganz "normale" Menschen, die z.B. mit ihr die Schule besucht haben, kommen zu Wort. So lässt sie ihre ehemalige Mitschülerin Tina A. erzählen:

"Die Neunzigerjahre waren so intensiv, ich habe viel nicht wahrgenommen und nur noch schemenhafte Erinnerungen. Ich hatte damit zu tun, die Existenz abzusichern."

Über diejenigen, mit denen sie gesprochen hat oder deren Geschichten sie sich bei sogenannten Erzählsalons angehört hat, schreibt Gammelin:

"Die meisten Erzähler schauen emanzipiert auf ihre Geschichte, ohne Vorwürfe, ohne Selbstmitleid, ohne Larmoyanz – eher mit dem Erstaunen über sich selbst und die Zeit."

Aus der gewohnten Perspektive rücken

Man merkt dem Buch an: Es soll keines sein über Menschen, die jammern, sondern diejenigen, die etwas geschafft haben, deren Leistung eben unterschätzt worden ist, wie der Buchtitel schon sagt:

"Ich war damals dabei auf der Demo auf‘m Alexanderplatz. Ich hab‘ dann immer gedacht, das kann nicht sein, dass die Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens, ihrer Freiheit, unter der Androhung ins Gefängnis zu müssen, dass die die Mauer zum Einsturz gebracht haben und so eine urdemokratische Erfahrung gemacht haben, dass die dann die Verlierer sein sollen."

Beim Einigungsprozess sind aus Gammelins Sicht mehrere strukturelle Fehler gemacht worden. So gäbe es keine aus sich heraus rekrutierten Eliten. Diese kommen zum großen Teil aus dem Westen. Außerdem beschreibt die Journalistin, welche Impulse aus dem Osten Deutschland modernisiert hätten – z.B. die Polikliniken, die 2003 in Deutschland als Medizinische Versorgungszentren wiedergeboren wurden, auch dass es in der DDR selbstverständlicher war, dass Frauen in technischen Berufen gearbeitet haben, dass es flächendeckend Kinderbetreuung gab. Das seien die wenigen Dinge, die ins wiedervereinigte Land eindiffundiert seien…

"Und die es auch wert waren, dass man sie hat eindiffundieren lassen."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

Einflussreich statt abgehängt

Mit Blick auf die Bundestagswahl macht Gammelin deutlich, welches Gewicht die Stimmen der ostdeutschen Bevölkerung haben. Mit dieser Analyse holt sie diese ein zweites Mal ins Rampenlicht sowie aus der vermeintlichen Verlierer-Ecke heraus. Sie führt aus, wie entscheidend es für den Ausgang der Wahlen sein wird, Lebensleistungen anzuerkennen und einander auf Augenhöhe zu begegnen:

"Viele Jahre haben die im Westen mitgliederstarken Parteien geglaubt, sie könnten im Osten mit den gleichen Programmen wie im Westen um Wähler werben. Es stellte sich als Fehler heraus, dass sie zu wenig bereit waren, die strukturellen Benachteiligungen zu beseitigen, die sie ja teilweise sogar mitzuverantworten hatten. Eigentumsrechte, Stimmrechte im Bundesrat und in Gremien oder auch mediale Mitbestimmung waren zugunsten des Westens festgezurrt worden."

Dieser Fehler hätten das politische System bekanntermaßen ins Wanken gebracht. Das Gegengewicht zum neuen Player AfD am rechten Rand sei fragil, aber eben vorhanden:

"Damit die neuen Bundesländer von der politischen Mitte aus regiert werden können, werden milieuübergreifende Bündnisse geschmiedet, die in den alten Ländern nicht vorstellbar wären – jedenfalls bisher nicht. Es regieren Koalitionen, die es im Westen nicht gibt und nie gegeben hat."

Der Osten bestimme nicht, wer Kanzler oder Kanzlerin werde. Aber gegen ihn könne kaum jemand Kanzler*in werden.

Das Buch von Cerstin Gammelin ist eines, das versucht, Geschichten zu erzählen, die sonst selten erzählt werden, das einen neuen Einblick in die fünf ostdeutschen Bundesländer geben soll und versucht, Brücken zu bauen. Und es ist nicht nur Nachwende-Geborenen zu empfehlen, sondern vielleicht auch gerade denjenigen, die im Westen geboren sind, als es die DDR noch gab, die auch den Mauerfall bewusst miterlebt haben.

Cerstin Gammelin: "Die Unterschätzten. Wie der Osten die deutsche Politik bestimmt"
Econ Verlag, Berlin. 302 Seiten, 22,99 Euro.

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