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StartseiteInformationen am MorgenSprachlosigkeit auf der Insel09.06.2017

Wahlen in Großbritannien Sprachlosigkeit auf der Insel

Großbritannien stehen turbulente Zeiten bevor: Die wenigsten hatten damit gerechnet, dass die regierenden Tories von Premierministerin Theresa May die absolute Mehrheit verlieren würden. Derzeit weiß niemand, wer künftig die Regierung stellt, zudem kommen auf die Briten schwierige Brexit-Verhandlungen mit der EU zu.

Von Friedbert Meurer

Die Medien warten in der Downing Street in London auf Premierministerin Theresa May. (imago/PA Images)
Warten auf Theresa May: Medienleute in der Downing Street in London. (imago/PA Images)
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Big Ben schlägt um Punkt 22 Uhr Ortszeit, der Moderator der BBC verkündet die Prognose: die Tories sind stärkste Partei geworden, aber haben die absolute Mehrheit verloren. Labour kann um etwa 30 Sitze zulegen. Das Ergebnis wäre, wenn es sich denn bestätigt, eine Sensation ersten Ranges. Theresa May erlebt ihr politisches Desaster. Wenn das nicht stimmt mit unserer Prognose, sagt der alte BBC-Kämpe David Dimbleby, dann werden wir gehängt, gekreuzigt und gevierteilt.

May erscheint am frühen Morgen vor den Kameras

Zum Kreuzigen, Hängen und Vierteilen wird es nicht kommen: In den Morgenstunden wird immer klarer, dass die Prognose zutrifft. Die Konservativen werden wohl die absolute Mehrheit verpassen. Das dürfte sich die Premierministerin in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt haben. Sie hat die vorgezogenen Neuwahlen gewollt, um ihre Mehrheit auszubauen – nicht, um sie zu verlieren. May erscheint am frühen Morgen vor den Kameras in ihrem Wahlkreis Maidenhead.

"Mehr als alles andere braucht dieses Land jetzt eine Periode der Stabilität. Wenn die konservative Mehrheit die meisten Sitze und wahrscheinlich auch die meisten Stimmen gewonnen hat, wenn die Anzeichen korrekt sind, dann liegt es an uns, für diese Stabilität zu sorgen, und das ist genau das, was wir tun werden."

"Ich bin stolz auf die Ergebnisse, die heute Nacht aus dem ganzen Land kommen", bekundet dagegen Labour-Chef Jeremy Corbyn in seinem Londoner Wahlkreis Islington. "Die Menschen haben für die Hoffnung und die Zukunft gestimmt und sie haben der Austerität den Rücken zugewandt."

Osborne ist alles andere als schlecht gelaunt

Dann fordert Corbyn May sogar zum Rücktritt auf. Die ganze Nacht über zerbrechen sich die Beobachter die Köpfe: Wie könnte sich Theresa May doch noch eine Mehrheit besorgen? Mit den Nordirland-Parteien könnte es vielleicht klappen, die magische Zahl von 326 Sitzen zu erreichen. Aber die Mehrheit wäre denkbar knapp, und das bei den Herausforderungen, vor denen das Land steht. Das britische Pfund sackt um zwei Prozent ab – die Märkte sind entsetzt von der Vorstellung, dass es keine klaren Mehrheitsverhältnisse gibt.

"Ich bin geschockt, das ist irre, das durfte nie passieren", erklärt ein junger Tory-Politiker entsetzt." "Es ist der Wahnsinn", jubelt dagegen diese junge Labour-Frau. "Wir haben es geschafft…".

Und dann fehlen ihr die Worte. Das ist eine Reaktion in der Nacht: Viele sind sprachlos. Eine unglaubliche Sensation, das hat kaum jemand für möglich gehalten. Im Fernsehsender ITV ist George Osborne zu Gast, der frühere Schatzkanzler und innerparteiliche Widersacher von Theresa May. Gemeinsam mit dem früheren Labour-Mann Ed Balls ist George Osborne offenbar alles andere als schlecht gelaunt.

"Wenn die Prognose stimmt, ist das eine völlige Katastrophe für die Konservativen und für Theresa May. Es ist schwer zu sehen, welche Koalition sie bilden wollen, damit sie im Amt bleibt. Aber warten wir es ab, es wird eine lange Nacht werden."

Später wird Jacob Rees-Mogg, ein Brexit-Hardliner aus der Fraktion, sagen: Osborne mag Steine auf uns werfen, aber er ist ja nicht mehr im Unterhaus. Noch ein Gegenspieler Mays erklärt sich: Kenneth Clarke. Er ist 76 Jahre alt und war der einzige Tory, der im Unterhaus gegen den Antrag auf Ausstieg aus der EU stimmte. Und der Theresa May als "bloody difficult woman" bezeichnete, als "verdammt schwierige Frau". Der Titel ist zum geflügelten Wort geworden.

"Heutzutage sind Wahlen und Referenden ziemlich interessant geworden", erklärt Clarke mit feiner britischer Ironie. "Auf der Bühne steht jetzt die völlige Unsicherheit. Aber es wäre schön, wenn es jetzt ein wenig mehr Diskussion zwischen den Parteien gäbe, besonders über Dinge wie den Brexit, als einfach nur Slogans auszutauschen."

Eine Koalition des Chaos

Noch eine Spitze gegen Theresa May: mehr Diskussion, weniger Slogans. Hinter den Kulissen, heißt es, stecken führende konservative Politiker die Köpfe zusammen, ob Theresa May im Amt bleiben kann. Nächsten Dienstag schon kommt das neue Unterhaus zusammen, bis dahin muss eine neue Koalition stehen. Es wird eng und spannend werden.

"Es ist möglich, dass wir die nächste Regierung bilden", triumphiert jetzt Emily Thornberry, eine führende Labour-Abgeordnete. "Wir können eine Minderheitsregierung bilden, ohne Absprachen. Entweder werden die Konservativen eine Minderheitsregierung stellen, oder wir werden das tun."

Eine Koalition des Chaos wurde im Vorfeld diese Möglichkeit genannt: Labour plus die Liberaldemokraten plus die Schottische Nationalpartei. Auch die SNP erlebt einen schlimmen Wahlabend. Von 56 Sitzen sackt sie auf nur noch 35 ab, so die letzte Schätzung. Sie sind die größte Partei in Schottland, müssen aber Federn lassen – weil sie unbedingt ein zweites Referendum zur Unabhängigkeit wollen?

"Erstens möchte ich sagen, die SNP hat die Wahlen in Schottland gewonnen. Das ist das zweitbeste Ergebnis, das wir je bei einer Wahl für das Unterhaus hatten. Natürlich, wir und ich sind enttäuscht, dass wir eine Reihe von Niederlagen in den Wahlkreisen hatten."

Der Fraktionsvorsitzende Angus Robertson zum Beispiel hat seinen Wahlkreis verloren, ein bitterer Abend für die Schottische Nationalpartei. Ed Balls, der frühere Labour-Spitzenpolitiker, sieht das Land vor schweren Zeiten:

"Die letzten zwei Jahre ging es so turbulent in unserer Politik zu. Wir dachten, das findet ein Ende. Aber im Gegenteil: Das ist der Anfang von sehr, sehr turbulenten Zeiten in der britischen Politik."

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