Dienstag, 16.07.2019
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heute"Ich feiere mich selbst"09.06.2019

Walt Whitman-Ausstellung"Ich feiere mich selbst"

Walt Whitman gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der USA. Sein Gedichtband "Grashalme" ist eine Vision eines modernen Amerika. Die New Yorker Morgan Library erweist dem literarischen Rebellen und geborenen Selbstdarsteller zum 200. Geburtstag mit einer reichhaltigen Ausstellung die Ehre.

Von Sacha Verna

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein coloriertes Porträt des Dichters Walt Whitman. Er sitzt mit einem Hut mit breiter Krempe auf einen Stuhl und schaut in die Kamera. Seine Hände sind in den Manteltaschen. (Imago / Stocktrek Images )
Walt Whitman gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen Amerikas. Die Morgan Library in New York widmet dem Dichter anlässlich seines 200. Geburtstages eine Ausstellung (Imago / Stocktrek Images )
Mehr zum Thema

Vor 125 Jahren Tod des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman

Wiederentdecktes Werk "Man merkt, dass es Whitman nicht ganz ernst war mit diesem Buch"

Walt Whitman: "Leben und Abenteuer von Jack Engle" Ein Straßenjunge in New York

Amerikanischer Transzendentalismus: Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, Margaret Fuller

Der Stich auf der Innenseite des Buches zeigt einen jungen, breitschultrigen Mann in offenem Hemd und Arbeiterhosen, den weichen Hut schief auf dem Kopf, den Blick herausfordernd auf den Betrachter gerichtet. Kurator Ted Widmer: "The image that he launched his career with is one of the most amazing aspects of his first book "Leaves of Grass"." Walt Whitman, Rebell und radikaler Neuerer der amerikanischen Lyrik war und ist der meistgefeierte Dichter seines Landes – und im 19. Jahrhundert war er auch der am häufigsten fotografierte: "The way he looked resembled the way he wrote. He liked to look informal." Er pflegte sich so ungezwungen zu präsentieren, wie er schrieb. Denn als Meister der Selbstdarstellung wusste Whitman, wie man einen persönlichen Stil kultiviert. In der Morgan Library illustrieren zahlreiche Aufnahmen, wie er sich vom jungen Wilden zum bärtigen Großvater der Nation wandelte, vom Rebellen zum alten Weisen und Hüter der Erinnerungen seines Volkes.

Doch ob verwegen oder als Weihnachtsmann, an einer Überzeugung hielt Whitman fest: "Anyone can think important thoughts, poetic thoughts." In jedem steckt ein großer, dichterischer Geist, und jeder hat das Recht, seine Gedanken auszudrücken, unabhängig von Klasse, Herkunft und Geschlecht. Für Whitman bildete dieses Recht die Grundlage der Demokratie. Lange bevor von "Diversität" und "Inklusion" die Rede war, verfocht Whitman Toleranz und gesellschaftliche Vielfalt.

Endlich ein amerikanischer Dichter!

Die New Yorker Ausstellung präsentiert zeitgenössische Ansichten von Manhattan und Brooklyn, wo Walt Whitman aufwuchs und sein Einkommen als Schriftsetzer, Schreiner, Lehrer und Journalist bestritt, bevor er "Grashalme" veröffentlichte, zunächst im Selbstverlag. Zu sehen sind Notizbücher mit frühen Entwürfen in Whitmans schlanker Schrift, die - Grashalmen ganz ähnlich - nach oben und unten ausschlägt.

Deutlich wird, wie eng Whitmans Apotheose des gemeinen Mannes mit seinem Individualismus verbunden war. Er sublimierte das Ich und blieb durchaus praktisch dabei. "An American Poet at Last!", "Endlich ein amerikanischer Dichter!", titelt ein Artikel, dessen anonymer Autor die erste Ausgabe von "Grashalme" hymnisch preist. Der Autor war niemand anders als Whitman selber und die positive Selbstrezension eine von vielen, die er verfasste. "Ich feiere mich selbst und singe mich selbst", heißt es im Gedicht "Gesang vor mir selbst" - und das tat Whitman tatsächlich.

Unter argwöhnischer Beobachtung der Puritaner

Allerdings teilten andere die hohe Meinung von seinem Werk. In der Vitrine neben dem betreffenden Zeitungsausschnitt liegt ein Brief von Ralph Waldo Emerson. Der Vater des amerikanischen Transzendentalismus höchst selbst gratuliert Whitman darin zu seinem Buch und bezeichnet es als "außergewöhnliches Werk von Witz und Weisheit".

Natürlich gab es auch Kritiker. Einmal abgesehen davon, dass sich Whitmans Verse nicht reimten und auch sonst jede Regel der klassischen Dichtung über den Haufen warfen, hatte noch nie jemand so lustvoll und unverblümt den Körper, den Menschen und die Natur gefeiert, wo alles sich paart, schwanger ist und es vor phallischen Symbolen wimmelt. Kurator Ted Widmer: "Ironically he got in a lot of trouble for what seemed to be his very candid expression of heterosexual attraction." Whitmans Homosexualität war kein Geheimnis. Doch verübelten ihm puritanische Leser kurioserweise die Darstellung heterosexueller Liebe - vielleicht weil sie sich davon selber betroffen fühlten.

"I contain multitudes" - Ich enthalte Vielheiten, lautet eine berühmte Zeile in "Grashalme". Diese reichhaltige Ausstellung ermöglicht Besuchern einen Blick darauf.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk