Kanzler-Reise
Warum Indien geopolitisch und wirtschaftlich immer relevanter wird

Noch vor China und Japan: Anders als seine Vorgänger absolviert Bundeskanzler Merz seinen ersten Antrittsbesuch im asiatischen Raum in Indien. Das bevölkerungsreichste Land der Erde bietet in vielerlei Hinsicht Chancen zur Zusammenarbeit - aber auch geopolitische Herausforderungen.

    Rundes Logo mit den deutschen und indischen Nationalfarben und der Aufschrift "India - Germany -- 25 years strategic partnership"
    Zwischen Indien und Deutschland bestehen schon lange enge Beziehungen. (Archivbild von 2025) (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
    Indien ist mit seinen rund 1,4 Milliarden Einwohnern als größte Demokratie der Welt für viele Länder ein wichtiger Handelspartner. Die Wirtschaft ist die fünftstärkste weltweit. Weil sie hohe Wachstumsraten verzeichnet, könnte sie schon bald das vor ihr platzierte Japan überholen. Die indische Pharma-Industrie spielt auf dem Weltmarkt eine große Rolle. Auch im Bereich Informationstechnologie sind die Inder stark und ihre Textil- und Stahlindustrien gehören zu den größten weltweit.

    Enge Beziehungen zu Deutschland

    Die Verbindungen zu Deutschland sind seit Jahrzehnten eng: Mehr als 2.000 deutsche Unternehmen sind in Indien vertreten und beschäftigen insgesamt gut 500.000 Menschen. Die deutschen Exporte nach Indien stiegen von Januar bis November 2025 um 3,1 Prozent auf 14,7 Milliarden Euro. Im Gegenzug importierte Deutschland Waren und Wirtschaftsleistungen im Wert von 14,1 Milliarden Euro, Tendenz ebenfalls steigend.
    Auch die Anwerbung von Fachkräften bleibt ein Thema. Deutschland braucht sie, und Indien muss seine jungen Leute in Arbeit bringen, weil der heimische Arbeitsmarkt nicht alle aufnehmen kann. Ein großer Teil der indischen Fachkräfte in Deutschland arbeitet in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Damit sind sie am Gehalt gemessen äußerst erfolgreich: Beschäftigte aus Indien erreichen laut einer Berechnung des Institut der deutschen Wirtschaft unter den Vollzeitbeschäftigten in Deutschland mit rund 5.300 Euro pro Monat die höchsten Medianlöhne.

    Indien: Verunsicherung durch US-Zölle

    Indiens Position auf dem Weltmarkt ist derzeit von mehreren Entwicklungen betroffen. So sorgten die hohen US-Zölle für Verunsicherung und das Land hinterfrage seine Position zu China, sagte die Ökonomin Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft der Nachrichtenagentur AFP. Insofern sei es "sicherlich eine Zeit, wo Indien auch danach strebt, die Handelsbeziehungen zum Beispiel zu Deutschland oder zu Europa insgesamt auszubauen".
    Der Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, Nöther, sprach ebenfalls von einem "absolut guten Zeitpunkt" für einen Besuch von Kanzler und Wirtschaftsvertretern. Das gelte umso mehr, als die Europäische Union und Indien vor dem Abschluss eines Freihandelsabkommens stünden. 

    Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit der EU

    Schon seit einiger Zeit verhandelt die Europäische Union mit Indien über ein Freihandelsabkommen, dessen Abschluss für dieses Jahr angestrebt wird. Der Besuch des Bundeskanzlers könnte "eine Dynamik in den lange festgefahrenen Verhandlungen" auslösen, sagte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Treier, der Nachrichtenagentur Reuters.
    Aber Indien ist aus deutscher und europäischer Sicht auch kein einfacher Partner. Sicherheitspolitisch arbeitet das Land weiterhin eng mit Russland zusammen, von dem auch ein Großteil der militärischen Ausrüstung stammt. Zudem gehört Indien neben China zu den größten Abnehmern von russischem Gas und Öl. Forderungen der Bundesregierung, Indien solle gegen Russland gerichtete Sanktionen wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine unterstützen und russische Energieimporte reduzieren, hat die Regierung von Premierminister Modi bislang zurückgewiesen.

    Ort des Treffens ein "positives Zeichen"

    Umso bedeutsamer erscheint es, dass der indische Regierungschef seinen Gast aus Deutschland in seinen Heimatort Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat eingeladen hat. Der Bundeskanzler wiederum signalisiert den Wunsch nach einer Zusammenarbeit dadurch, dass er bewusst zuerst nach Indien reist und erst später China besuchen will.

    Multipolare Außenpolitik

    Indien betreibt schon lange eine multipolare Außenpolitik - und legt sich nicht auf einzelne Partner fest. Christoph Mohr von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Indien spricht im Journal für Internationale Politik und Gesellschaft von "Multi-Alignment". Indien maximiere damit seinen Handlungsspielraum. Öl, das zu Rabattpreisen gekauft werde, sei aus indischer Sicht keine Unterstützung Russlands - sondern ein Instrument zur Inflationskontrolle und zur Energiesicherheit. Die Teilnahme am BRICS-Bündnis sei keine geopolitische Loyalitätserklärung, Indien sehe darin vielmehr ein Forum, um für eine gerechtere Finanzarchitektur zu werben, die Stimme des Globalen Südens zu stärken – und China auszubalancieren.
    Diese Nachricht wurde am 12.01.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.