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"Washington Post"
Keine Lügenpresse

Konservative Aktivisten haben offenbar versucht, die "Washington Post" mit einer fingierten Geschichte in die Falle zu locken. Chefredakteur Martin Baron vermutet, dass seine Zeitung diskreditiert werden sollte. In der Tat deutet viel darauf hin.

Von Sören Brinkmann | 28.11.2017
    Das Logo der Washington Post vor dem Redaktionsgebäude.
    Die Washington Post sollte offenbar mit einer fingierten Geschichte getäuscht werden. (Deutschlandradio/Thilo Kößler)
    Die Journalisten der Washington Post waren misstrauisch geworden: Sie prüften die Hintergründe einer Geschichte, die eine Frau ihnen erzählt und die nach einer dramatischen Enthüllung geklungen hatte. Dabei wurden Ungereimtheiten deutlich, mit der eine Post-Reporterin die Frau schließlich konfrontierte.
    Das gesamte Gespräch ist als Video auf der Internetseite der Washington Post abrufbar. Nach mehreren Nachfragen stellt die Frau am Ende des Gesprächs fest, dass ihr offensichtlich nicht geglaubt wird.
    Vorwürfe gegen Politiker Roy Moore
    Die Geschichte begann einige Wochen vorher: Eigentlich konnte sich Roy Moore schon fast sicher sein, bei der Wahl Mitte Dezember einen Sitz im US-Senat zu erringen. Immerhin geht es um das Mandat im US-Bundesstaat Alabama, einem Stammland seiner Republikanischen Partei.
    Doch Moore steht massiv unter Druck – seit die Washington Post Berichte veröffentlichte, wonach Moore als junger Mann sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Frauen gesucht habe. Der Republikaner hat jegliches Fehlverhalten vehement abgestritten.
    Da passte die Geschichte von Jaime Phillips ins Bild, die sich bei der Zeitung meldete: Die Frau erzählte, Moore habe sie vor 25 Jahren, als sie noch ein Teenager war, geschwängert. Das Kind habe sie jedoch abgetrieben.
    Widerspräche in der Phillips‘ Geschichte
    In mehreren Interviews mit der Redaktion verstrickte sich Phillips dann aber in Widersprüche, weswegen man sich gegen eine Veröffentlichung entschieden habe, erklärte die "Washington Post" nun.
    Nach Angaben der Traditionszeitung hatte die konservative Gruppe "Project Veritas" die Frau auf die Zeitung angesetzt. Schließlich sei sie dabei beobachtet worden, wie sie das New Yorker Büro der Gruppierung betrat. "Project Veritas" hat schon mehrmals falsche Informationen bei etablierten Medien gestreut, um diese dann vorzuführen. Dabei filmten die Aktivisten mit versteckter Kamera.
    Nun drehten die Journalisten der Washington Post den Spieß um und konfrontierten den Gründer von "Project Veritas", James O'Keefe, mit den Vorwürfen. Die Frage, ob Jaime Phillips für "Project Veritas" arbeitet, beantwortete O'Keefe nicht.
    "Journalistischen Sorgfalt" der Washington Post
    Es wirkt, als sollte durch die offenbar falsche Geschichte die Arbeit der Washington Post diskreditiert werden. Die Logik dahinter: Wenn man so leicht falsche Geschichten bei der Zeitung unterbringen kann, dann ist an den anderen Vorwürfen gegen Roy Moore möglicherweise auch nichts dran.
    Der Chefredakteur der "Washington Post", Martin Baron, warf dem "Project Veritas" nun vor, hinter dem mutmaßlichen Täuschungsversuch gegen seine Zeitung zu stecken. Doch wegen der für seine Zeitung typischen journalistischen Sorgfalt habe man sich nicht hinters Licht führen lassen, so Baron.