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StartseiteUmwelt und VerbraucherFruchtbarer Boden als Lebensgrundlage ist bedroht08.08.2019

WeltklimaratFruchtbarer Boden als Lebensgrundlage ist bedroht

Der Weltklimarat hat in einem Sonderbericht untersucht, wie sich die Landwirtschaft auf den Klimawandel auswirkt - und umgekehrt. Denn die Erderwärmung zerstört fruchtbare Böden auf der ganzen Welt, sagt Georg Ehring aus der DLF-Umweltredaktion. Helfen könne die strategische Aufforstung von Waldflächen.

Georg Ehring im Gespräch mit Jule Reimer

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Ausgetrocknete Erde eines ehemaligen Ackers mit Trockenrissen in Israel (imago stock&people / blickwinkel M. Schaef)
Böden auf der ganzen Welt leiden unter Hitze, Trockenheit, Extremregen und Erosion. (imago stock&people / blickwinkel M. Schaef)
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Jule Reimer: Im Pariser Klimaschutzabkommen hatte die Staatengemeinschaft sich als Kompromiss auf das Ziel geeinigt, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, ergänzt durch die mahnende Formulierung: 1,5 Grad wäre jedoch auf jeden Fall besser, um die Schäden der Klimaerhitzung etwas zu begrenzen. Welchen Unterschied dieses halbe Grad Temperaturanstieg macht, machte der Weltklimarat dann vergangenen Herbst in einem Sonderbericht klar: Bei zwei Grad sind alle Korallenriffe abgestorben, bei 1,5 Grad kann immerhin vielleicht ein Drittel gerettet werden. Nun hat der Weltklimarat einen weiteren Sonderbericht erstellt – und zwar zu der Wechselwirkung zwischen praktischer Landwirtschaft und der Klimaerhitzung. 108 Wissenschaftler aus aller Welt haben die Forschungsergebnisse zusammengetragen. Georg Ehring, Sie kennen den Bericht: Wie lässt sich die wichtigste Botschaft zusammenfassen? 

Mittlere Temperatur über Land um 1,53 Grad gestiegen

Georg Ehring: Das Land steht enorm unter Druck. Die Klimaerwärmung kommt zu einer Überbeanspruchung durch immer mehr und immer intensiver genutzte Agrarflächen dazu und das alles sorgt dafür, dass sich Böden verschlechtern und dass sich Lebensmittelunsicherheit ausbreitet. Hitze, Trockenheit, Extremregen und Erosion sorgen dafür, dass unsere Lebensgrundlage buchstäblich in Gefahr ist. Die Erderwärmung ist dabei eine der Ursachen und sie lässt sich begrenzen durch einen Stopp der Emissionen insgesamt und durch nachhaltige Landnutzung. Denn es gibt auch Lösungen, die Produktivität des Landes zu erhalten, und auch dafür zu sorgen, dass die Landnutzung weiter einen Beitrag dazu leisten kann, dass der Klimawandel begrenzt wird und auch das ist ein wichtiges Thema dieses Berichtes.

Reimer: Kommen wir zu den Details: erst einmal die Ausgangsvoraussetzungen. Um wieviel Grad ist die mittlere Temperatur schon angestiegen seit Beginn der Aufzeichnungen?

Ehring: Bei den Temperaturen über Land sind es inzwischen 1,53 Grad. Über Wasser sind es deutlich weniger, weil der Ozean die Hitze besser aufnehmen und sie in tiefem Wasser speichern kann – über dem Land funktioniert das nicht so. Das heißt: Die Erderwärmung ist über den Landflächen schon deutlich weiter als man das vielleicht gedacht hat.

Stopp der Entwaldung als wichtigste Maßnahme

Reimer: Der Weltklimarat fordert sofortiges Handeln: Wo soll man als Erstes ansetzen?

Ehring: Die Sofortmaßnahme wäre, weniger CO2 zu emittieren, und zwar aus allen Quellen, die derzeit für Emissionen sorgen. Also Energieerzeugung, Verkehr, Nahrungsmittelproduktion und Landwirtschaft – Hauptsache, es werden weniger Treibhausgase emittiert. Denn: Die Ernährungsunsicherheit ist umso größer, je stärker die Temperaturen steigen. Sie ist bei zwei Grad deutlich größer als bei 1,5 Grad und eine Erwärmung um drei Grad – das ist die Temperaturerhöhung auf die wir derzeit zusteuern mit all unseren Klimaschutzmaßnahmen, die wir bereits beschlossen haben – das wäre eine Katastrophe. Dann ist die Landnutzung kaum noch zu gewährleisten und Hungersnöte breiten sich viel weiter aus. Für die Landnutzung selbst gibt es auch Lösungsvorschläge: Zum Beispiel wäre die wichtigste Maßnahme, die Entwaldung zu stoppen. Doch da gibt es ganz unterschiedliche Dinge und eine nachhaltige Nutzung als Überschrift – die Wechselwirkungen sind zum Teil ziemlich kompliziert.

Mojib Latif, Klimaforscher und Vertreter von Scientists for Future, steht am 16.05.2019 vor dem Rathaus – die Bürgerinitiative "Klimanotstand Kiel" stellte hier ihre Resolution mit Forderungen für die Landeshauptstadt Kiel zur Erklärung des Klimanotstands vor.  (picture alliance/Carsten Rehder/dpa) (picture alliance/Carsten Rehder/dpa) Klimaforscher Mojib Latif
Erreichen des 1,5-Grad-Ziels "so gut wie ausgeschlossen"

Vor 30 Jahren wurde der Weltklimarat ins Leben gerufen – der Grund: man verdächtigte den Menschen, Hauptverursacher des Klimawandels zu sein. Das gelte heute als erwiesen, sagte er Klimaforscher Mojib Latif im Dlf. Dennoch habe der IPCC eine Aufgabe zu erfüllen: die Prognosen immer genauer zu machen.

Reimer: Wenn wir einfach aufforsten, dann entstehen auch Zielkonflikte. Zum Beispiel fehlen dann die Flächen bei der Nahrungsmittelproduktion.

Ehring: Ja genau. Die Aufforstung wird empfohlen mit Blick auf die Gesamtzusammenhänge. Wälder zu pflanzen, das bindet CO2, aber das darf natürlich nicht die Agrarflächen wegnehmen und man kann zum Beispiel auch die Wälder nicht im hohen Norden pflanzen, denn dort würde das dafür sorgen, dass im Winter die Schneedecke nicht so geschlossen ist und Sonnenstrahlen eher aufgefangen als reflektiert werden durch die weiße Schneefläche. Also: Das ist ein kompliziertes Thema, aber insgesamt wird ein Stopp der Entwaldung vor allem empfohlen und Aufforsten mit Ziel und Maß.

Mehr Pflanzen, weniger Rindfleisch

Reimer: Welche Praktiken sollten Agrarunternehmen auch noch ändern?

Ehring: Sie sollten nachhaltig produzieren. Also die Überdüngung vermeiden, die derzeit in vielen Bereichen stattfindet, andere Produkte herstellen, vor allem weniger Fleisch und da vor allem weniger Rindfleisch, denn die Rinderzucht ist eine ganz bedeutende Quelle der Klimaerwärmung. Dafür mehr Pflanzen produzieren – das ist ein Teil der Lösung. Aber das betrifft dann nicht nur die Agrarunternehmen, sondern auch uns als Nachfrager.

Reimer: Welche Bedeutung hat Lebensmittelverschwendung und Verderb von Lebensmitteln?

Ehring: Das hat eine sehr große Bedeutung. 25 bis 30 Prozent der Lebensmittel werden derzeit durch schlechte Lagerung verloren oder verschwendet. Das ist ein großes Potenzial, aber es ist offenbar nicht ganz so einfach, das einzudämmen.

Junger Mann haelt eine Weltkugel in den Händen . (imago images | photothek) (imago images | photothek)30 Jahre Weltklimarat
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