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StartseiteDeutschland heuteRückfallgefahr bei Krebs bleibt hoch04.02.2019

WeltkrebstagRückfallgefahr bei Krebs bleibt hoch

Rund 90 Prozent aller Krebstodesfälle gehen auf das Konto von Metastasen. Haben sie sich einmal im Körper verbreitet, ist der Krebs kaum mehr heilbar. So kann Brustkrebs noch Jahre nach einer geheilten Ersterkrankung streuen. Bei jeder dritten, vierten Frau kommt die Krankheit zurück.

Von Anke Petermann

Kalenderblatt, auf dem der Weltkrebstag markiert ist, Deutschland  (dpa / picture alliance / McPHOTO/M. Gann)
Metastasen-Patienten vermissen immer wieder die Zusammenarbeit von niedergelassenen Fachärzten verschiedener Richtungen (dpa / picture alliance / McPHOTO/M. Gann)
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"Wir heilen heutzutage 50 bis 60 Prozent der Patienten mit Krebs", sagt Andreas Schneeweiss. Der Professor leitet die Gynäkologische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg.

Erstmalig Brustkrebs: 80 Prozent Heilungschance

"Bei Patienten mit Brustkrebs, die erstmalig erkranken, heilen wir 80 Prozent."

Zu denen gehörte Lina, nennen wir sie so. 2008 war die Rheinland-Pfälzerin an Brustkrebs erkrankt und zunächst erfolgreich therapiert worden. Zehn Jahre lang ging es ihr gut.

"Und da habe ich auch schon manchmal gedacht, selbst wenn es jetzt wiederkommt: Die Jahre nimmt mir keiner mehr weg, die hab' ich jetzt."

Angst vor dem Rückfall

Als die Mittfünfzigerin im vergangenen Jahr starke Rückenschmerzen bekam, kehrte die Angst vor einem Rückfall mit einem Schlag zurück. Und erwies sich als berechtigt. Zur Verabredung im Café bringt Lina ein Sitzkissen mit, das die Lendenwirbel entlastet.

"Ich hab' Knochenmetastasen und hab' Schmerzen beim Sitzen, und in der Reha kam der Arzt auf die Idee, es mal mit einem Sitzkissen zu versuchen, das hat mir total viel geholfen, ich kann auch wieder ins Theater gehen."

Zuversicht aus dem Austausch mit anderen Patienten

Eine Reha-Klinik zu finden, die Lina mit bruchgefährdeter Wirbelsäule aufnehmen wollte – nicht einfach. Doch es gelang. Und nach vier Wochen Reha ging es der Mainzerin viel besser, nicht nur weil sie in der Freiburger Klinik ihren heutigen Partner kennenlernte.

"Sonst habe ich einfach ganz viel Zuversicht mitgenommen, aus dem Austausch mit anderen Patienten, aus der Behandlung. Wir haben ganz viel Schmerztherapie gemacht, und ich kam aus dem Loch wieder raus, in das ich nach der Metastasen-Diagnose gefallen war."

Rückenschmerzen vier Jahre nach dem ersten Tumor

Auch Regina bekam Rückenschmerzen, und zwar vier Jahre nach der erfolgreichen Behandlung des Ersttumors. Zunächst dachte sie an ein Bandscheibenproblem. Und selbst nach der Metastasen-Diagnose glaubte die 57-Jährige noch an einen Ausweg. Aber die behandelnde Onkologin war ganz offen:

"Nachdem die Ergebnisse von den Untersuchungen alle feststanden, hat die das ganz klar formuliert, dass das nicht mehr heilbar ist."

Therapien auf den Zweit-Tumor maßschneidern

"Die Ziele der Therapie in der metastasierten Situation sind Erreichen einer Verlängerung eines lebenswerten Lebens, auf der anderen Seite eine Kontrolle der Erkrankung. Wenn beides erreicht wird, geht es weiter. Wenn ein Ziel nicht erreicht wird, muss man neu darüber nachdenken, wie man die Therapie verändert."

Beschreibt Professor Schneeweiss vom Nationalen Tumor-Centrum, was Ärzte für Betroffene tun können. In Forschungsstudien versuche sein Team außerdem, Therapien auf die genetische Beschaffenheit des Zweit-Tumors maßzuschneidern. Zum klinischen Alltag gehörten Gewebeproben für die molekulargenetische Analyse aber noch nicht, konstatiert Schneeweiss, denn die Biopsien seien problematische Eingriffe.

Forschung zur Blutanalyse

"Und deswegen wäre es günstiger, wenn man das Ganze aus dem Blut bestimmen könnte, und da ist man dran. Es könnte durchaus sein, dass man in einigen Jahren sagen kann, wir brauchen nicht mehr die einzelne Metastase zu biopsieren, sondern wir können Blut entnehmen, können im Blut das Erbmaterial des Tumors identifizieren und dann dort charakterisieren, wie das Erbmaterial des Tumors aussieht und darauf dann unsere Therapien aufbauen."

"Für diese ganze Symptomatik fühlt sich keiner zuständig"

Als Metastasen-Patientin vermisst Lina die Zusammenarbeit von niedergelassenen Fachärzten verschiedener Richtungen. An den großen Krebs-Zentren wie Heidelberg und Berlin mag sie Alltag sein. Linas Problem in ambulanter Behandlung ist aber, "dass meine Metastasen, meine Knochen-Metastasen vom Brustkrebs stammen, und damit die Gynäkologen für mich zuständig sind, meine ganze Beschwerdelage aber eine orthopädische Beschwerdelage ist – mit Rückenschmerzen, mit Bewegungseinschränkungen. Für diese ganze Symptomatik fühlt sich keiner zuständig. Das fand ich sehr traurig."

"Freunde und Verwandte halten das oft nicht aus"

"Man muss sich alles mühsam organisieren", sagt Regina. Unterstützung findet sie in der psychosozialen Krebsberatungsstelle Rheinhessen. Dort erfuhr sie auch, dass sie sich befristet verrenten lassen kann. Nach ihrer 17. Chemotherapie und der Reha, die dann ansteht, will Regina wieder arbeiten. "Ich bin jemand, bei dem ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer, und das kommt mir dabei zugute."

Lina bezieht Erwerbsminderungsrente und freut sich über das, was geht. Jedes Frühjahr will sie genießen, als wäre es das letzte. Es kann auch das letzte sein, hatte ihr ein Psychoonkologe gesagt. Mit ihm schonungslos über die unheilbare Erkrankung und den Tod sprechen zu können, war Lina wichtig. Freunde und Verwandte halten das oft nicht aus, merkt sie. Schmerzhaft - die kleinen Abschiede.

Kleine Abschiede

"Wie zum Beispiel Fahrradfahren, darf ich nicht mehr wegen der Sturzgefahr."

Bitter, die Sitzungskarten für die Fastnacht zurückzugeben, aber schunkeln geht einfach nicht mehr. Die Sonnenstrahlen zu genießen, die durch große Scheiben in das Mainzer Café fallen, schon. Draußen weht eine rote Fahne, nur wer genau hinschaut, erkennt den Smiley darauf. "Ist mir vorher noch nie aufgefallen", sagt Lina.

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