Mittwoch, 29. Juni 2022

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Wenn der Teddy Bauchweh hat

Das ganze Jahr über besuchen Medizinstudenten Kindergärten, um dort die Kuscheltiere zu verarzten. Einmal im Jahr bauen sie sogar ein ganzes Teddybär-Krankenhaus auf - ein Trick, um Kindern die Angst vor dem Arzt zu nehmen. Auch die Studenten lernen dabei einiges über den Umgang mit kleinen Patienten.

Von Anna-Lena Dohrmann | 23.07.2013

"Also ich bin die Marie. Du heißt?"
"Robin."
"Und dein Kuscheltier?"
"Felix."
"Na dann wollen wir den Felix jetzt mal untersuchen. Warum bist du denn hier? Was hat er denn?"
"Bauchweh."
"Na, dann leg ihn mal hin und dann untersuchen wir denn jetzt mal."

Als Erstes hört Medizinstudentin Marie das Herz des Teddybären ab, danach tastet sie gemeinsam mit Robin den Bauch ab und entscheidet, ein Röntgenbild zu machen.
Das Röntgengerät erinnert an einen Overheadprojektor.

"Dann kommst du mal mit, dann gehen wir das jetzt mal röntgen."

Die Studenten machen kurz eine Lampe an, danach zaubern sie ein Teddy-Röntgenbild aus der Schublade. Für die klassischen Krankheiten wurden diese extra angefertigt.

"Guck mal, so ungefähr sieht der Bauch dann aus, wenn man das röntgt. Das sieht aus, als hätte der zu viele Süßigkeiten gegessen."

Mit solchen Tricks wollen Medizinstudenten den Kindern die Angst vorm Arzt nehmen und gleichzeitig Wissen vermitteln. Die Kinder, die ins Teddybär-Krankenhaus kommen, haben ganz unterschiedlichen Arzterfahrungen gemacht:

"Ich war aufgeregt, ich hatte schon mal eine Spritze gekriegt."
"Als ich die Spritze bekommen habe, das hat dann immer gepikst."
"Und das hat ganz dolle wehgetan."
"Ich habe eigentlich keine Angst vorm Arzt."

Und so geht es den meisten Kindern hier, erzählt Patricia Schmidt, Medizinstudentin im achten Semester.

"Ihnen ist auch bewusst, dass man zum Arzt gehen muss, weil einem dort geholfen wird. Von daher wurde ich belehrt hier, dass es gar nicht so eine Riesenangst gibt."

Im Teddybär-Krankenhaus lernen also nicht nur die Kinder. Viele Studenten testen hier ganz praktisch ihren Wunschberuf Kinderarzt.

"Ich nehme hier sehr viel mit für mich selbst, weil ich merke, dass man im Umgang viel lockerer wird mit Kindern und dann kommt man da so rein und hat total viel Spaß mit ihnen."

Das ganze Jahr über besuchen Medizinstudenten Kindergärten, um dort die Kuscheltiere zu verarzten. Doch nur einmal im Jahr bauen sie das Teddybär-Krankenhaus auf, so Richard Gnatzy. Er organisiert es jetzt zum zweiten Mal in Leipzig:

"Hier können wir quasi noch ein bisschen mehr anbieten. Da können wir wirklich über gesunde Ernährung und über das Zähneputzen nochmal mit denen reden, um das Gesundheitsbewusstsein auch im Kindesalter immer mehr zu wecken."

Außerdem steht für die Kinder ein echter Rettungswagen bereit und die Studenten haben einen OP-Saal aufgebaut. Doch es gibt auch Situationen, in denen die Studenten an ihre eigenen Grenzen kommen.

"Einmal ist ein Kind zu mir gekommen und dann fragen wir die Kinder als Ärzte immer, was das Kuscheltier für ein Problem hat. Und da hat es eben direkt gesagt, dass es Krebs hat. Und da schluckt man dann schon erst einmal als Student. Und dann bin ich einfach mit dem Kind so ein bisschen ins Gespräch gekommen über die möglichen Ängste oder woher es denn das schon einmal gehört hat."

Diese Erfahrungen sind wertvoll für angehende Ärzte. Auch sie lernen so in einem spielerischen Umfeld, mit schwierigen Situationen umzugehen. Hier haben sie Ruhe und Zeit – ein Luxus, der im Klinikalltag nicht immer da ist. Das betont Prof. Roland Pfäffle von der Uni-Kinderklinik in Leipzig, die die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat.

" Man erklärt ja Kindern sehr viel, bevor man an ihnen Untersuchungen vornimmt oder Blutentnahmen macht. Aber wenn eine akute Aufnahme da ist, dann ist oft nicht die Zeit da."

Genau in solchen Momenten können sich Kinder oft unbewusst an positive Erlebnisse erinnern. Und so hat Professor Pfäffle auch schon erlebt, dass Kinder ganz stolz erzählt haben, dass sie dieses oder jenes aus dem Teddybär-Krankenhaus kennen.

"Bei Kindern ist dieses Erinnerungsvermögen oft erstaunlich gut. In Situationen, wo man jetzt wirklich nicht denkt, dass sie sich mit solchen Erfahrungen dann auseinander setzen können noch. Das ist, denke ich ein Schatz, der geht nicht so schnell verloren."

Und selbst wenn nicht jedem Kind die Krankenhausangst genommen werden kann – heute hatten die Kinder jedenfalls sehr viel Spaß.