Samstag, 24. Februar 2024

Über Leben und Tod
Von der verändernden Kraft zeitgemäßer Mythologien

Es sind die christlichen und antiken Mythologien, die unser Selbstverständnis prägen, die etwa von Leben, Tod und Vergänglichkeit erzählen. Was würde sich ändern, wenn wir uns in der globalisierten Welt auf die Suche nach alternativen Erzählungen begeben?

Von Ann Mbuti | 04.02.2024
Eine Frau hat Gesicht und Hände als Skelett geschminkt, trägt einen großen, mit goldenen Rosen verzierten Hut und geht bei der Parade am 04.11.2023 in Mexico City mit.
Jedes Jahr werden in Mexiko am Día de Muertos, dem Tag der Toten, die Verstorbenen mit einem großen Fest geehrt. (IMAGO / Eyepix Group / IMAGO / Carlos Tischler / Eyepix Group)
Die prägenden Narrationen eines Weltbilds sind tief in den gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt, aus denen sie hervorgehen. Der Einfluss des christlichen und antiken Kanons auf die westliche Kultur ist dabei unbestreitbar. Dennoch sind diese öffentlichen Fiktionen stets wandelbar. Durch die produktive Auseinandersetzung mit Erzählungen aus anderen kulturellen Kontexten haben wir die Möglichkeit, Gesellschaften nachhaltig zu erweitern und zu verändern.

Unsere westliche Vorstellung von Jenseits und Tod ist wesentlich von der dualistischen Betrachtung von Leben und Tod dominiert. Was für zeitgemäßere Narrative mit einer alternativen Perspektive auf den Tod gibt es? Und was würde es für das westliche Weltbild bedeuten, wenn wir sie stärker in unsere Erzählungen integrieren würden? Zumindest eines: Es würde unsere Sicht auf das Leben und auf uns selbst verändern.
Ann Mbuti, Jahrgang 1990, ist freie Autorin und Journalistin in den Bereichen der zeitgenössischen Kunst und (Pop-)Kulturen. Ihr Fokus liegt auf Positionen und Projekten, die ein Potenzial für gesellschaftlichen Wandel haben. Derzeit beschäftigt sie sich mit Mythologien, Oral History, Science-Fiction und der Verschmelzung von Fakten und Fiktionen. Zuletzt ist von ihr das Buch „Black Artists Now. Von El Anatsui bis Kara Walker“ im C.H. Beck Verlag erschienen. Ann Mbuti lebt und arbeitet in Zürich.

In den Wissenschaften nennt man Aussagen, die nicht in der Theorie bewiesen, sondern gewissermaßen beweislos vorausgesetzt werden, Axiome. Und ein bisschen etwas davon haben die Grundannahmen dieses Essays, die da lauten:
  • Wir alle sterben. Das ist keine Annahme, sondern eine unumstößliche Tatsache.
  • Obwohl dies das Schicksal eines jeden von uns ist, war und sein wird, wird die Diskussion über den Tod, seinen Verlauf und die Möglichkeiten, was danach kommt, in den westlichen Gesellschaften meist vermieden.
  • Ludwig Wittgenstein hat einmal gesagt: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.” Niemand weiß, was nach dem Tod geschieht. Alle Narrative, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte herausgebildet haben, sind gleichermaßen Mutmaßungen, die sich zu Glaubenssätzen verdichtet haben.
  • Das Leben nach dem Tod ist vom Leben nicht zu trennen. Letzteres ist die Voraussetzung von ersterem und beide sind immer miteinander verbunden.
Das Hotelresort Lake View verspricht einen perfekten Aufenthalt: luxuriöses Grandhotel-Ambiente, ein schier endloses Freizeitangebot und ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit täglich wechselnden Spezialitäten. Der Blick auf den glitzernden See ist atemberaubend, das Wetter stets angenehm und der Mischwald rund um die Anlage in herbstliche Farben getaucht. Die Betreiberinnen von Lake View geben sich größte Mühe, ihren Gästen einen möglichst perfekten Aufenthalt zu bieten, denn diese verbringen dort eine Ewigkeit. Eine buchstäbliche Ewigkeit, denn das Hotel heißt Gäste für das Leben nach dem Tod Willkommen.
Die virtuelle Realität von Lake View ist der Schauplatz der US-Amerikanischen Science-Fiction-Comedy-Serie Upload. Die Handlung spielt im Jahr 2033, in dem es technisch möglich ist, vor dem Tod sein Bewusstsein in ein virtuelles Jenseits hochzuladen und als digitale Version des eigenen Ichs weiterzuexistieren. Das lang ersehnte Ziel der Unsterblichkeit scheint in greifbare Nähe gerückt, ermöglicht durch die digitalen Speicherkapazitäten der nahen Zukunft. Menschen sind nach ihrem Tod nicht mehr von der Lebenswelt abgeschnitten, sondern können in der digitalen Umgebung mit Bodysuits besucht werden oder über Bildschirme an realen Ereignissen teilnehmen. Der Tod hat in der Serie seine Endgültigkeit verloren.
Die Idee eines solchen Mind Uploading wurde bereits 1971 von dem US‑amerikanischen Biogerontologen George M. Martin formuliert. Ausgehend von seinen Forschungen zu biologischen Alterungsprozessen bezeichnete er den spekulativen Prozess der Auslagerung mentaler Prozesse des Menschen auf ein externes Medium als einen Schritt in Richtung Unsterblichkeit und hin zur dauerhaften Trennung von dem Moment des biologischen Todes und dem Tod des Geistes einer Person.
Doch die digitale Unsterblichkeit im Lake View Resort hat auch ihre Schattenseiten: Das Erlebnis ist abhängig von den finanziellen Mitteln des einzelnen Gastes, der malerische Ausblick nur für Premiumnutzer und -nutzerinnen freigeschaltet und je zahlungskräftiger die Kundschaft, desto höher das Stockwerk, in dem sich das Zimmer befindet. Im Keller des Lake View fristen jene Existenzen ihr Dasein, deren Jenseits-Abo nur 2 GB pro Monat umfasst. Ist das Kontingent aufgebraucht, friert der digitale Avatar bis zum nächsten Monatsbeginn ein. Das Gedankenspiel, das der Serie zugrunde liegt, macht zwar tödliche Krankheiten weniger bedrohlich und nimmt der Trauer um einen Menschen die Schwere, weil der Tod kein Endpunkt ist, sondern eine Transformation vom Analogen ins Digitale. Doch die künstliche Gestaltung eines digitalen Jenseits rückt drängende gesellschaftliche Fragen in den Vordergrund: Wer hat überhaupt Zugang zur digitalen Unsterblichkeit und nach welchen Bedürfnissen wird diese vermeintliche Idylle gestaltet? Welche Konsequenzen hat es, wenn das Leben nach dem Tod wie in Lake View nach marktwirtschaftlichen Prinzipien gehandelt wird? Durch die serielle Erzählweise wird dem Publikum eine Realität mit einem anderen Todesbild nähergebracht, während sich die spezifischen Implikationen, was dies für das gesamte Weltbild bedeutet, von Episode zu Episode entfalten.
Und das gilt nicht nur für Upload: Wie eine Kultur den Tod versteht, sagt viel über ihre Lebensweise aus. Unsere westliche Vorstellung vom Tod ist wesentlich von der dualistischen Abgrenzung zum Leben geprägt, und in den letzten Jahrhunderten waren es vor allem die christlichen und antiken Mythologien, die von Leben, Tod und Vergänglichkeit erzählten. Viele aktuelle kulturelle Erzeugnisse, wie Serien, Filme, Ausstellungen oder Theaterstücke, basieren auf diesen Mythologien. Statt aktuelle Handlungsweisen aufzuzeigen, reproduzieren sie alte mythologische Archetypen und Topoi. Sei der auserwählte Retter nun der Sohn Gottes oder eine Superheldin wie Wonder Woman oder ein Held wie Superman und Spiderman, die die Unterhaltungsindustrie des 20. Jahrhunderts geprägt haben.
Die Tatsache, dass das Leben unweigerlich mit dem Tod verbunden ist, stellt die große und unausweichliche Tatsache der menschlichen Existenz dar, die das Bewusstsein aller Kulturen, Zeiten und Zivilisationen durchdringt. Der Glaube an eine wie auch immer geartete Fortexistenz nach dem Tod ist weit verbreitet, was die Sozial- und Evolutionspsychologie mit dem Konflikt des Bewusstseins der eigenen Vergänglichkeit mit dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb erklärt. Dieser Konflikt führt nach der sogenannten Terror-Management-Theorie zu einer tiefen Angst, die mit einer Mischung aus Verdrängung und der Konstruktion kultureller Sinnzuschreibungen bekämpft wird. Nicht zuletzt, um der biologischen Tatsache des Todes höhere Werte und Bedeutungen entgegenzusetzen. Dies kann geschehen, indem Menschen ihre Identität und Werte auf kulturelle Artefakte übertragen – kreative Werke, Familientraditionen oder andere Vermächtnisse – und so versuchen, einen dauerhaften Einfluss auf die Welt zu hinterlassen, der über ihre physische Existenz hinausgeht. Oder durch die Identifikation mit einer Gemeinschaft, die von kulturellen Normen und Glaubenssystemen zusammengehalten wird. Mit der Zeit verfestigen sich diese kulturellen, religiösen oder spirituellen Sinnzuschreibungen zu Hintergrundüberzeugungen, zu an Gewissheiten grenzende Annahmen, die selbst wiederum nicht begründbar sind, aber den Rahmen für Handlungs- und Denkweisen bilden.
Die unterschiedlichen Reaktionen auf die eigene Vergänglichkeit spiegeln sich in den verschiedenen Todesbildern wider, die Menschen im Laufe der Zeit und in verschiedenen Kulturen konstruiert haben. Obwohl die Tatsache des Todes als scheinbar endgültig betrachtet wird, sind die Vorstellungen darüber, was nach dem Tod geschieht, wie er interpretiert und welche Bedeutung ihm zugeschrieben wird, einem ständigen Wandel unterworfen, der mit Bedürfnissen der Zeit verbunden ist – und sein muss. Die Konstruktion des Todes ist ein kulturelles und soziales Phänomen. Und angesichts kultureller Vielfalt und globaler Vernetzung eröffnen sich durch die Einbeziehung von Perspektiven aus unterschiedlichen Kontexten und Lebenswelten neue Horizonte, die die traditionellen Grenzen unserer Vorstellungen herausfordern und eine alternative Perspektive auf den Tod – und damit auch auf das Leben – eröffnen.
Eine der großen Sinnzuschreibungen im Zusammenhang mit dem Ende des Lebens ist die Vorstellung der Unsterblichkeit. Sie kann sowohl die Antwort auf den biologischen als auch auf den spirituellen Tod sein und treibt Bemühungen um Lebensverlängerung gleichermaßen wie Vorstellungen von einem Jenseits an. Sie liegt der Idee des Lake View Resorts und der digitalen Ewigkeit in Upload ebenso zugrunde wie zentralen Glaubenssätzen des Christentums und anderer monotheistischer Religionen. Unsterblichkeit für die Seele, für alle Erlösten nach dem Tod. Im Zentrum dieser Erzählung steht die Bewahrung des Ich, des individuellen Selbst, das als kohärente Einheit und über die Grenzen des biologischen Todes erhalten werden soll.
Jenseits dieser buchstäblich egozentrischen Vorstellung ist in vielen Teilen der Welt ein alternatives Jenseitsprinzip verbreitet: Ahnenverehrung. Sie ist in zahlreichen traditionellen kulturellen Kontexten anzutreffen, wird bis heute praktiziert und führt zu weit mehr als einer Art von individueller Erinnerungskultur. Auch wenn sich die rituellen Praktiken verschiedener kultureller Ansätze im Detail unterscheiden, ist ihnen gemeinsam, dass den Toten eine kollektive Identität als Ahnen zugeschrieben wird. Der Tod wird zum Moment des Übergangs, durch den die Ahnen zu übermenschlichen Wesen werden. Es findet ein Funktionswechsel vom Individuum zum Vorfahren statt. Aber die Ahnen, ihre Geister und Götter bleiben Teil dieser Welt. Sie sind weder übernatürlich, noch transzendent, sondern durch rituelle Praktiken realer Teil des Alltags der Lebenden.
Im traditionellen Glauben der südafrikanischen Zulu ist der Tod gleichbedeutend mit der Rückkehr nach Hause, an den Ort, an den man gehört. Dort verweilen die Verwandten und Freunde, die vor einem von dieser Welt gegangen sind. Die Ahnen spielen schon in der Entstehungsgeschichte der Zulu eine wichtige Rolle. Die Geschichte beginnt so: Am Anfang, als noch Dunkelheit herrschte und die Erde ein lebloser Fels war, sandte die Gottheit Umvelinqangi einen einzigen winzigen Samen auf die Erde. Daraus wuchs ein langes Schilfrohr, das weitere Samen hervorbrachte und zu noch mehr Schilf wuchs. Als ein riesiger Sumpf im Norden bedeckt war, wuchs aus dem Ende eines Schilfrohrs ein Mensch. Sein Name war Unkulunkulu und er war der erste Vorfahre, der alle anderen Männer und Frauen aus dem Schilf pflückte, die die ersten Vorfahren aller Völker der Erde werden sollten. Unkulunkulu sammelte all die verschiedenen Lebensformen, die am Ende des Schilfs wuchsen, warf die Fische in die Flüsse, sammelte Vögel und Antilopen und verteilte sie in der Wildnis. Er riss sogar einen Feuerball und einen glühenden runden Stein aus dem Schilf und warf sie in den Himmel, um Licht in die Welt zu bringen.
Es gibt bei den Zulu viele Versionen dieser Entstehungsgeschichte, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden, aber der Kern ist immer ähnlich. Zentral ist der Glaube an die Heimkehr und die damit einhergehende spirituelle Verbundenheit der Gemeinschaft. Wenn der Tod eines Angehörigen die Rückkehr in die Gemeinschaft bedeutet, dann ist das nicht nur ein Trost, sondern ein dauerhaftes Zusammengehörigkeitsgefühl in Form eines Bandes zwischen den Generationen und eines gemeinsamen Verständnisses von Identität und Schicksal. Im Alltag sind die Ahnen weiterhin präsent, sie erscheinen in Träumen oder durch Krankheiten, sie werden bei Geburten, Hochzeiten oder Todesfällen kontaktiert. Die Lebenden zählen auf ihre Unterstützung in Zeiten des Glücks, des Reichtums oder der Not. Über die zwischenmenschlichen Beziehungen hinaus impliziert die Geschichte eine enge Verbindung zwischen Mensch und Natur. Die Vorstellung, dass alle Menschen von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der seinerseits aus einer Pflanze hervorgegangen ist, legt den Grundstein für eine gemeinsame Entstehungsgeschichte, die alle Lebewesen einschließt.
Aber auch die Unsterblichkeit spielt in der Geschichte von Unkulunkulu eine Rolle:
Als eine seiner letzten Taten holte er das erste Chamäleon aus einem Schilfrohr und schickte es mit der Botschaft auf die Reise, dass Menschen nicht sterben müssen. Doch das Chamäleon war langsam und faul auf seiner Reise, so dass Unkulunkulu ungeduldig eine andere, schnellere Eidechse aus dem Schilfrohr schickte. Doch die Echse verstand die Botschaft falsch und verbreitete, dass die Menschen sterben müssten, und brachte von diesem Tag an die Sterblichkeit in die Welt. Man sagt, dass Chamäleons ihre Farbe wechseln, weil sie sich schämen, dass ihr Vorfahre nicht schnell genug war, um die Menschheit vor dem Tod zu bewahren.
Unsterblichkeit ist im Weltbild der Zulu keine Option, keine angemessene Sichtweise auf das Leben nach dem Tod, zumindest nicht auf der Ebene des Individuums. Der Individualismus der westlichen Gesellschaften, der persönliche Interessen und Autonomie über gemeinsame Werte und kollektive Anstrengungen stellt, hat zur Folge, dass die individuellen Lebensleistungen mit dem Tod des Individuums allenfalls als Erinnerungen präsent sind. Anstelle dessen erlischt im Weltbild der Zulu mit dem Tod eines Menschen nicht seine Leistung für die Gemeinschaft. Die Toten bleiben Teil der Lebenden, weil sie am Schicksal der Lebenden teilhaben. Das philosophische Konzept Ubuntu, das ein wesentlicher Bestandteil verschiedener afrikanischer Gesellschaften ist und auch in Südafrika eine zentrale Rolle spielt, baut auf genau diesen Werten auf und stellt die Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit, die durch das Zusammenleben entsteht, in den Mittelpunkt. Das ist überaus folgenreich.
Im nördlichen Nachbarland Botswana, wo ein ähnliches Prinzip unter dem Namen Botho existiert, reicht diese Denkweise bis in die Bestattungstraditionen hinein. Sterben ist in Botswana ein sozialer Moment, in den Verwandte und Bekannte eingebunden sind, die als Besucherinnen und Besucher am Sterbebett, sei es zu Hause oder im Krankenhaus, die Würde des Sterbenden markieren. Botho lässt sich mit „Menschlichkeit“ übersetzen, allerdings verbunden mit der Erkenntnis, dass die eigene Persönlichkeit in der des anderen verwurzelt ist. Seit den 1990er Jahren wird Botho von der Regierung Botswanas aktiv gefördert.
Über die vielfältigen afrikanischen Kontexte hinaus ist die Vorstellung einer Ahnenwelt und der Einbindung in ein größeres Ganzes nach dem Tod auch in anderen Kulturen präsent.
In vielen japanischen Familien werden nach dem Tod eines Familienmitglieds täglich Reis, ganze Mahlzeiten, Getränke und sogar Sake für die Verstorbenen des Haushalts bereitgestellt und die Ahnen auf einem Familienaltar oder an ihren Gräbern bis zu 33 Jahre nach ihrem Tod verehrt. Danach werden sie in den allgemeinen Ahnenkreis aufgenommen und wirken weiter auf das Leben ein.
In vielen westlichen Gesellschaften hat sich der Tod dagegen zunehmend aus dem Alltag zurückgezogen und ist weniger sichtbar geworden. Die meisten Menschen sterben in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in Deutschland sind es fast 80 Prozent, obwohl sich die meisten Menschen wünschen, zu Hause zu sterben. Hat sich dadurch eine Entfremdung vom Sterben eingeschlichen, die es erschwert, den Tod als natürlichen Teil des Lebens zu akzeptieren?
Dennoch gibt es lebendige Traditionen, die den Tod feiern und eine Nähe zum Thema ermöglichen.
So findet in Mexiko alljährlich zwischen dem 31. Oktober und dem 2. November der inzwischen weltweit bekannte Día de Muertos, der Tag der Toten, statt. Dieser Tag wird als großes Fest begangen und ehrt die Verstorbenen mit aufwendig gestalteten Altären, die mit Fotos, Kerzen, Blumen, Speisen und persönlichen Gegenständen geschmückt sind. Die Familien besuchen die Gräber ihrer Angehörigen, um die Erinnerung an sie wach zu halten. Aber nicht als bloße Erinnerung, sondern man glaubt, dass die Seelen der Toten während dieser Zeit zu den Lebenden zurückkehren.
Diese Vorstellung hat sich in der Tradition verschiedener indigener Völker Mexikos aus präkolumbischer Zeit erhalten, bevor die spanischen Kolonisatoren der Bevölkerung den Katholizismus aufzwangen und die bestehenden Glaubenssysteme verdrängten.
Etwa zur gleichen Zeit entwickelten sich im mittelalterlichen Europa in der Kunst Motive wie das „Memento Mori“, das „Gedenke des Todes“, die den Betrachtenden mit Darstellungen von Totenschädeln, verwelkten Blumen oder anderen Symbolen des Verfalls an die eigene Sterblichkeit erinnern sollten. Auch die Tradition des Totentanzes aus dem 14. Jahrhundert, bei dem der personifizierte Tod als Skelett in Bildern Menschen aller Herkunft zum Tanz aufforderte, oder die literarische „Ars Moriendi“ des Spätmittelalters, deren Texte praktische Anleitungen für ein gutes Sterben lieferten – der Tod war in dieser Zeit kulturell und sozial noch stark präsent. Schwierige Lebensbedingungen mit einer geringen Lebenserwartung und Seuchen wie die Pest sorgten für einen engen Kontakt mit dem Tod, der Teil des täglichen Lebens und des sozialen Umfelds war.
Der stetige medizinische Fortschritt und die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen der letzten Jahrhunderte haben den Tod zunehmend in die Privatsphäre verbannt und die Fähigkeit vieler westlicher Gesellschaften eingeschränkt, sich angemessen mit dem natürlichen Prozess des Lebensendes auseinanderzusetzen. Eine Alternative zur Vorstellung der Unsterblichkeit ist die Idee der Wiedergeburt. Es gibt zahlreiche kulturelle, philosophische und religiöse Ansätze, in denen der Tod als notwendiger Teil des Kreislaufs von Geburt und Reinkarnation verstanden wird.
Im Hinduismus oder Buddhismus ist dieser endlose Kreislauf zentral und die Befreiung davon das höchste spirituelle Ziel. Aber auch im kabbalistischen Judentum, bei den Igbo in Nigeria oder im Sikhismus und Jainismus findet sich das Konzept der Reinkarnation. Trotz der enormen Vielfalt der jeweiligen Traditionen und der in ihnen vertretenen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod ist die Wiedergeburt ein wichtiges Element. Im Hinduismus ist sie eng mit dem Karma‑Gedanken verbunden, der die Summe der Taten eines Menschen und deren Folgen berücksichtigt und zur Ansammlung von gutem oder schlechtem Karma mit entsprechenden Konsequenzen führt. Diese Folgen können sich im gegenwärtigen oder in einem zukünftigen Leben einstellen.
Auch im Christentum – vor allem im Protestantismus – hängt das jenseitige Schicksal von den Taten im Leben ab. Ähnlich wie in der altägyptischen Mythologie, wo das Ka – die Seele – eines Menschen und sein Herz als Sitz aller Taten und Moral nach seinem Tod im Jenseits in der Halle der Ma'at gewogen werden. Anubis, der Gott der Unterwelt, bewacht die Waage, die als Gegengewicht eine Feder der Ma'at, der Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, trägt. Ist das Herz schwerer, wird der Seele das ewige Leben verwehrt und sie wird in einen zweiten, endgültigen Tod geschickt. Eine gute Lebensführung nach den Vorgaben des jeweiligen Glaubenssystems ist unerlässlich, hat aber nicht die gleichen Implikationen wie im Verständnis von Karma.
Für die meisten Menschen, die an zyklische Wiedergeburten glauben, ist der Prozess der Erlösung keine Angelegenheit eines einzigen Lebens, sondern eine langfristige Abfolge von Wiedergeburten, bis die notwendige Entwicklungsstufe erreicht ist. Verglichen mit der linearen Vorstellung, nur ein einziges Leben und Schicksal zu haben, bringt ein zyklisches Verständnis des Lebens eine ganz andere Perspektive – ja ein anderes Weltbild – mit sich: Nämlich eine stärkere Betonung der spirituellen Entwicklung sowie den Glauben, dass die individuelle Existenz Teil eines größeren Seinsprozesses ist. Daraus ergibt sich eine nicht vom Individualismus dominierte Haltung. Der Tod eines Individuums ist nur ein Übergangspunkt in einem größeren Kreislauf, der über viele Leben hinweg unterschiedliche Bedingungen und Möglichkeiten bietet.
Symbolisch dafür steht im Hinduismus der Mythos vom Tanz des Shiva, der neben Brahma und Vishnu als eine der Hauptgottheiten die Kräfte der Natur repräsentiert. Shiva steht für Zerstörung, trägt aber auch die Notwendigkeit des Neubeginns in sich. Zahlreiche Geschichten ranken sich um den kosmischen Tanz Shivas, der die endlosen Zyklen von Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung symbolisiert. In einer dieser Geschichten spielt der Dämon der Unwissenheit namens Apasmara eine wichtige Rolle, der Zerstörung über die Welt brachte. Die Gottheiten baten Shiva um Hilfe, um Apasmara zu besiegen und die kosmische Ordnung wiederherzustellen. So nahm Shiva eine andere Gestalt an und tanzte als Nataraja den Ananda Tandava. Der so genannte Tanz der Glückseligkeit stellte mit seinen rhythmischen Bewegungen die fünf kosmischen Aktivitäten des Erschaffens, Bewahrens, Zerstörens, Verbergens und Enthüllens in der Illusion und der Gnade dar. Während Shiva diesen mächtigen Tanz aufführte, setzte er seine ganze kosmische Energie frei und der Dämon Apasmara wurde in seiner Unwissenheit erschüttert. Der ewige Kreislauf von Zerstörung und Aufbau, Tod und Wiedergeburt steht für das kosmische Wissen, das über die Täuschung triumphiert. Dieses kosmische Gleichgewicht wird ikonografisch in der tanzenden Figur Shivas als Nataraja dargestellt. Die Gottheit in der Pose mit erhobenem Bein, umgeben von Flammen, mit einer Trommel und dem Ganges, der aus ihrem Haar fließt, ist an vielen Orten zu finden und vermittelt die tiefe symbolische Bedeutung der verschiedenen Aspekte des Kosmos.
Liegt Trost in der Aussicht, dass der Tod Teil eines größeren kosmischen Plans sein könnte? Es ist nicht leicht, das Ende des Lebens als ein willkommenes Ereignis zu betrachten. Der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen ist unvermeidlich, und nicht alle, die an die Wiedergeburt glauben, haben zwangsläufig eine „positive“ Einstellung zum Tod. Aber die Vorstellung eines fortwährenden spirituellen Prozesses, der über den biologischen Tod hinausgeht, bietet die Möglichkeit eines Umdenkens in der Weise eines Arbeitens am eigenen Weltbild: Statt den Tod als endgültiges Ende zu betrachten, wird er als eine Phase im ewigen Kreislauf gesehen und verliert damit ein wenig von seiner Bedrohlichkeit zugunsten einer Notwendigkeit. Erst über die verschiedenen Stationen vieler Leben nähert man sich im Gedankenraum der Wiedergeburten der Erlösung an. Es ist daher nicht verwunderlich, dass den Toten keine großen Denkmäler errichtet werden. Gräber, Sarkophage oder Pyramiden, die die letzte Ruhestätte der Toten markieren, werden überflüssig, denn der Tod ist kein Endpunkt, sondern nur ein Moment auf dem Weg.
Als Menschen des 21. Jahrhunderts können wir zum einen auf jahrtausendealte kulturelle Zeugnisse und Erfahrungen zurückgreifen, die uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Zwerge auf den Schultern von Riesen, so hat es Bernhard von Chartres im 12. Jahrhundert genannt. Aber alles, was mit dem Tod zu tun hat, entzieht sich jeglicher Erfahrung. Wenn wir mit dieser unausweichlichen Tatsache konfrontiert werden, sind wir so klug wie alle Menschen vor uns und sind darauf angewiesen, von unseren Erkenntnissen auszugehen. Viele Vorstellungen vom Leben nach dem Tod sind deshalb genau das: Eine Projektion auf das Unbekannte, die sich aus den gegenwärtigen Lebensumständen ableitet. Vertraute Merkmale aus dem Leben werden herangezogen, um den Tod zu verstehen und begreifbar zu machen. Das Leben nach dem Tod lässt sich somit schon begrifflich nicht vom Leben trennen. Und so könnte sich mit einem anderen Blick auf den Tod auch unser Leben ändern und umgekehrt. Denn – so hat es der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal gesagt: „Die Sätze, die dieses Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregeln, und das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln lernen.“ Und auch wenn wir die Regeln unserer Sinnzuschreibungen und Weltbilder nicht kennen, so wirken sie doch auf unsere Hintergrundüberzeugungen ein.
Als Menschen des 21. Jahrhunderts leben wir zum anderen in einer Welt, die nur noch global gedacht werden kann und uns herausfordert, ein globales Bewusstsein zu entwickeln, das möglichst alle Lebensbereiche umfasst. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Tod und dem Jenseits. Am Anfang stand die Frage, welche öffentlichen Fiktionen unserer Zeit entsprechen und welche Auswirkungen es haben könnte, wenn unser Erzählen in den verschiedenen Formaten und Genres neue Verbindungen zu anderen kulturellen Quellen sucht. Wenn sich die Vorstellungen von der Vergangenheit aus verschiedenen Teilen der Welt mit den Herausforderungen und Chancen der Gegenwart verbinden würden? Natürlich bleibt die Wirksamkeit der verschiedenen Glaubenssysteme und Weltbilder stark von der individuellen Interpretation abhängig, aber eine kulturelle Landschaft, die nicht nur die Wurzeln unserer eigenen Geschichte, sondern viele andere in sich trägt, scheint immer dringlicher zu werden.
Eine digitale Unendlichkeit, wie sie in Upload thematisiert wird, ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Solche Ideen fordern uns heraus, über die traditionellen Grenzen von Leben und Tod hinauszudenken, und geben uns die Möglichkeit, neue Wege der Existenz in das kollektive Bewusstsein zu integrieren. Welche Rolle würden die Ahnen in dieser Vision spielen? Wie könnte das Prinzip der zyklischen Wiedergeburt im Kontext unserer gegenwärtigen Lebenserfahrungen neu interpretiert werden? Die Vorstellung, nach dem Tod nicht in einem Luxushotel in Neuengland einzuchecken, sondern dorthin zurückzukehren, wo wir hingehören, eröffnet faszinierende anschließende Diskussionsfelder und Vorstellungen. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von einer rein individualistischen Betrachtung der Lebensgestaltung hin zu einer tieferen Verbindung zwischen all den Existenzen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Sei es das Ahnenprinzip, die Totenverehrung oder die Wiedergeburt, sei es die Allgegenwart der Vergänglichkeit oder der Glaube an einen größeren kosmischen Plan – die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven eröffnet ein tieferes Verständnis für die Vielfalt menschlicher Erfahrungen. Und sie zeigt, wie wandelbar auch unsere Vorstellungen vom Lebensende und seiner Bedeutung sind.
So wie ich zu Beginn einige Grundannahmen formuliert habe, möchte ich nun mit entsprechenden Schlussfolgerungen enden:
  • Wie eine Kultur den Tod versteht, sagt viel über ihre Lebensweise aus.
  • Die Konstruktion von Todesbildern und den damit verbundenen Lebensvorstellungen ist wandelbar und lässt sich den Bedürfnissen der Zeit und der verschiedenen Kulturen anpassen.
  • Die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven auf Leben und Tod in unserer globalen Gesellschaft eröffnet neue Horizonte und führt zu einem umfassenderen Verständnis.
  • Wir alle sterben. Das ist keine Annahme, sondern eine unumstößliche Tatsache.