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StartseiteForschung aktuellForscher sieht Malaria-Impfstoff als "Meilenstein" für Afrika07.10.2021

WHO-Empfehlung für MosquirixForscher sieht Malaria-Impfstoff als "Meilenstein" für Afrika

Weil der Impfstoff eine Wirksamkeit von gerade einmal 30 Prozent aufweist, stand Mosquirix in der Kritik. Jetzt hat die Weltgesundheitsorganisation ihn gegen Malaria empfohlen. Der Tropenmediziner Peter Kremsner rechnet mit weiteren, besseren Impfstoffen. Doch Mosquirix sei ein Meilenstein, sagt er im Dlf.

Peter Kremsner im Gespräch mit Michael Böddeker

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Ein Kind leidet an Malaria, Aufnahme aus Bweyale, Uganda (picture alliance / Godong | Philippe Lissac)
Bislang sterben in Afrika pro Jahr rund 400.000 Personen an Malaria - betroffen sind vor allem junge Kinder. Den jetzt von der WHO empfohlenen Impfstoff Mosquirix sehen Mediziner als Lichtblick (picture alliance / Godong | Philippe Lissac)
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Es sei "ein historischer Tag", sagt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Und: Der Impfstoff sei "ein Geschenk für die Welt". Denn die WHO hat jetzt erstmals die breite Anwendung eines Impfstoffs gegen Malaria empfohlen.

Malaria wird durch Parasiten ausgelöst, die durch infizierte Mücken auf den Menschen übertragen werden. Jedes Jahr sterben daran Hunderttausende Menschen, vor allem Kinder unter fünf Jahren.

Peter Kremsner ist Infektiologe, Tropenmediziner und Direktor am Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen. Er war an klinischen Studien zu dem Impfstoff Mosquirix beteiligt. Der Deutschlandfunk hat ihn kurz vor der Sendung in seinem Forschungszentrum in Gabun erreicht.


Das Interview im Wortlaut

Michael Bödekker: Herr Kremsner, wie genau funktioniert dieser Impfstoff?

Peter Kremsner: Der Impfstoff ist ein Teil des wirkungsvollen Proteins, das ist das wichtigste Oberflächenprotein der Sporozoiten.

Böddeker: Sporozoiten, muss man vielleicht noch mal kurz erklären, das ist so eine Art Zwischenschritt dieses Parasiten in seiner Entwicklung?

Kremsner: Die Sporozoiten sind jene Malariaparasiten, die in der Speicheldrüse der Mücke sind und die beim Stich der infizierten Mücke in den Menschen übertragen werden. Und das hat man herausgeschnitten, das hat man verwendet und mit Adjuvantien so versehen, dass es eine sehr gute Immunantwort ergibt und auch gut verträglich und gleichzeitig auch sehr wirksam ist.

"Ein erster Schritt, ein Meilenstein"

Böddeker: Es sei ein historischer Tag, so hat es der WHO-Chef genannt, sehen Sie es auch so?

Kremsner: Auf jeden Fall, es ist die erste antiparasitäre Impfung, die beim Menschen eine Präqualifikation von der Weltgesundheitsorganisation bekommt für den Einsatz in der Medizin – beim Menschen eben, im Tier gibt es schon welche. Insofern ist das was ganz Besonderes. Wir hoffen jetzt darauf, dass möglichst rasch natürlich die eigentlichen Zulassungen folgen in den afrikanischen Ländern und auch die Anwendung. Die Phase-III-Studie, die eigentliche Zulassungsstudie, hat ja schon vor vielen Jahren stattgefunden, und es wurde vor sechs Jahren schon von der europäischen Zulassungsbehörde über den Artikel 58 eine positive Evaluation ausgesprochen. Das heißt, es gab schon so etwas Ähnliches im Zulassungsverfahren, aber die WHO wollte noch diese Implementationsstudien, die jetzt abgeschlossen sind und die bestätigt haben, dass das wirklich sehr gut ist.

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Böddeker: Sehr gut, sagen Sie, allerdings ist die Wirksamkeit dieses Impfstoffs ja nicht so besonders hoch im Vergleich mit anderen Impfstoffen, die es gibt, und das gerade auch bei Säuglingen und Kleinkindern, die ja besonders gefährdet sind durch Malaria, und die Schutzwirkung lässt auch nach im Laufe der Zeit. Reicht das alles wirklich schon, um diesen Impfstoff trotzdem jetzt schon breit anzuwenden?

Über fünf Jahre zu 30 Prozent wirksam

Kremsner: Natürlich ist die Wirksamkeit nicht ganz so gut, wie wir uns das erwünschen, aber im ersten halben Jahr gibt es eine Wirksamkeit von etwa zwei Drittel, so um die 60, 70 Prozent ist die Wirksamkeit. Dann nimmt sie ab, sie ist immer noch um die 35 Prozent nach vier Jahren. Das ist schon ganz gut, wenn man bedenkt, dass wir seit hundert Jahren an einer Malaria-Impfung forschen. Es ist die erste, die es so weit gebracht hat, und insofern ist es ein Durchbruch, und ich hoffe, dass der Impfstoff jetzt eingesetzt wird. Ich hoffe aber auch, dass wir mit anderen Impfstoffen, wo wir dran sind, bessere Wirksamkeiten erzielen – das sieht im Moment auch so aus – und dann auch eine Verbesserung des Malaria-Impfstoffs hinkriegen. Aber das ist ein erster ganz wichtiger Schritt, ein Meilenstein.

Böddeker: Über diese Alternativen können wir vielleicht auch gleich noch ein bisschen sprechen, zunächst mal zu Mosquirix, den Impfstoff, den jetzt die WHO empfiehlt: Der wirkt zwar, Sie haben schon gesagt, eine geringere Wirksamkeit, als man sich das wünschen würde, aber es gibt nicht nur die Wirkung, sondern auch Berichte über Nebenwirkungen. Wie ist da gerade der Wissensstand zu den Nebenwirkungen?

Sicher und verträglich

Kremsner: Ja, natürlich gibt es auch Nebenwirkungen wie bei jedem Impfstoff oder bei jeder Arznei überhaupt, und das sind eben an der Einstichstelle Reaktionen, aber auch Fieber oder Unwohlsein, die nach der Impfung auftreten. Das ist schon aus der Zulassungsstudie so bekannt gewesen, das hat sich jetzt bestätigt, aber es hat sich nichts ergeben, kein Muster von schwerwiegenden Nebenwirkungen, auch bei dieser Riesenstudie, die jetzt stattgefunden hat, und das zeigt, dass der Impfstoff sicher ist und auch ordentlich verträglich ist.

Böddeker: Sie haben eben schon selber angesprochen, es gibt noch andere Impfstoffe, die in der Entwicklung sind. Die WHO hat jetzt eben Mosquirix empfohlen, aber diese anderen Ansätze, an denen arbeiten Sie ja auch, wie weit ist da die Forschung inzwischen?

Weitere Impfstoffe gegen Malaria in der Pipeline

Kremsner: Das ist inzwischen weit gediehen, vor allem die Impfstoffansätze, wo wir die abgeschwächten Sporozoiten nehmen, sind sehr weit. Da planen wir jetzt eine Zulassungsstudie, die Anfang nächsten Jahres beginnen soll mit dem am weitesten fortgeschrittenen Kandidaten. Das ist ein Sporozoiten-Impfstoff, wo die Sporozoiten bestrahlt werden vor dem Einspritzen. Sie können sich, nachdem sie in die Leberzellen eingedrungen sind, nicht mehr vermehren, machen da eine sehr gute Immunantwort und führen zu Wirksamkeitsraten von um die 85 Prozent in den ersten Phase-II-Versuchen. Das wollen wir jetzt in einer Phase-III-Studie noch mal deutlich zeigen und den Impfstoff zur Zulassung bringen.

Böddeker: Jetzt gibt es diesen Impfstoff, den die WHO empfiehlt, andere Ansätze sind in der Entwicklung – was würden Sie sagen, wo stehen wir damit jetzt insgesamt im Kampf gegen Malaria?

Kremsner: Das sieht sehr gut aus. Es gibt ja auch andere Maßnahmen, die wir haben, zum Beispiel die Netze, also Bettnetze, auch imprägnierte Bettnetze mit Insektiziden, imprägnierte Bettnetze, die sehr gut wirksam sind. Es gibt die prompte Diagnostik und dann die Therapie mit eigentlich sehr guten Therapeutika, die man immer wieder neu und weiterentwickeln muss, weil es Resistenzen der Parasiten gibt. Aber grundsätzlich haben wir schon einige sehr gute Möglichkeiten, Kontrollmaßnahmen zu setzen, und die Impfung ist jetzt der nächste Schritt. Und wenn wir eine sehr gut wirksame Impfung haben, die 80, 90 Prozent wirksam ist, dann hätten wir wirklich etwas, auch die Malaria auszurotten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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