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StartseiteForschung aktuellVirologin: "Man muss in den Prozess der Risiko-Nutzen-Abwägung gehen"22.05.2020

Wiederöffnung von Kitas und SchulenVirologin: "Man muss in den Prozess der Risiko-Nutzen-Abwägung gehen"

Die Virologin Ulrike Protzer hält eine Wiederöffnung von Kitas und Schulen trotz Coronakrise für sinnvoll. Die Pandemie sei immer noch da, sagte sie im Dlf, aber unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln sei eine breite Öffnung von Kitas und Schulen denkbar. Es brauche aber einen klaren Fahrplan.

Ulrich Blumenthal im Gespräch mit Ulrike Protzer

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Ein Bettlaken mit der Aufschrift "Willkommen zurück" hängt an einer Schule (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa)
Eine Durchmischung von Gruppen müsse man bei der Wiederöffnung von Schulen und Kitas vermeiden, um Infektionsketten nachverfolgen zu können, sagte Ulrike Protzer im Dlf (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa)
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Vertreter von vier medizinischen Fachgesellschaften fordern in einem Appell an die Politik, Kindertagesstätten und Schulen zeitnah wieder uneingeschränkt zu öffnen. Auch Ulrike Protzer unterstützt diese Forderung. Sie ist Virologin und Direktorin des Instituts für Virologie an der TU München und am Helmholtz-Zentrum in München.

Ulrich Blumenthal: Frau Professor Protzer, wie bewerten Sie die Forderung der Fachgesellschaften?

Ulrike Protzer: Ich denke, dass man einen Plan erarbeitet, wie man alles genau wieder öffnen möchte, ist absolut sinnvoll. Und diesen Plan sollte man natürlich jetzt möglichst rasch vorantreiben in Abstimmung mit den lokalen Gesundheitsämtern. In Abstimmung mit Hygienespezialisten kann man, glaube ich, Regeln finden, wie man auch die Kinder wieder in die Schule bringen kann.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass natürlich Kinder schon infektiös sind, Infektionsquellen sein können, und man muss sich des Risikos bewusst sein – deswegen eben einfach sehr gezielte und gut überlegte Maßnahmen treffen. Aber ich glaube, damit muss man jetzt anfangen.

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Blumenthal: Wer muss sich des Risikos bewusst sein – die Kindertagesstätten, die Erzieher, die Eltern, auch für die Kinder Verantwortung tragen, es ist ja nicht nur eine einfache Risikoabwägung.

Protzer: Absolut. Ich meine, das Erkrankungsrisiko für die Kinder selber ist gering, das wissen wir. Wir haben zwar gehört von den Fällen, diese Kawasaki-Syndrom-ähnliche Hyperinflammation, die kann auftreten, aber man muss sagen, sie ist selten. Sie ist nicht null, das heißt, des Risikos muss man sich bewusst sein, aber sie ist selten, und das ist sicherlich ein vertretbares Risiko.

Das Risiko, was höher ist, ist, wenn die Kinder in den Schulen sich eine Infektion einfangen, dass sie die nach Hause tragen und dann vielleicht zu Hause weitergeben an entweder Familienmitglieder, die Vorerkrankungen haben, oder auch an ihre Großeltern. Da müssen jetzt einfach alle zusammenarbeiten. Da müssen die Eltern daheim mitarbeiten, müssen sich überlegen, besteht denn da bei uns überhaupt ein Risiko, und wenn ja, wie kann ich dieses Risiko denn minimieren. Dann müssen natürlich auch die Schulen mitarbeiten und müssen sich überlegen, wie kann ich denn möglichst konkrete Gruppen zusammen lassen, sodass, wenn es zu einer Infektion kommt, man möglichst genau weiß, mit wem hatte ein Kind denn Kontakt, an wen könnte es denn die Infektion übertragen haben. Ich glaube, das sind Punkte, die muss man sich jetzt einfach sehr gut überlegen.

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Protzer: Ansteckungsrisiko für und durch Kinder abwägen

Blumenthal: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" gesagt, wenn sich wirklich bewahrheiten sollte, dass Kinder eine geringere Infektions- und Ansteckungsrate hätten, könne man anders über die Rückkehr zum vollständigen Regelbetrieb diskutieren, und sie hat aber auch gesagt, es braucht Studien. Also so ganz klar ist sozusagen die Risikobewertung für die Übertragung bei Kindern, mit Kindern, Ansteckungsmöglichkeiten in Kitas und Schulen doch nicht.

Protzer: Ich glaube, da gehen zwei Sachen durcheinander. Das eine ist das Ansteckungsrisiko für Kinder und das Risiko, dass Kinder andere anstecken. Wir wissen von allen Virusinfektionen, dass Kinder sich natürlich genauso anstecken können wie Erwachsene, und man weiß es auch aus den ersten Untersuchungen zu COVID-19, dass Kinder auch die Infektion übertragen können. Die beiden deutschen Studien, die wir bisher haben – sowohl die Studie in Heinsberg als auch die Untersuchungen von Herr Drosten –, bestätigen das, und wir haben auch selber Untersuchungen gemacht und sehen natürlich, dass Kinder auch infektiös sein können. Das würde man erwarten.

Aber der zweite Punkt ist ja, werden die Kinder selber krank. Da muss man sagen, das Risiko von den Kindern, an der Infektion zu erkranken, das ist relativ gering. Viele machen das einfach asymptomatisch durch oder mit ganz, ganz wenig Symptomen, sodass man es kaum merkt, und schwere Fälle sind bei Kindern wirklich extrem selten, aber ansteckend sind die Kinder trotzdem. Deswegen eben der Punkt, man muss halt aufpassen, an wen sie es eben dann auch zu Hause übertragen können.

Fahrplan für Wiederaufnahme des Schulbetriebs

Blumenthal: Nun ist immer wieder die Rede davon, dass die Kindertageseinrichtungen und Schulen sozusagen eine schrittweise Öffnung machen. Was versteht man denn eigentlich unter einer schrittweisen Öffnung?

Protzer: Wenn ich das recht sehe, dann ist damit gemeint, dass man in den Schulen zumindest zunächst bestimmte Jahrgänge in die Schule zurückbringt. Das hat man ja schon begonnen mit den Abschlussklassen für die verschiedenen Schulabschlüsse – sei es Hauptschulabschluss, Realschulabschluss oder dann natürlich auch Abitur – und dann peu à peu die anderen Klassen zurückbringt. Wichtig war es sicherlich auch, die Kinder, die jetzt nach der Grundschule den Übertritt in die weiterführende Schule machen wollen, wieder zurück in die Schulen zu bringen, weil das ist ja auch eine wichtige Phase im Leben. Von da ab muss man dann weiterentscheiden, wie geht man vor.

Da spielen natürlich viele Dinge eine Rolle. Da spielt die räumliche Möglichkeit in der Schule eine Rolle, da spielt eine Rolle, wie stark sind denn die Eltern durch die Betreuung zu Hause belastet, und das ist bei kleineren Kindern natürlich stärker der Fall, als wenn die Kinder jetzt schon 14 oder 15 sind und sich dann doch ganz gut auch mal ein paar Stunden selber zu Hause beschäftigen können.

Ich glaube, solche Überlegungen spielen da auch mit hinein. Da einen klaren Fahrplan zu erarbeiten, das ist auch die Forderung, die die Fachgesellschaften haben, und diese Forderung ist sicherlich berechtigt.

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Protzer: Vermeiden, "dass sich Gruppen untereinander mischen"

Blumenthal: Wenn man sich die aktuellen Schutz- und Vorsorgemaßnahmen in der Öffentlichkeit anschaut und dann in der Stellungnahme liest, Voraussetzung für die Rückkehr zum Regelbetrieb sei eine gute Hygieneausstattung, Abstandsregelungen, kontinuierliches Testen des Personals, feste Unterrichts- und Spielgruppen sowie Unterrichtszeiten in den Nachmittag hinein – können Sie sich vorstellen, dass das alles so detailliert und genau umgesetzt wird?

Protzer: Nein, ich glaube, auch da muss man eine Priorisierung machen. Das Wichtige ist sicherlich, dass man zunächst mal Grundregeln für die Hygiene definiert, dass man Grundvoraussetzungen schafft, um Abstand halten zu können, also beispielsweise nicht alle gleichzeitig aus der Schule schickt, nicht alle gleichzeitig in die Pause schickt, sondern vielleicht in Fünf- oder Zehn-Minuten-Abständen. Man kann so Einbahnregelungen durch die Gebäude definieren – auf der einen Seite geht man rein, auf der anderen Seite geht man raus, und man kann in den meisten Klassenzimmern ja auch dafür sorgen, dass die Kinder schon einen gewissen Abstand haben.

Wichtig ist es sicherlich, dass man vermeidet, dass sich Gruppen untereinander mischen, weil dann ist es schwierig, Infektionsketten wieder nachzuvollziehen. Aber in festen Klassengruppen, die immer wieder zusammen sind – und so ist es ja in den allermeisten Jahrgängen der Fall –, da weiß man ja auch ganz genau, wer war denn mit wem zusammen und wo könnte denn überhaupt eine Übertragung stattgefunden haben. Das ist schon eine Situation, die sich, glaube ich, beherrschen lässt und die sich auch nachvollziehen lässt.

Blumenthal: Insofern ist für Sie dann der Appell der vier Fachgesellschaften an die Politik und die Gesellschaft, die Kindertagesstätten und Schulen zeitnah wieder uneingeschränkt zu öffnen, berechtigt – und die Kritik unberechtigt?

Protzer: Ich glaube, dass die Bitte der Fachgesellschaften, sich über diese Öffnung konsequent Gedanken zu machen und diese Konzepte voranzutreiben, die ist absolut berechtigt. Ob das nachher heißt, man kann uneingeschränkt alles wieder aufmachen, das muss die Risikoabwägung letztendlich ergeben. Es kann auch sein, dass man in einzelnen Bereichen sagt, okay, da ist jetzt das Risiko zu hoch, da kann man es nicht machen.

Nehmen Sie mal eine Gruppe von behinderten Kindern zum Beispiel, wo vielleicht einige dabei sind, die Voroperationen an der Lunge oder am Herzen haben, wo man sagt, für diese Kinder ist aber jetzt das Risiko zu hoch. Da könnte es durchaus sein, dass man sagt, man will jetzt nicht ganz breit öffnen, aber ich glaube, man muss in den Prozess der Risiko-Nutzen-Abwägung gehen und in den Prozess gehen, wo man eben entscheidet, das und das sind die Maßnahmen, die man treffen kann, um hier unter vernünftiger Wahrung des Abstandes unter möglichst Einhaltung/und möglichst der Einhaltung der Hygieneregeln eine möglichst breite Öffnung voranzutreiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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