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StartseiteKultur heuteIn Ewigkeit Ameisen23.03.2019

Wiener AkademietheaterIn Ewigkeit Ameisen

Ein Forscher sucht nach der blauen Riesenameise, als plötzlich der Atomkrieg ausbricht. Und zwei Engel sollen ein Schwarzwald-Dorf auslöschen, sind dafür aber zu tollpatschig: Zwei bizarr-humorvolle Hörspiele von Wolfram Lotz über den Weltuntergang machen auch als Inszenierungen am Theater Spaß.

Von Günter Kaindlstorfer

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Eine Szene aus "In Ewigkeit Ameisen". Auf dem Bild: Ensemble, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz. (Reinhard Maximilian Werner, Burgtheater)
Apokalypse in lustig: "In Ewigkeit Ameisen" nach Hörspielen von Wolfram Lotz am Wiener Akademietheater (Reinhard Maximilian Werner, Burgtheater)
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So ein Weltuntergang ist kein Spaß. Umso erfrischender, dass es bei Wolfram Lotz im Angesicht der Apokalypse doch auch einiges zu lachen gibt. Regisseur Jan Bosse hat zwei bizarre, hintersinnig humorvolle Lotz-Hörspiele zu einem, nun ja, speziellen Theaterabend verzwirbelt. Handlungsstrang eins: Ein herrischer Ameisenforscher - Schneling-Göbelitz heißt der Mann - campiert mit seinem Assistenten Müller im afrikanischen Dschungel. Mit einem "Rumms" kündigt sich das Weltenende an:

"Machen Sie das Radio an, das war ein Erdbeben oder so was." – "Wann, jetzt eben?" – "Müller, machen Sie mal das Radio an!" – RADIO: "... sind die Ursachen ungeklärt. Eine für den Vormittag erwartete Stellungnahme des Bundeskanzlers wurde abgesagt. Kirchenvertreter aller Konfessionen verurteilen den Ausbruch des Atomkriegs auf das Schärfste. Experten gehen davon aus, dass die Existenz der Menschheit noch bis zu einem Tag dauern könnte. Das waren die Nachrichten, bitte bleiben Sie auf dem Laufenden."

Resistente Ameisen und tollpatschige Engel

Ein pflichtbewusster deutscher Forscher lässt sich von einer läppischen Apokalypse natürlich nicht irre machen. Für Schneling-Göbelitz steht fest: Bevor die Welt den Bach runtergeht, muss er noch rasch die - nein, nicht die blaue Blume, sondern die sagenhafte blaue Riesenameise entdecken, die er in den Eingeweiden des afrikanischen Dschungels vermutet. Seine entomologische Vision: Die Ameise soll nach ihm benannt werden - die Schneling-Göbelitz-Ameise!

"Es macht doch keinen Sinn, jetzt Ameisen erforschen zu gehen. Das macht doch keinen Sinn." - "Jetzt werden Sie mal nicht frech, Müller. Was wissen Sie schon über Ameisen? Die Ameise ist die Resistenz schlechthin. Sie ist das einzige Geschöpf, das ein solches Inferno überstehen kann. Wir werden es sehen, Müller. Wir werden es sehen. Und jetzt machen Sie mal zügig Frühstück, damit wir aufbrechen können."

Das Jüngste Gericht tagt aber nicht nur im fernen Afrika, sondern auch im Südwesten Deutschlands. Im zweiten Handlungsstrang des Abends schickt Wolfram Lotz zwei tolpatschige Engel in das Schwarzwaldkaff Iflingen, mit flammendem Schwert und schmucker Posaune, auf dass sie die Iflingerinnen und Iflinger richten, soll heißen: rücksichtslos ausrotten mögen. Ein himmlisches Rollkommando, das die Gemeinde im Nordschwarzwald in ein zweites Ruanda verwandeln soll. Allerdings kriegen die Engel das nicht so richtig hin.

Zwei tollpatschige Engel sollen ein Kaff im Schwarzwald ausrotten - eine Szene aus Jan Bosses Inszenierung "In Ewigkeit Ameisen" (Reinhard Maximilian Werner, Burgtheater)Zwei tollpatschige Engel sollen ein Kaff im Schwarzwald ausrotten - eine Szene aus Jan Bosses Inszenierung "In Ewigkeit Ameisen" (Reinhard Maximilian Werner, Burgtheater)

Am Beginn seiner Autorenkarriere habe er mit dem Theater gefremdelt, gesteht Wolfram Lotz, die Form des Hörspiels sei ihm, zumindest anfangs, näher gewesen als die hehre Bühnenkunst:

"Weil ich im Schwarzwald aufgewachsen bin, und es gab da eigentlich kein Theater. Ich bin nur mit Krippenspiel und Kasperletheater aufgewachsen. Für mich war Theater eigentlich ein fremder Ort, und das Hörspiel war eigentlich mein ursprünglicher Zugang zur Dramatik, weil ich das als Kind kannte über die Hörspielkassetten."

Phantastische Schauspieler mit Leidenschaft

Regisseur Jan Bosse hat die Lotzschen Hörspielvorlagen zu einem sagenhaft witzigen Theaterabend verarbeitet. Zentrales Thema der Produktion: die Kleinkariertheit, Dummheit, Eitelkeit und Autoritätshörigkeit der menschlichen Spezies, die es einfach nicht schafft, diesen Planeten auf Dauer bewohnbar zu halten. Die himmlischen Mächte können da auch nicht viel ausrichten.

Maßgeblich mitverantwortlich für den Erfolg des Abends: die fünf phantastischen Schauspieler. Klaus Brömmelmeier, Peter Knaack, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Aenne Schwarz schlüpfen in die verschiedensten Rollen, jeder spielt jeden - und alle sind mit Leidenschaft und herzhafter Spiellaune dabei. 95 kurzweilige Minuten dauert dieser Abend, und am Ende verlässt man das Theater mit der Erkenntnis: Apokalypse kann auch Spaß machen.

 

 

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