
Noch liegen Bayern und Baden-Württemberg im „Niveau-Ranking“ des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) vorn. Im „Dynamik-Ranking“ des IW sind die südlichen Länder jedoch deutlich zurückgefallen. Laut den Experten verschieben sich derzeit die wirtschaftlichen Gewichte in Deutschland. Ein Grund: der fortgeschrittene Ausbau der erneuerbaren Energien.
Welche Branchen sorgen für den Boom im Norden?
Erneuerbare Energien: Der Anteil an erneuerbaren Energien ist in Norddeutschland besonders hoch. Das gilt als entscheidender Standortvorteil: Energieintensive Unternehmen siedeln sich dort an, wo Strom produziert wird. Noch sei es technisch schwierig, Energie zu speichern oder über lange Wege zu transportieren, sagt der Ökonom Michael Berlemann. Kurze Wege zu den Energieversorgern seien daher gut.
Rüstungsindustrie: Die massiv gestiegenen Verteidigungsausgaben stärken die Rüstungsindustrie im Norden. Allein im Bundesland Bremen sind mit Rheinmetall, Airbus und der Lürssen-Werft drei große Unternehmen vertreten. Nach Angaben der Handelskammer Bremen ist die Hansestadt mit 12.000 Beschäftigten der größte Rüstungsstandort in Deutschland.
In Niedersachsen betreibt Rheinmetall seit Ende 2025 die größte Munitionsfabrik Europas mit 3.200 Mitarbeitenden, demnächst sollen es 4.000 sein. TKMS, die Marinesparte von Thyssenkrupp mit Sitz in Kiel, verzeichnete Ende März Aufträge in Rekordhöhe von mehr als 20 Milliarden Euro. Das ist kein Einzelfall: Laut dem Ifo-Institut entkoppelt sich die Industrie im Norden im Zuge des Rüstungsbooms konjunkturell von der gesamtdeutschen Entwicklung.
Am Standort Wismar in Mecklenburg-Vorpommern stellte TKMS Anfang des Jahres 140 neue Mitarbeitende ein – für den Bau von U-Booten, Marineschiffen und des Forschungsschiffs „Polarstern II“. Bis 2029 sollen mehr als 1.000 Jobs hinzukommen, so Wolfgang Blank, parteiloser Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Und der Rüstungszulieferer Vincerion aus Wedel in Schleswig-Holstein wuchs zwischen 2022 und 2024 um durchschnittlich 29 Prozent.
Häfen: Im vergangenen Jahr Jahr setzte Schleswig-Holsteins größter Hafen, der Elbehafen in Brunsbüttel, so viel um wie noch nie: 1,3 Milliarden Euro Brutto-Wertschöpfung. In den Häfen in Bremen und Bremerhaven ging 2025 der Pkw-Export zurück, während das Container-Geschäft um zehn Prozent wuchs.
Bremerhaven soll zudem zum zentralen deutschen Militärumschlaghafen der NATO ausgebaut werden. Für die Sanierung der Infrastruktur investiert der Bund rund 1,35 Milliarden Euro innerhalb von sechs Jahren. Der Hamburger Hafen kam als Standort nicht infrage, weil dort ein chinesisches Unternehmen beteiligt ist. Ein Plus von 2,6 Prozent beim Gesamtumschlag verzeichnet Europas drittgrößter Hafen dennoch: Der Abwärtstrend durch das eingebrochene Geschäft mit den USA wurde durch Wachstumsimpulse aus China, Indien und Südostasien kompensiert.
Luft- und Raumfahrt: Auch die Luft- und Raumfahrtindustrie in Bremen entwickelt sich gut: Die mehr als 140 Branchenunternehmen und zwanzig Forschungsinstitute erwirtschafteten 2025 einen Jahresumsatz von mehr als vier Milliarden Euro.
Fahrzeugindustrie: Und selbst die Fahrzeugindustrie in Bremen steht vergleichsweise gut da. Während in süddeutschen Werken „Nobel-Wagen“ produziert werden, stelle man dort Autos im mittleren Preissegment her, für die weiterhin Nachfrage bestehe, erklärt André Grobien von der Handelskammer Bremen.
Tourismus: Der Tourismus ist zwischen Ostsee und Mecklenburgischer Seenplatte einer der wichtigsten Wachstumstreiber.
Gefährdet Reiches Klimapolitik den Aufschwung im Norden?
Die Voraussetzungen für die erneuerbaren Energien im Norden sind gut: Es gibt viel Wind, ausreichend Sonne und eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Die vielen Wind- und Solarparks mit Bürgerbeteiligung spülen Geld auf die Konten der Gemeinden und privaten Anteilseigner.
Doch der Ausbau von Wind- und Solarparks hat an Dynamik verloren, spätestens seit Katherina Reiche (CDU) im Bundeswirtschaftsministerium das Sagen hat. Laut einem Gesetzentwurf ihres Ministeriums sollen beispielsweise Entschädigungen wegfallen, wenn neue Windanlagen wegen Überlastung des Stromnetzes angehalten werden müssen und keine Einnahmen erzielen können.
In der Branche wird daher vor einer „Reiche-Delle“ gewarnt – ähnlich der „Altmaier-Delle“ 2012. Damals kürzte Reiches CDU-Parteifreund, der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier, der deutschen Solarindustrie die Subventionen. In der Folge brach der Ausbau von Photovoltaikanlagen ein, in der Solarbranche gingen Zehntausende Arbeitsplätze verloren.
Wie nachhaltig ist der Boom in den Küstenländern?
Aufgrund der globalen Sicherheitslage geht man im Wirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern davon aus, dass der Aufschwung der maritim-militärischen Industrie sowie des Energiesektors nachhaltig ist.
Das Küstenland mit seinen 1,5 Millionen Bewohnern produziert an Land und in der Ostsee zweieinhalbmal so viel Strom wie es verbraucht. Für die Umwandlung der Offshore-Energie braucht es zudem sogenannte Konverterplattformen. Bis zu 15 Plattformen mit einem Wert von jeweils mehr als 2,6 Milliarden Euro sollen in Rostock produziert werden. „Das ist eine Auslastung für die Werft bis ins Jahr 2040“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (parteilos).
Die sogenannte Zeitenwende hat auch den Weg für Flüssiggas freigemacht. Einer von vier Flüssiggas-Terminals befindet sich im Elbehafen Brunsbüttel. Hafenchef Frank Schnabel zeigt sich trotz der Krise auf den weltweiten Energiemärkten zuversichtlich: „In Zukunft wird es Themen geben wie Import von Wasserstoff oder grüner Ammoniak als Energieträger. Und ein weiteres Thema, das uns hier umtreibt für die Zukunft, ist das Thema CO₂-Abscheidung und -Export.“
Doch nicht alles läuft rund im Norden: Mit der Northvolt-Pleite am strukturschwachen Standort Heide etwa wurden rund 3.000 geplante Jobs nicht geschaffen. Nach dem Aus für den schwedischen Batteriehersteller musste das Land Schleswig-Holstein, das sich mit Wandel-Anleihen beteiligt hatte, rund 200 Millionen Euro abschreiben.
Gerät der Süden Deutschlands ins Hintertreffen?
Statt von der „Stärke des Nordens“ sprechen manche Experten wie Michael Berlemann vom Hamburgischen WeltwirtschaftsInstitut (HWWI) lieber von einer „Schwäche des Südens“.
Anders als im Süden gebe es im Norden weniger Automobilindustrie, so Berlemann. Zwar werde auch in Wolfsburg abgebaut, wo Volkswagen sowie zahlreiche Zulieferer ansässig sind, aber nicht im gleichen Maße. Der Süden mache gerade den Strukturwandel durch, den etwa das Ruhrgebiet bei Kohle und Stahl oder der Norden bei den Werften bereits hinter sich habe.
Radio-Feature: Michael Frantzen; Onlinetext: Tina Hammesfahr
















