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StartseiteWirtschaft und GesellschaftWie die Ökonomen auf die Anschläge von Paris reagieren19.11.2015

WirtschaftWie die Ökonomen auf die Anschläge von Paris reagieren

Während in Frankreich nach den Attentaten vom 13. November weiter der Ausnahmezustand herrscht, überlegen Analysten bereits, welchen ökonomischen Folgen die Terrorgefahr auf die Wirtschaft haben könnte. Das Erstaunliche: Sie sehen in den Anschlägen sogar eine Chance für die französische Wirtschaft.

Von Michael Braun

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Nicht, dass es sich irgendjemand gewünscht hätte. Aber wenn die Attentate von Paris schon geschehen sind und wenn der französische Präsident daraus den Schluss zieht, Frankreich befinde sich im "Krieg", dann übersetzen das Finanzmärkte in ihre Sprache. Christian Gattiker, Chef der Anlagestrategie bei der Schweizer Bank Julius Bär, hat das heute getan:

"Krieg bedeutet immer Mehrausgaben. Und Krieg, gerade bei westlichen Industrieländern, ist nicht mehr die Generalmobilmachung, sondern es heißt: Jetzt müssen wir tief in die Taschen greifen."

Ein bekanntes Szenario

In der Tat war Frankreichs Regierung schnell damit herausgekommen, die nun anfallenden Mehrausgaben für Sicherheit und Verteidigung verhinderten, die zugesagten Verschuldungsgrenzen einzuhalten. Schon schaut der Marktbeobachter noch mal auf die Zahlen, sieht in Japan eine Verschuldungsquote von 250 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung, in den Vereinigten Staaten von 110 Prozent und in der EU nur von 87 Prozent. Da sei noch Luft nach oben drin, das würde Europas Wachstumsschwäche mindern. Und Frankreich mittendrin. Frankreich, so Gattiker, könne aufholen wie einst Deutschland:

"Frankreich ist das neue Deutschland."

Soll heißen: Vor zehn, zwölf Jahren sei Deutschland als der kranke Mann Europas wahrgenommen worden, sei aber mit der Agenda 2010 zum Wachstumsmotor mutiert. An diesem Punkt stehe jetzt auch Frankreich mit den Reformgesetzen des Wirtschaftsministers Emmanuel Macron, ist sich Gattiker sicher:

"Genau das Szenario widerspiegelt sich jetzt in dem, wie Frankreich wahrgenommen wird. Es ist der schwächste Teil der Kernzone in Europa in der Wahrnehmung, es hat Reformen eingeführt. Und wir sehen erste Resultate auf den Unternehmensgewinnen, positive Resultate."

Hinweis auf den Optimismus

Die fast 13 Milliarden Euro, die Frankreichs Gasekonzern Air Liquide für die amerikanische Airgas zu zahlen bereit ist, sind vielleicht ein Hinweis auf den Optimismus. Selbst Peugeot rührt sich, will aus der VW-Krise für sich Kapital schlagen, wie Finanzvorstand Jean Baptiste de Chatillon kürzlich auf der Herbstbilanz unverhohlen ankündigte:

"Wir wollen die Verwirrung, die wir im Markt wegen der VW-Krise sehen, für uns nutzen. Denn wir sind Marktführer bei den Verbrauchswerten. Und: Peugeot war der erste Hersteller, der den Partikelfilter einbaute, elf Jahre, bevor er in die Euro-5-Norm verpflichtend wurde."

Christian Gattiker freut solches Selbstbewusstsein, passt es in sein Bild von Frankreich und den Kursen ein:

"Man kann es zynisch nennen, aber die jüngsten Ereignisse haben die Chance drastisch erhöht, dass die Wirtschaft, die Bevölkerung zu radikalen Maßnahmen bereit ist. Und ich glaube, das ist vielleicht das politische Kapital, das aus solchen Krisen entstehen kann, dass nämlich plötzlich Sachen möglich sind."

Und damit zieht er nun zu seinen Kunden.

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