Wirtschafts-Nobelpreis 2021Arbeiten in direktem Bezug zum echten Leben

Der Nobelpreis für Wirtschaft geht in diesem Jahr an die US-Ökonomen David Card, Joshua D. Angrist und Guido W. Imbens. Sie werden für ihre Forschung in den Bereichen Arbeitsökonomie und wirtschaftlicher Kausalzusammenhänge ausgezeichnet.

11.10.2021

Drei Vertreter des Nobel-Komitees geben die Preisträger des Wirtschafts-Nobelpreises bekannt.
Der diesjährige Wirtschafts-Nobelpreis geht an David Card sowie Joshua D. Angrist und Guido W. Imbens (IMAGO / TT)
Wer sind die diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreisträger?
Den Wirtschafts-Nobelpreis teilen sich im Jahr 2021 David Card für seine empirische Forschung im Feld der Arbeitsökonomie sowie Joshua D. Angrist und Guido W. Imbens für ihre methodischen Arbeit zur Analyse von Kausalzusammenhängen. Alle drei Ökonomen leben und arbeiten den USA.
David Card wurde 1956 in Guelph, Kanada geboren und promovierte 1983 an der Princeton Universität. Derzeit arbeitet er an der University of California, in Berkeley, USA.
Joshua D. Angrist, geboren 1960 in Columbus, Ohio, USA, promovierte 1989 ebenfalls an der Princeton University, USA. Er ist Ford Professor of Economics am Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA.
Guido W. Imbens, geboren 1963 in Eindhoven, Niederlande, promovierte 1991
an der Brown University, USA. Er ist Professor an der Stanford University, USA.
Das Preisgeld von zehn Millionen schwedischen Kronen geht zur einen Hälfte an David Card und zur anderen Hälfte an Joshua Angrist und Guido Imbens.
Die drei Preisträger haben Gemeinsamkeiten in ihren wissenschaftlichen Arbeiten - sie forschen zu Situationen und Fragen, die man nicht in Experimenten untersuchen kann, aus praktischen oder ethischen Gründen. Beispielsweise, wie sich Einwanderung auf den Arbeitsmarkt auswirkt, was man schlecht simulieren kann. Methodisch haben sie die Ökonomie bei der Frage von Korrelation und Kausalität vorangebracht.
Die Illustration zeigt David Card (l-r), Jousha Angrist und Guido Imbens. 
Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2021: David Card, Jousha Angrist und Guido Imbens.  (Nobel Prize Outreach 2021/Niklas Elmehed)
Wofür sie die drei Preisträger ausgezeichnet worden?
David Card hat sich als Arbeitsmarktforscher in den 90er Jahren mit dem Zusammenhang von Mindestlohn und Beschäftigung befasst. Damals ging man davon aus, dass ein höherer Mindestlohn die Zahl der Beschäftigten negativ beeinflusst. Er ist der Frage nachgegangen, ob das nur eine Korrelation oder eine Kausalität sei. Aufgrund seiner Arbeit gilt ein höherer Mindestlohn nicht mehr als Ursache für eine höhere Arbeitslosigkeit. Das Ergebnis seiner Forschung hat viele weitere Studien nach sich gezogen, sodass dieser Zusammenhang nicht mehr so kausal gezogen wird. Joshua Angrist und Guido Imbens haben in eine ähnliche Richtung geforscht und teilen sich die zweite Hälfte des Preises. Das Wirtschafts-Nobelpreiskomitee wies an, dass auch ihre Arbeit für ein besseres Verständnis des Arbeitsmarktes gesorgt habe. Sie haben vor allem die Methodik in den Wirtschaftswissenschaften vorangebracht und als erste den sogenannten "Local Average Treatment Effect" beschrieben. Damit können bessere Aussagen über die Wirkung bestimmter Ereignisse auf Individuen getroffen werden.
Was ist die praktische Relevanz der ausgezeichneten Forschungen?
Konkret wurde vom Komitee die Corona-Pandemie genannt: Mit den Methoden von Card, Angrist und Imbens kann erforscht werden, wie sich die Pandemie und das Homeschooling auf den Lebensweg und das spätere Einkommen der Schülerinnen und Schüler auswirken kann und wird.
Was ist das Besondere am Wirtschafts-Nobelpreis?
Der Preis geht nicht auf Alfred Nobel zurück, sondern wurde erst 1969 zum ersten Mal verliehen. Er trägt daher auch den Namen: Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Jedes Jahr wird daher diskutiert, ob er so relevant ist wie die anderen Preise.
Dem tatsächlichen Begebenheiten nach handelt es sich als keineswegs um einen Preis zweiter Klasse. Fakt ist jedoch: Alfred Nobel hat den Preis nicht gestiftet, er selbst wie auch seine Erben sollen die Wirtschaftswissenschaften nicht für voll genommen haben.
Diese Haltung wird von der "Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften" durchaus respektiert. Beispielsweise werden die Namen der Preisträger nicht im offiziellen Verzeichnis der Nobelpreisträger vermerkt, sondern nur in einem Anhang. Die Namen der Preisträgerinnen und Preisträger werden lediglich auf dem Rand der Nobel-Medaille eingraviert und nicht auf der Fläche.
Schweden, Stockholm: Eine Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel ist im Nobel Museum zu sehen.
Hier finden Sie unser Nobelpreis-Dossier (Kay Nietfeld/dpa)
Das Auswahl-Verfahren ist allerdings genauso wie bei den naturwissenschaftlichen Preisen. Er wird am gleichen Tag verliehen wie die anderen Preise und ist genauso hoch dotiert – mit zehn* Millionen schwedischen Kronen, also ungefähr 830.000 Euro.
Wirtschafts-Nobelpreis - wo sind die Frauen?
Bisher haben erst zwei Frauen den Sonderpreis in Gedenken an Alfred Nobel bekommen. 2009 wurde die inzwischen verstorbene Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom für ihre Forschung über gemeinschaftliches Eigentum ausgezeichnet. Ostrom selbst hatte sich nach ihrer Ehrung optimistisch gezeigt, dass sie nicht die letzte Preisträgerin sein würde.
Im letzte Jahr folgte Esther Duflo. Sie ist gleichzeitig die jüngste jemals mit dem Preis ausgezeichnete Person. Ihr Fokus lag auf der Untersuchung ökonomischer Sachverhalte im normalen Leben. Damit hat sie auch die evidenzbasierte Wirtschaftspolitik vorangebracht. Inhaltlich hat sie sich vor allem mit sozialen Themen um Entwicklungspolitik und Armutsbekämpfung beschäftigt. Das wiederum würde dem Anspruch gerecht, den Alfred Nobel an die Preisvergabe hatte: Die geehrte Forschung möge dem Wohle der Menschheit dienen.
Wo bleiben die Deutschen beim Wirtschafts-Nobelpreis?
Im Vergleich zu anderen Nobel-Disziplinen sind deutsche Preisträger beim Wirtschafts-Nobelpreis unterrepräsentiert. Unter den Ökonominnen und Ökonomen wurde einzig und allen Reinhard Selten 1994 ausgezeichnet – zusammen mit John Nash und John Harsanyi für ihre Leistungen auf dem Feld der Spieltheorie.
Bei genauem Hinsehen lässt sich aber eher eine US-amerikanische Dominanz als eine deutsche Unter-Repräsentiertheit erkennen. Eine Erklärung in der Wirtschaftswissenschaft wäre, dass Ökonomie, die Volkswirtschaftslehre etwa in den USA, ein sehr beliebtes Studienfach ist. Die Basis ist also auch durchaus größer als in anderen Ländern.
Gelegentlich wird von Ökonomen zudem die Ausrichtung der deutschen Wirtschaftswissenschaft kritisiert: Die Universitäre Forschung in Deutschland befasst sich noch häufig mit dem Prinzip des Ordo-Liberalismus, also dem staatlichen Ordnungsrahmen für die Wirtschaft. International ist dies eher ein unterbelichtetes Forschungsfeld.
Quellen: Silke Hahne, Dlf
*An dieser Stelle haben wir eine genannte Geldsumme korrigiert.