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StartseiteComputer und KommunikationHackathon gegen die Corona-Krise28.03.2020

#WirVsVirusHackathon gegen die Corona-Krise

Die einen sitzen in freiwilliger oder angeordneter Quarantäne, die anderen mit geänderten oder verkürzten Arbeitszeiten im Home-Office. Aber viele Menschen haben das Bedürfnis, der eingeschränkten Bewegungsfreiheit mit gemeinsamen, sinnvollen Aktionen zu trotzen - wie beim Hackathon #WirVsVirus.

Jan Rähm im Gespräch mit Manfred Kloiber

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Tastatur mit Händen.  (imago/STPP)
Von Home-Office-Tutorials bis hin zur Konstruktion von Medizingeräte-Bauteilen: Beim kreativen in-die-Tasten-greifen wurden viele interessante Projekte "angehackt" (imago/STPP)
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Manfred Kloiber: Hackathon, das ist ein Kunstwort aus Hacking und Marathon. Und bei solch einem Hackathon arbeiten über einen kurzen Zeitraum, meist ein bis zwei Tage, verschiedene Teams an konkreten Aufgabenstellungen und programmieren Lösungen oder bauen Hardware-Prototypen. Es gibt sie mittlerweise massenhaft und nur wenige diese Veranstaltungen erregen öffentlich Aufmerksamkeit. Ganz anders ein Hackathon, der am vergangenen Wochenende stattfand. Unter dem Hashtag #WirVsVirus wurden Ideen und Lösungen verwirklicht, die uns allen das Leben in Zeiten von Corona erleichtern sollen – mehr oder weniger. Mein Kollege Jan Rähm hat den Hackathon über die vergangenen Tage beobachtet. Jan, was macht denn diesen Hackathon so besonders?

Jan Rähm: Das sind gleich mehrere Aspekte. Erstmal war dieser Hackathon eigentlich eine spontane Idee einiger weniger. Innerhalb von gerade einmal ein paar Tagen wurde die Idee zu einer dezentralen Veranstaltung mit ziemlich großem Ausmaß und offizieller Unterstützung der Bundesregierung entwickelt. Es meldeten sich fast 43.000 Menschen, um mitzumachen. Teilgenommen haben letztendlich rund 27.000 in 1.500 Projekten am vergangenen Samstag und Sonntag. Eine weitere Besonderheit war die Art der Zusammenarbeit. Eigentlich sind die Teilnehmer in Gruppen örtlich beisammen. Bei #WirVsVirus kamen Menschen zusammen, die sich oftmals noch nie getroffen hatten und arbeiteten über Internet und Telefon zusammen. Eine ganz besondere Herausforderung, um alle zusammenzubringen, was aber den Berichten nach irgendwie geklappt hat. Die Ideen, die umgesetzt werden sollten, kamen von den Teilnehmern, aus der Zivilgesellschaft und auch aus Ministerien, Verwaltung aller Ebenen und vielen mehr - und sogar aus dem Kanzleramt.

Kloiber: Aus der ungeheuren Vielzahl der Projekte haben wir uns eines beispielhaft herausgepickt. Julia Schuetze arbeitet im echten Leben beim ThinkTank "Stiftung Neue Verantwortung" im Bereich IT-Sicherheit. Und sie hat mit uns über über ihr Hackathon-Projekt gesprochen – wie es begann und was herauskam.

"Ich habe über den Hackathon erfahren, über Twitter. 48 Stunden hacken '#WirVsVirus', und fand es super spannend, hatte am Wochenende noch nichts vor und habe mich dann durchgeklickt. Auf einer Seite wurden alle Herausforderungen und Projekte aufgelistet und dann einfach 'durchsuche IT-Sicherheit, Cyber Sicherheit', was mein Lieblingsthema ist, habe ich dann ein Projekt gefunden, was genau darauf abzielte. Also "Virus fördert Viren", IT-Sicherheit im Homeoffice. Also, in der Projektbeschreibung war dann schon die Idee, dass man eine Art Checkliste hat fürs Homeoffice. Und da gibt es halt auch IT-Sicherheitsrisiken, die man nicht mitbedenkt. Und gerade jetzt Cyberkriminelle nutzen die Situation aus. Und dass man da einfach eine kurze Checkliste hat, die am besten interaktiv ist, ein bisschen spielerisch. Jeder hat ein so bisschen was beigetragen. Ich habe hauptsächlich einfach mit Informationen gesammelt, die es schon gibt vom BSI oder vom Cyber Security Cluster Bonn. Wir haben quasi das Ganze in ein interaktives Format gekippt und halt auch die Anleitungen und Erklärungen noch dazu geschrieben, sodass alles an einem Ort ist. Es gibt jetzt quasi eine Checkliste, die ist auch Online, 'Virus fördert Viren', wo man einmal durch zehn Maßnahmen geleitet wird, ob man die gemacht hat im Homeoffice, die IT-Sicherheit im Homeoffice fördern würden. Und da gibt es quasi eine kleine Beschreibung, von wegen ob man Passwörter nutzt, die guten Kriterien entsprechen. Und wenn man das nicht macht, dann gibt's eine Anleitung, also weiterführende Links, wie man das halt machen kann."

Breites Themenspektrum beim Hackathon

Kloiber: Das war also eins von rund 1.500 Projekten, die am vergangenen Wochenende tausende Menschen in Deutschland mobilisiert haben. Nur eines – worum es bei anderen ging und wie es mit den Projekten weitergeht, das hören sie jetzt.


Gerade einmal 48 Stunden hatten die Teilnehmer Zeit, um Lösungen auch für teils sehr komplexe Herausforderungen zu finden. Insgesamt war das Themenspektrum des Hackathons "#WirVsVirus" sehr groß, findet die für IT zuständige Staatsministerin im Kanzleramt, Dorothee Bär:

"Da gab es so Herausforderungen wie Krankenhausressourcen sicherstellen, die Erfassung und Übermittlung von Neuinfektionen. Dann natürlich, was jetzt ganz aktuell ist, die Verteilung von Lebensmitteln, Hilfe bei der Ernte, psychische Gesundheit auch in Zeiten der Isolation, weil wir ja ganz bewusst aufgerufen haben, dass sich da nicht nur Coder, nicht nur Programmierer melden, sondern dass jeder mitmachen kann."

Digitales Brainstorming

Mitgemacht haben Zehntausende. Rund 1.500 Projekte wurden angepackt. Da stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, mit so bunt zusammengewürfelten Teams so viele Probleme auf einmal lösen zu wollen? Es kann sich lohnen, erklärt Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs:

"Bei einer solchen Vielzahl an Projekten ist natürlich nicht davon auszugehen, dass jedes dieser Projekte über den Status einer Idee oder eines Prototypen hinauswächst. Das ist aber auch überhaupt nicht das Ziel einer solchen Veranstaltung. Die Idee eines Hackathon ist natürlich, dass viele Sachen schnell probiert werden und am Ende einige wenige hoffentlich weiterentwickelt werden, wo sich dann auch die vorhandenen und vielleicht auch die freigewordenen Ressourcen wieder bündeln, sodass am Ende ein, zwei, zehn oder hundert Projekte übrig bleiben."

Fehler machen ist erlaubt

Digitale Anwendungen und Apps können also bei der Bekämpfung des neuartigen Corona-Virus Hilfe leisten und Orientierung geben. Doch, so warnt die Initiative "Deutschland sicher im Netz", schon jetzt gebe es einige Apps, die zwar vorgeben, über das Coronavirus zu informieren. In Wirklichkeit aber bringen sie Falschmeldungen und Schadsoftware in Umlauf. Beim Hackathon hatten die Teilnehmer nur zwei Tage Zeit, um die Projekte umzusetzen. Einige davon, wie etwa die Informationsseite "Virus fördert Virus" sind auch schon online und nutzbar. Doch blieb auch genügend Zeit, um Fehler erkennen und beheben zu können? Linus Neumann:

"Bei so vielen Projekten gleichzeitig gibt es natürlich Schwierigkeiten in der Qualitätssicherung. Die gehen in beide Richtungen. Hier können jetzt Projekte unterschätzt werden, die einfach nicht genug Aufmerksamkeit generieren. Und hier können auch Projekte überschätzt werden, denen es gelungen ist, irgendwo genug Lippenstift dranzuschmieren. Natürlich kann es auch sein, dass hier aufgrund von Schnelligkeit irgendwo Dinge mit einer heißen Nadel gestrickt wurden, die dann eventuell Sicherheitsprobleme aufweisen oder Fehlinformationen oder ähnliches. All das sind Risiken, die es natürlich gibt. Aber für die gibt es auch eine Lösung. Nämlich dann, wenn jetzt die Projekte, die jetzt hier als Sternchen aus dieser Veranstaltung herauskommen, nun auch dem kritischen Blick der restlichen Entwickler-Community und der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Insofern halte ich das für ein einerseits ein Risiko, aber keines, das hier nicht beachtet werden würde."

Hilfsbereite Menschen digital zusammenbringen

Der Branchenverband Bitkom sieht im Hackathon "eine Chance, Menschen zusammenzubringen, die ganz konkret helfen können und wollen – und zwar digital". Ähnlich sieht das auch Teilnehmerin Julia Schuetze von der Stiftung Neue Verantwortung:

"Was mich halt freut, ist einfach, dass es in so einer Situation geklappt hat, wirklich mit den Herausforderungen rauszugehen, die Zivilgesellschaft einzubinden. Und das sollte man halt einfach viel öfter noch machen. Es gibt so viele Herausforderungen, die eigentlich auch außerhalb von Krisensituationen beschäftigen, wo die Zivilgesellschaft sehr viel Expertise und Erfahrung hat. Und ich hoffe, dass es sozusagen ein Startschuss war für mehr Beteiligung der Zivilgesellschaft generell."

Förderung für die besten Projekte

Die Zukunft der erfolgreich beendeten Projekte sieht sehr unterschiedlich aus. Einige sind bereits aktiv, vor allem Informationsangebote. Andere, wie zum Beispiel Apps, technische Umsetzungen oder 3D-gedruckte Lösungen, müssen nun auf ihre Praxistauglichkeit hin evaluiert werden. Anfang kommender Woche werden die besten Umsetzungen von Ideen prämiert, auch wenn Dorothee Bär meint, jeder, der dabei war, könne sich auch als Sieger fühlen. Trotzdem: Für die Umsetzung des einen oder anderen Projektes wird es mehr als ideelle Unterstützung brauchen. Dorothee Bär:

"Wir wollen es ja am Montagabend in einem YouTube Live-Stream verkünden. Und dann müssen wir eben schauen: Wer braucht eine Finanzierung? Ist schon eine Finanzierung da? Ist es eine staatliche Finanzierung, eine Finanzierung, die aus der Wirtschaft kommt, oder auch von Stiftungen. Da gibt es ganz, ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Und es soll tatsächlich auch sehr engmaschig und sehr niederschwellig nachverfolgt werden, damit die Projekte dann auch zum Laufen kommen können."

Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, CSU, bei einer Pressekonferenz in Berlin (imago/Metodi Popow)Digitalstaatsministerin Dorothee Bär will vielversprechende Hackathon-Projekte bei Bedarf auch finanziell fördern (imago/Metodi Popow)


Kloiber: Nun hatten wir den Hackathon als sehr prominentes Beispiel des Engagements der Zivilgesellschaft. Jan, ist das eine Ausnahme?

Rähm: Nein gar nicht, Manfred. Aktuelle sprießen Projekte nur so aus dem Boden. Es vergeht fast kein Tag, an dem ich keine Mitteilung bekomme, dass es ein neues Projekt gibt, eine neue App, eine neue Website oder etwas 3D-Gedrucktes. Die Ansätze dabei sind so vielfältig wie die zu Grunde liegenden Probleme. Das reicht von Koordination von Nachbarschaftshilfe über Hilfe für lokale Geschäfte über Apps, die helfen sollen bei der Frage "Was tun bei Symptomen" bis hin zu Lösungen für improvisierte Beatmungsgeräte, 3D-gedrucktes medizinisches Equipment und nicht zuletzt Do-it-yourself-Gesichtsschutzmasken. Sie sehen, die Vielfalt ist riesig, das Engagement auch. Die Frage ist ein bisschen, wie lange kann der Elan aufrechterhalten werden.

Globales Motto "Hack the Pandemic"

Kloiber: Ist nur die Gesellschaft in Deutschland so aktiv?

Rähm: Das Ganze ist kein deutsches Phänomen. Global gilt das Motto: Hack the Pandemic. Ich habe Berichte aus der ganzen Welt gelesen und gehört, wie Menschen Lösungen entwickeln, um die Pandemie zu bekämpfen und die derzeitige Situation gut zu überstehen. Da sind dann auch Ansätze dabei, um sozial trotz räumlicher Trennung zusammenzustehen; oder auch möglichst einfach umsetzbare Lösungen für Homeschooling, also Schule daheim. Besonders aktiv, so mein Eindruck, ist die Maker-Szene, also jene Menschen, die Lösungen in Hardware umsetzen. Da gibt es sehr interessante Konzepte; angefangen mit der dezentralen Fertigung fehlender Ersatzteile für medizinisches Gerät über den Bau von Adaptern um Beatmungstechnik von beispielsweise Tauchern für die Beatmung von Patienten nutzen zu können, bis hin zur Entwicklung ganzer Beatmungsapparaturen.

Wie praxistauglich sind 3-D-Drucke?

Kloiber: Sind das nur medizinische Laien, die da schrauben? Und kann solch selbstgebautes Gerät überhaupt eingesetzt werden?

Rähm: Das ist eine spannende Frage. Zu Teil eins: in vielen Teams arbeiten Menschen mit Fachkenntnis mit, beispielsweise Medizintechniker. Daher: da wird schon versucht, möglichst nah an der Praxis zu entwickeln. Ob das Gebaute auch eingesetzt werden kann, darüber gab es in den vergangenen Woche einige Diskussionen. Zum Beispiel dreht die sich um die porösen Oberflächen von 3D-Gedrucktem, auf denen Keime sich sehr gut festsetzen. Es steht dann die Frage im Raum, ob das Gerät, das eigentlich helfen soll, nicht eher schadet. Angesichts dessen, dass nun aber auch größere Institutionen bei der individuellen Fertigung mitmachen, wie beispielsweise das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR, gehe ich davon aus, dass solche anfänglichen Schwierigkeiten behoben werden oder behoben sind.

Risiko der Patentschutzverletzung

Kloiber: Der Medizinbereich ist ja nun einer, in dem sehr stark mit Closed-Source-Lösungen und Patenten gearbeitet wird. Wenn nun Ersatzteile gedruckt werden, werden da nicht Schutzrechte verletzt?

Rähm: Das kann gut sein und dessen sind sich einige der Maker-Teams durchaus bewusst. Hier bleibt zu hoffen, dass die Schutzberechtigten angesichts der Lage nicht gegen solche Gruppen vorgehen werden. Bei den meisten Neuentwicklungen, die ich gesehen habe, werden die Entwürfe und technischen Rezepte ohnehin frei geteilt, sind also Open Source.

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