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StartseiteInterview"Bescheidenheit ist angesagt"11.07.2014

WM-Finale"Bescheidenheit ist angesagt"

Die Zuversicht vor dem WM-Finale gegen Argentinien ist groß in Deutschland. Vielleicht schon zu groß, warnt Philipp Köster, Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde", im DLF. Schließlich stehe Argentinien nicht umsonst im Endspiel. Die Mannschaft sei definitiv auf Augenhöhe mit dem deutschen Team.

Philipp Köster im Gespräch mit Sandra Schulz

Philipp Köster, Chefredakteur von 11 Freunde, dem Magazin für Fußballkultur (dpa / picture-alliance / Jörg Carstensen)
Philipp Köster, Chefredakteur von 11 Freunde, dem Magazin für Fußballkultur (dpa / picture-alliance / Jörg Carstensen)
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Der große Optimismus stört Köster ein wenig: "Argentinien steht nicht umsonst im Endspiel." Es sei ein Spiel auf Augenhöhe, bei dem kein Schützenfest wie im Halbfinale gegen Brasilien zu erwarten sei. "Da ist Bescheidenheit angesagt." Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt am Sonntag (21 Uhr, Livestream auf deutschlandfunk.de) im WM-Finale von Rio de Janeiro gegen Argentinien um ihren vierten WM-Titel.

Für die Spieler sei das Endspiel eine große Chance. Köster zitierte Rudi Völler: "Weltmeister bleibst Du für immer." Das sei bei dem Kult, der bis heute um Weltmeister von 1990 betrieben werde, sichtbar. Mit den Titel können sich eine Generation von Spielern krönen. "Die Mannschaft bestand bisher aus einer Vielzahl von Ausnahmekönnern, die bislang ihre individuelle Qualität nicht in Titel ummünzen konnte." Sportlich habe die Mannschaft im Gegensatz zu früher nun die nötige Konsequenz vor dem Tor, sie versuche nicht mehr "auf der Glatze Locken zu drehen". 


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Thematisch machen wir jetzt einen großen Sprung. Wird Deutschland Weltmeister? Das dürfte an diesem Wochenende eine der meist diskutierten Fragen sein. Am Sonntagabend ist Anpfiff des Fußball-WM-Finales Deutschland gegen Argentinien. Ausgerechnet, denn das letzte Mal, als sich Deutschland und Argentinien bei einer Weltmeisterschaft im Finale getroffen haben, das war 1990. Und das wissen Sie: Den Titel hat damals das Team von Franz Beckenbauer geholt.

Wird Deutschland jetzt Weltmeister? Das müssen wir natürlich auch heute Morgen diskutieren, findet auch der Chef der Fußballzeitschrift "Elf Freunde", Philipp Köster, und der ist jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Philipp Köster: Guten Morgen!

Schulz: Gibt es da überhaupt noch was zu diskutieren? Das Zeug zum Weltmeister hat das Team von Jogi Löw doch, oder?

Köster: Ja, das ist unbestritten. Aber diese Diskussion, wie hoch wir denn eigentlich nun gewinnen sollten - es gab ja eine ganze Menge Talk-Runden, auch gestern Abend, wo es nur noch um die Höhe des Sieges geht -, die ist natürlich sehr gefährlich, denn Argentinien steht nicht umsonst in diesem Endspiel. Sie haben eine sehr, sehr kompakte, sehr zähe, sehr hartnäckig zu verteidigende Mannschaft. Sie sind definitiv auf Augenhöhe mit dem deutschen Team. Es wird da kein Schützenfest geben wie gegen Brasilien, das war eine singuläre Sache. Von daher ist, glaube ich, Bescheidenheit derzeit angesagt.

"Wenn nicht jetzt, wann dann"-Mentalität

Schulz: Trotzdem die Frage: Ist das Team besser als der Weltmeister von 1990?

Köster: Das kann man natürlich mit ja beantworten. Das liegt einerseits daran, dass der Fußball natürlich seither ohnehin einen großen Sprung gemacht hat, athletisch, taktisch, spielerisch. Zum anderen aber ist, glaube ich, schon seit Jahren unbestritten, dass sich in der deutschen Mannschaft eigentlich eine Vielzahl von Ausnahmekönnern versammelt, die es nur bisher tatsächlich nicht geschafft hatten, all diese individuelle Qualität dann auch in Titel umzumünzen. Diesmal scheint, weil sich auch offenkundig eine "Wenn nicht jetzt, wann dann"-Mentalität breitgemacht hat, alles zusammenzupassen.

Schulz: Was können die Deutschen aus dem Brasilien-Spiel, aus diesem spektakulären 7:1-Erfolg mitnehmen ins Finale?

Köster: Zunächst einmal etwas, was sie tatsächlich in den Spielen vorher nicht so hatten, dass, wenn sie temporeich nach vorne spielen, wenn sie nicht versuchen, vorm Strafraum noch mal auf der Glatze Locken zu drehen, sondern den schnellen Abschluss suchen, dass sie dann sehr erfolgreich sein können. Das war in den vorherigen Spielen nicht so. Da tänzelten sie noch mal herum und haben noch mal den besser postierten Nebenspieler versucht zu erreichen. Jetzt wurde knallhart und konsequent abgeschlossen und ich glaube, das war tatsächlich die wichtigste Erkenntnis aus diesem Spiel gegen Brasilien.

"Weltmeister bleibst Du für immer"

Schulz: Ich will es hier auch heute Morgen nicht übertreiben mit der Zuversicht und mit der Favoritenrolle. Aber sagen Sie uns schon mal: Was wird denn eigentlich anders, wenn Deutschland jetzt Fußball-Weltmeister würde?

Köster: Rudi Völler hat ja mal den schönen Satz gesagt: "Deutscher Meister kannst Du häufig werden, aber Weltmeister bleibst Du für immer." Und wenn man mal sieht, welcher Kult heutzutage noch um die Weltmeister von 1990 getrieben wird, wie viele Leute da noch in den Talkshows herumsitzen, weil sie diese Bauchbinde "Weltmeister" haben, dann merkt man schon, dass das ein ganz besonderer Titel ist. Dann wird eine Generation, von der man immer gesagt hat, die kann eigentlich keine Titel gewinnen, gekrönt werden. Sie hat dann quasi den Ausweis ihrer Qualität auch in der deutschen Öffentlichkeit, die ja immer nur auf Titel starrt, erbracht. Und es wird natürlich, glaube ich, auch dem deutschen Fußball hier noch mal, obwohl das kaum noch vorstellbar ist, vielleicht noch mal mehr Zulauf, noch mal mehr Akzeptanz und so weiter bringen.

Schulz: Wir müssen natürlich auch noch über das kleine Finale morgen sprechen, Brasilien gegen die Niederlande. Leider haben wir nicht mehr viel Zeit, aber noch die kurze Frage: Wird das schön?

Köster: Grauenhaft wird das. Alle haben keine Lust, van Gaal hat keine Lust, Robben hat keine Lust, die Holländer haben natürlich allesamt keine Lust. Von daher sollte man sich das eigentlich stecken. Aber die FIFA braucht das wohl unbedingt, um die Fernsehzeit zu füllen.

Schulz: Philipp Köster, der Chefredakteur von "Elf Freunde", heute hier in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Haben Sie herzlichen Dank.

Köster: Bitte schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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