Islamismus 25 Jahre nach 9/11
Radikalisierung im Netz statt in Moscheen

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich die islamistische Szene in Deutschland gewandelt. Radikalisierung findet heute zunehmend im Internet statt und betrifft immer häufiger junge Menschen.

    Ein Mann sitzt vor einem Computerbildschirm, auf dem eine offensichtlich islamistische Gruppe bärtiger Männer zu sehen ist, die Maschinengewehre in der Hand halten. Daneben sieht man die Flagge vom "Islamistischen Staat".
    Islamistische Organisationen wie der Islamische Staat rekrutieren neue Leute inzwischen verstärkt über das Internet. (imago / Reporters / imago stock&people)
    Es ist der Dienstagnachmittag (MEZ) des 11. September 2001, als in deutschen Wohnzimmern die Bilder von den zwei Flugzeugen einlaufen, die in die Türme des World Trade Centers rasen. Rauchschwaden ziehen über Manhattan, Menschen rennen durch die Straßen.
    Dann stürzt der Südturm des World Trade Centers ein, wenig später auch der Nordturm. Eine dichte Staubwolke legt sich über New York. Insgesamt starben bei den Attentaten an diesem Tag rund 3000 Menschen.
    Die Spur der islamistischen Attentäter führt sowohl nach Afghanistan als auch nach Hamburg. Mehrere der Männer hatten dort gelebt und sich radikalisiert. Sie fielen nicht auf und galten als normale Studenten.
    Der 11. September 2001 markierte eine Zäsur. Fortan war Dschihadismus auch in Deutschland ein Hauptaugenmerk der Sicherheitsbehörden.

    Vor 9/11: Als Islamismus in Deutschland unterschätzt wurde

    Die wenigen Dschihadisten in Deutschland, die es vor 2001 gab, konnten sich weitgehend frei bewegen und organisieren, erklärt der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): „Unsere Sicherheitsbehörden und Politik waren der Meinung, Islamismus ist eher kein deutsches Problem. Erst das Schockerlebnis des 11. Septembers – und die Beteiligung der Hamburger Zelle – schuf ein ganz neues Bewusstsein für die Gefahr.“
    Treffpunkte waren unter anderem islamistische Vereine und Gebetsstätten, in denen junge Männer radikalisiert und für den Dschihad angeworben wurden. Dschihad bedeutet im Islam ursprünglich das Bemühen um den rechten Glauben. Islamisten deuten den Begriff jedoch um zum bewaffneten Kampf gegen alle, die sie für Ungläubige halten.
    Eine Art „graue Eminenz des deutschen Dschihadismus” war laut Steinberg der ägyptische Mediziner Yehia Yousif. Er war der Kopf der Freiburger Moschee. Anfang der Nullerjahre zog Yousif nach Neu-Ulm und scharte im „Multikulturhaus” junge Leute um sich, die er für den bewaffneten Kampf begeisterte.
    Einer der Stammgäste war Reda Seyam, der später „Bildungsminister” des sogenannten Islamischen Staats (IS) wurde. 2005 schloss der Freistaat Bayern das Zentrum. Laut Steinberg habe Yousif hierzulande aufgewachsene junge Männer so geprägt, dass eine deutsche dschihadistische Szene entstand, die bis heute nachwirke.

    Nach 9/11: Sicherheitsgesetze und V-Leute gegen Dschihadismus

    Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veränderte Deutschland seine Sicherheitsarchitektur. Erst seit 2002 ist es strafbar, Mitglied oder Unterstützer einer ausländischen terroristischen Organisation wie al-Qaida zu sein, erklärt Steinberg.
    Auch die Sicherheitsbehörden stellten sich neu auf. So stellte der Bayerische Verfassungsschutz erstmals Islamwissenschaftler ein und schleuste V-Leute im salafistischen Milieu ein.
    Eine Mitarbeiterin des Bayerischen Verfassungsschutzes sagt, dass es bis heute schwierig sei, V-Leute in der islamistischen Szene zu gewinnen. Neben sprachlichen und kulturellen Barrieren gebe es großes Misstrauen gegenüber den Behörden, deren Mitarbeiter von Islamisten zudem als Ungläubige betrachtet würden.

    Dschihad im Netz: Wie der IS die Onlinerekrutierung startete

    „Die wichtigste Veränderung im islamistischen Terrorismus in Deutschland seit 2001 war der Beginn des ISIS-Zeitalters”, sagt Guido Steinberg von der SWP. Ab 2013 eroberte der sogenannte Islamische Staat im Irak und in Syrien, kurz ISIS oder IS, große Gebiete in den beiden Kriegsländern.
    Der IS unterdrückte Andersgläubige und ließ Geiseln vor laufenden Kameras töten. Diese Brutalität machte ihn für radikalisierte junge Menschen attraktiv.
    Laut Steinberg sei die Zahl der jungen Dschihadisten 2013 und 2014 enorm gestiegen. Der IS habe die gesamte dschihadistische Szene von Grund auf verändert. Mehr als 1000 Menschen aus Deutschland reisten nach Syrien aus, viele davon zum IS, aber auch zu El-Kaida-nahen Gruppen. Schon damals wurde online rekrutiert.

    TikTok und Messengerdienste: Die neue Strategie der Salafisten

    25 Jahre nach dem 11. September sind IS und El Kaida nicht verschwunden. Sie agieren dezentral, vor allem in Afrika, aber auch in Asien und im Nahen Osten. Zudem verbreiten sie im Internet Bilder und Videos von ihren Gräueltaten, auch in deutschsprachigen dschihadistischen Onlineforen.
    „Vor einigen Jahren noch brauchte man einen Kontakt zu einem charismatischen Prediger”, sagt Steinberg. Das waren etwa Yehia Yousif in Freiburg und Neu-Ulm oder später Abu Walaa in Hildesheim. Letzterer war einer der wichtigsten IS-Rekrutierer Deutschlands. Heute gebe es solche Prediger im Netz.
    Salafisten greifen im Netz unter anderem auf Diskriminierungserfahrungen von Muslimen zurück, um ihre Propaganda zu verbreiten, und versuchen so, junge Muslime über Social Media und Messengerdienste davon zu überzeugen, dass sie in Deutschland unerwünscht seien.  

    Jugendliche im Visier: Dschihadistische Radikalisierung heute

    Der Attentäter, der im Sommer 2026 am Rande des Berliner Christopher Street Day in eine Gruppe feiernder Menschen raste, war erst 21 Jahre alt. Bereits im Alter von 16 Jahren war er zum Salafisten geworden. Bei dem Anschlag starb eine Frau, 31 Menschen wurden verletzt. Vor der Tat hatte der Mann ein Bekennervideo für den IS aufgenommen.
    Bund und Länder fördern seit dem 11. September 2001 De-Radikalisierungsprogramme. Diese Programme sollen Menschen dabei helfen, sich von extremistischen Ideologien zu lösen. Aus der islamistischen Szene auszusteigen ist nach wie vor gefährlich und erfordert professionelle Begleitung.

    Verfassungsschutz und Prävention: Grenzen der Überwachung

    Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt heute 28.645 Menschen zum islamistischen Personenpotenzial. Sie alle lückenlos zu überwachen, sei unmöglich, sagt Jens Koch. Der Vizepräsident des Bundesamts räumt daher ein: „Dementsprechend kann immer wieder einer von denen irgendetwas tun, was wir nicht kontrollieren können.”
    Immer wieder konnten deutsche Sicherheitsbehörden jedoch auch islamistische Anschläge verhindern. Aktuell wird über weitere Befugnisse für den Verfassungsschutz diskutiert. Die geplanten Gesetze sehen vor, dass die Geheimdienste unter bestimmten Voraussetzungen in akuten Gefahrenlagen selbst handeln können.

    Onlineartikel: Elena Matera | Radiobeitrag: Joseph Röhmel