
Als Reaktion auf den islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day fordern Politiker wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt schärfere Sicherheitsgesetze, etwa die Ausweitung der Präventivhaft und den Einsatz elektronischer Fußfesseln für Gefährder.
Experten betonen dagegen vor allem die Notwendigkeit von Präventionsarbeit. Doch wie lässt sich verhindern, dass Jugendliche in Ideologien und Gewalt abdriften?
Die Ursachen von Radikalisierung
Menschen, die sich von radikalen, menschenfeindlichen Ideologien angesprochen fühlen und radikalisieren, weisen laut Experten häufig ähnliche Profile auf. Es sind oft Jugendliche und junge Erwachsene, meist Männer, mit gescheiterten Biografien, die in sozial benachteiligten Milieus aufgewachsen sind. Ein Teil von ihnen ist gewaltaffin, manche haben bereits eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen. Diesen Menschen bieten extremistische Ideologien die Möglichkeit, dem eigenen Leben eine Bedeutung zu geben, sagen Experten.
In Kontakt mit den Ideologien kommen die jungen Leute inzwischen vor allem über soziale Medien. Im jüngsten Jahresbericht des Berliner Verfassungsschutzes heißt es: Vor allem Islamisten und Rechtsextremisten, aber auch Linksextremisten nähmen Jugendliche und junge Erwachsene vor allem über Plattformen wie Instagram, TikTok, Telegram, Facebook oder YouTube ins Visier ihrer Propaganda. Die gezielte Kontaktaufnahme durch radikalisierende Mentoren auf der Straße oder in Moscheegemeinden findet zwar auch noch vereinzelt statt, hat aber an Bedeutung verloren, wie Numan Özer von der Präventionsorganisation „180 Grad Wende“ betont.
Diese Warnsignale gibt es
Radikalisierungsprozesse verlaufen selten geradlinig. Experten benennen jedoch spezifische Warnsignale, die Bezugspersonen auffallen können. An erster Stelle steht sozialer Rückzug, das heißt, jemand wendet sich plötzlich von seinem bisherigen Freundeskreis oder auch der Familie ab. Möglicherweise verbringt er stattdessen sehr viel mehr Zeit auf Plattformen wie TikTok und YouTube und sieht sich dort extremistische Inhalte an.
Ein Warnsignal kann auch sein, dass der Betreffende verstärkt Gewalt gegen andere befürwortet. Weitere mögliche Anzeichen: aggressives Argumentieren, Schwarz-Weiß-Denken und das Verbreiten von Feindbildern oder Verschwörungserzählungen.
Wie Prävention funktioniert
Präventionsarbeit gegen Radikalisierung sollte nach Ansicht von Experten auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Als essenziell wird etwa die Vermittlung von Medienkompetenz angesehen, insbesondere die Förderung eines kritischen Umgangs mit sozialen Medien.
Jugendlichen kann zudem vermittelt werden, die Mechanismen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu durchschauen. Dies kann etwa dadurch gelingen, dass sie erkennen, dass Diskriminierung gegen sie selbst denselben Mustern folgt wie ihr eigener Hass gegen andere.
Was Schulen, Eltern und Gemeinden tun können
Auch Schulen können Experten zufolge einen Beitrag leisten, indem sie Wissen über Demokratie bis hin zum Umgang mit Radikalisierungsprozessen und Gewalt vermitteln. Jede Schule brauche eine Strategie im Umgang mit Extremismus- und Radikalisierungsprozessen, betonte bereits 2024 die Co-Vorsitzende der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK), Felicitas Thiel.
Lehrerinnen und Lehrer fühlten sich bei diesen Themen häufig überfordert, sodass sie wegschauen würden, statt einzugreifen, wenn Schüler zum Beispiel den Hitlergruß zeigen würden. Auch politische Medienbildung gehört nach Ansicht der SWK in jeden Lehrplan. Für Experten wie den Sozialwissenschaftler Berrissoun muss Prävention allerdings schon in den Familien beginnen. Eltern sollten aufgeklärt werden über Formen von Extremismus und Warnsignale einer Radikalisierung. Wichtig sei außerdem Unterstützung bei einer gewaltfreien und wertschätzenden Erziehung. In der Beratungsarbeit habe man die Erfahrung gemacht, dass eine gesunde Familienbeziehung „ein Schutzfaktor sein kann, dass man sich nicht Hass und Gewalt zuwendet“.
Berrissoun plädiert zudem dafür, muslimische Gemeinden und Communitys stärker in die Präventionsarbeit einzubinden. Sie hätten vertrauensvolle Zugänge zu jungen Menschen. Ein Ansatz für Prävention bei Jugendlichen, die am Anfang einer Radikalisierung stünden oder bei denen sich die Ideologie noch nicht sehr verfestigt habe.
Parallel zur Aufklärung muss Berrissoun zufolge die soziale Integration der jungen Menschen gefördert werden durch die Vermittlung von Ausbildungsplätzen. Berrissoun: „Da stecken wir sehr viel Energie rein, weil wir wissen, dass wenn jemand seine Ausbildung bekommt, dass das plötzlich ein Leben verwandelt. Dann hat man plötzlich etwas, wofür es sich lohnt zu leben.“
Onlinetext: Wulf Wilde















