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StartseiteHintergrundCoronavirus gefährdet den Aufschwung22.04.2020

Zehn Jahre Griechenland-HilfenCoronavirus gefährdet den Aufschwung

In der Schuldenkrise bat Griechenland Europa im April 2010 um Hilfe. Es folgten Kredite und harte Sparmaßnahmen für das Land, dann zeichnete sich ein Aufschwung ab. Doch nun trifft die Coronakrise den wichtigen Tourismussektor besonders hart - mit unabsehbaren Folgen für die griechische Wirtschaft.

Von Thomas Bormann

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Griechische Polizei kontrolliert mit Mundschutz den Busbahnhof in Kifissos (picture alliance / dpa / ANE)
Die Coronakrise ist für Griechenland eine starke wirtschaftliche Herausforderung (picture alliance / dpa / ANE)
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Giorgos Papandreou hatte sich eine idyllische Kulisse ausgesucht, um seinem Volk die Schreckensnachricht zu übermitteln. Der damalige Ministerpräsident Griechenlands war in den äußersten südöstlichen Zipfel seines Landes gereist, auf die Insel Kastellorizo. Papandreou stand an jenem sonnigen 23. April 2010 am Hafenbecken der Insel, hinter ihm leuchtete türkisblau das Meer und Fischerboote tuckerten vorbei, als er eine Art Offenbarungseid leistete

"Wir sind auf einem Boot, das am Sinken ist", sagte er, gab der Vorgängerregierung die Schuld für die leere Staatskasse und stellte klar, die einzig mögliche Rettung sei Finanzhilfe der europäischen Partner.

Papandreou war klar, dass die Milliardenkredite an strenge Sparauflagen geknüpft sind: "Wir stehen vor einem schwierigen Weg, einer neuen Odyssee für die Hellenen."

Eine neue Odyssee. König Odysseus musste auf seiner Irrfahrt einst zehn Jahre lang gegen Stürme ansegeln, gegen einäugige Riesen kämpfen oder gegen menschenfressende Völker, ehe er seine Heimat Ithaka wieder erreichte, so erzählt es die antike Überlieferung. In der neuen Odyssee der 2010er-Jahre mussten die Griechen gegen Feinde ankämpfen, die ihnen ebenso unberechenbar und grausam erscheinen. Sie hießen: Massenentlassungen, Lohnkürzungen, Steuererhöhungen.

Eine zerrissene EU-Fahne flattert im Wind. (imago / Rupert Oberhäuser ) (imago / Rupert Oberhäuser )EU-Finanzhilfen in der Coronakrise: Coronabonds, ESM-Rettungsschirm und Co. 
In der EU ist ein Streit darüber entbrannt, wie die immensen finanziellen Herausforderungen der Coronakrise bewältigt werden sollen. Doch es gibt auch Kompromissvorschläge. Ein Überblick.

Immer wieder protestierten damals Zehntausende Griechen auf den Straßen gegen die Sparpolitik: Staatsbedienstete wurden entlassen; Renten um zehn oder zwanzig Prozent gekürzt. Das trieb in den Jahren 2010, 2011 und 2012 auch 70-Jährige auf die Straße:

"Ich kann mir meine Medikamente nicht mehr leisten. Was kann ich für 400 Euro Rente im Monat schon bekommen? Wie soll ich da Steuern zahlen? Ich rede ja nicht nur über mich, das ganze Land geht unter, nicht nur ich. Ich bin alt und werde eines Tages nicht mehr da sein. Aber was ist mit den Kindern? Sie machen alles kaputt!"

Griechenland stand kurz vor dem Bankrott

Zwar sagt der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble: "I think there will no… It will not happen that there will be a Staatsbankrott in Greece." - "Es wird keinen Staatsbankrott in Griechenland geben", so Schäuble in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Auch Kanzlerin Angela Merkel hatte den Griechen Hilfe versprochen. Sie wollte unbedingt verhindern, dass Griechenland, also ein Land aus der Eurozone, in die Pleite stürzt. Das hätte andere hoch verschuldete Euroländer mit in den Abgrund reißen können, der Euro wäre als gemeinsame Währung gescheitert.

"Scheitert der Euro, scheitert Europa" - so warnte die Kanzlerin. Doch für viele Griechen klang das überhaupt nicht beruhigend, im Gegenteil. Sie hatten den Verdacht: Schäuble und Merkel und all den EU-Politikern gehe es gar nicht um das Schicksal der Griechen, sondern nur um den Euro, um Absatzmärkte, um die Rettung der Banken. Denn bei privaten Banken hatte Griechenland Milliardenschulden angehäuft.

Um diese Schulden zu bezahlen, brauchte Griechenland all die Kredite von den anderen Euroländern. Dort, zu den Banken, floss das viele Geld hin. Nicht zu den Not leidenden griechischen Bürgern; nicht in die untergehende griechische Wirtschaft.

"Ochi", "Ochi", rufen Zehntausende auf dem Syntagma-Platz in Athen im Sommer 2015 – die Krise hatte damals schon fünf Jahre an Griechenland gezerrt. Da sprach das griechische Volk ein Machtwort. Sagte in einer Volksabstimmung mehrheitlich "Ochi", also "Nein" zum nächsten Hilfspaket.

Hilfspaket, das klingt eigentlich gut, galt aber für die meisten Griechen als Mogelpackung. Die Milliardenkredite gab es nur, wenn Griechenland Sparauflagen umsetzt: Renten und Löhne weiter kürzen. Steuern weiter erhöhen, bis der Staatshaushalt ausgeglichen ist. Den Siegesfeiern der Nein-Sager folgt schnell die große Ernüchterung. Ein "Nein" zum Sparprogramm heißt auch "Nein" zu neuen Krediten. Damit wäre Griechenland pleite, müsste den Euro verlassen; das Land könnte in völliger Armut versinken. Im Sommer 2015 droht akut der "Grexit".

Ein junger Mann meint zwar: "Was nutzt es uns, in der Eurozone zu sein, wenn wir selbst keinen Euro in der Tasche haben?"

Linker Ministerpräsident setzte Sparkurs durch

Aber am Ende kriecht Ministerpräsident Tsipras dann doch zu Kreuze – vereinbart in Brüssel ein neues Hilfspaket mit Milliardenkrediten und Sparauflagen. Ausgerechnet Alexis Tsipras, der Ministerpräsident der griechischen Linkspartei Syriza, setzt Rentenkürzungen durch und verprellt dadurch manchen Wähler:

"Die linke Regierung hat uns verarscht, unser Leben wurde in Fetzen gerissen. Wir können nicht mal unseren Kindern helfen. Wir sind mit einer ehrwürdigen Pension in den Ruhestand gegangen und haben geglaubt, davon gut leben zu können. Aber leider will die Regierung, dass wir möglichst früher sterben."

Griechenlands Ministerpräsident Tsipras während einer Debatte im Parlament in Athen.  (AFP / LOUISA GOULIAMAKI)Griechenlands Ministerpräsident Tsipras fuhr einen harten Sparkurs (AFP / LOUISA GOULIAMAKI)

Doch Tsipras bleibt auf Sparkurs, drei Jahre lang, und schafft es tatsächlich ins Ziel: Griechenland hat wieder einen ausgeglichenen Staatshaushalt, ist nicht mehr auf neue Hilfskredite und Sparprogramme angewiesen. Zwar wird Griechenland noch Jahrzehnte lang die Raten für all die Milliardenkredite abstottern müssen, aber das Schlimmste scheint an jenem 21. August 2018 überwunden.

Für seine Ansprache ans Volk wählt Ministerpräsident Tsipras wiederum einen symbolträchtigen Ort aus der Antike: die Insel Ithaka, der Legende nach die Heimat des Königs Odysseus. Odysseus kam dort einst nach zehn Jahren Irrfahrt an. Die moderne Odyssee haben die Griechen immerhin in achteinhalb Jahren bewältigt.

Wir haben sie überstanden, sagte Tsipras in der sengenden Hitze auf Ithaka im August 2018: "Griechinnen und Griechen! Heute ist der Tag der Erlösung. Es ist aber auch der Beginn einer neuen Ära. Unser Land bekommt sein Recht zurück, über seine Zukunft selbst zu bestimmen – Griechenland ist wieder ein ganz normales, europäisches Land", so Alexis Tsipras.

Ironie der Geschichte: Der linke Ministerpräsident Alexis Tsipras führt Griechenland aus der Krise, ordnet die Staatsfinanzen und spart sogar ein Polster von 30 Milliarden Euro an. Die Wahl im Sommer 2019 aber verliert er gegen seinen Herausforderer Kyriakos Mitsotakis von der konservativen Nea Demokratia.

Neuer Regierungschef versprach starkes Wachstum

Mitsotakis gewinnt die Wahl mit dem Versprechen: Starkes Wachstum für alle Griechen. Leichtes Wachstum hatte es ja auch schon unter der Vorgängerregierung gegeben. Mitsotakis wollte dann so richtig loslegen, die Ärmel hochkrempeln, Investoren ins Land holen. Doch dann bricht die Bedrohung durch das Coronavirus herein und erstickt alle Pläne für Wachstum und Wohlstand.

Tavernen und Geschäfte schließen. Hotels machen dicht. Hunderttausende Griechen verlieren von heute auf morgen ihre Arbeit. Über Nacht ist die Krise wieder da und die griechische Wirtschaft rutscht wieder ab.

"Die Rezession im Jahr 2020 wird groß sein", sagt Regierungschef Mitsotakis: "Aber der Aufschwung im Jahr 2021 kann dafür umso größer werden", verspricht der Regierungschef. Auch Wirtschaftsexperten wie der Athener Universitätsprofessor Panagiotis Petrakis teilen diesen Optimismus. Er glaubt nicht, dass die Coronakrise Griechenland um Jahre zurückwirft:

"Ich denke, diese Krise wird heftig sein, sehr heftig. Sie wird schnell sein und sie wird hoffentlich kurz bleiben, einige Monate."

Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis mit Mundschutz (dpa / Angelos Tzortzinis)Wollte die Ärmel hochkrempeln, doch dann kam Corona – Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. (dpa / Angelos Tzortzinis)

Allerdings trifft die Coronakrise die griechische Wirtschaft besonders hart. Denn mehr als ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung erzielt Griechenland aus dem Tourismus. Im Moment aber ist der Tourismus in Griechenland in eine Art künstliches Koma versetzt. "Der Tourismus ist jetzt auf Null", sagt Alexandros Vassilikos, Chef des griechischen Hotelverbands: "Die Hotels senden SOS."

Alexandros Vassilikos begann seine Videopressekonferenz mit der Bemerkung, eine Nachricht aus Brüssel habe ihn wie ein Stich getroffen. Als nämlich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Europäern riet, wegen der Coronakrise noch keinen Sommerurlaub zu buchen. Das zeige: Nichts ist klar, die 10.000 Hoteliers in Griechenland stehen vor dem Ruin.

"Es wird ein Neustart notwendig sein. Wir brauchen heute eine Soforthilfe vom Staat, damit wir nicht in die Pleite rutschen und damit wir morgen wieder auf eigenen Beinen stehen können. Dann werden wir unseren Beitrag wieder zum Wirtschaftswachstum leisten können, dann werden wir wieder Arbeitsplätze schaffen, dann werden wir wieder unseren wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft leisten."

Momentaufnahme des Alltags und der Lebensbedingungen im Empfangs- und Identifikationszentrum des Flüchtlingslagers Vial auf der griechischen Insel Chios am Dienstag, 03. März 2020. (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Wegen Coronapandemie - Griechenland verlegt Flüchtlinge von den Inseln aufs Festland
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Tourismus von Corona besonders betroffen

Der Tourismus war immer der Motor der griechischen Wirtschaft. Sogar während der Finanzkrise war die Zahl der Griechenland-Touristen von Jahr zu Jahr gestiegen. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 30 Millionen Menschen zum Urlaub machen nach Griechenland, doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor.

So klingt es normalerweise im April im Athener Altstadtviertel Plaka mit seinen vielen Tavernen und Cafés. Überall Touristen aus aller Welt, überall buntes Leben bis in die Nacht. Und so klingt es in diesem April: Totenstille, es sei denn die Stadtreinigung kommt mit dem Hochdruckreiniger zum Desinfizieren.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Hier hat auch Kostas Panagopoulos seinen Souvenirladen. Er verkauft T-Shirts mit Akropolis-Motiv, Postkarten, kleine Statuen von griechischen Göttern. Er holt tief Luft und seufzt, ja, wir hatten die große Krise gerade überstanden:

"Und jetzt werden unsere Läden vom Coronavirus lahm gelegt. Der Tourismus ist eine empfindliche Branche. Ich fürchte, wir werden viele Jahre zurückgeworfen und landen in dem Schlamassel, in dem wir 2014 oder 2015 waren."

Alle Tavernen, Cafés und Restaurants in Griechenland sind seit dem 14. März geschlossen; Souvenirläden seit Ende März. Die Hotels haben nur noch mit Stornierungen zu tun. Alexandros Vassilikos vom Hotelverband: "Wir wissen im Moment nichts, wir können überhaupt nicht planen. Wird es Buchungen im August geben? Welche Flüge wird es geben? Aus welchen Ländern werden wieder Touristen kommen? Wir wissen nichts. Wir ahnen aber, dass der Tourismus nur sehr langsam und qualvoll wieder in Gang kommen wird."

Wohl höchstens fünf Milliarden Euro Einnahmen durch den Tourismus

18 Milliarden Euro haben ausländische Touristen im vergangenen Jahr in Griechenland ausgegeben. Wie viel wird es in diesem Jahr sein? Das Ziel waren 20 Milliarden, es werden wohl höchstens fünf werden, wenn überhaupt.

"Die Unsicherheiten und die Gefahren, die auf uns lauern, sind sehr groß. Wir können sie nicht messen. Wir wissen nicht, ob unsere Geschäftspartner in einem halben Jahr noch am Markt sind, die Tour-Operator, die Lieferanten. Alles, was wir bislang darüber wussten, wie wir arbeiten, stürzt gerade in sich zusammen."

Während der jahrelangen Finanzkrise war der Tourismus ein Teil der Lösung. Jetzt ist der Tourismus das größte Opfer. Und auch die Wirtschaftsexperten haben keinen Rat. Panagiotis Petrakis von der Uni Athen:

"In der Krise von 2010 wussten wir, wenn wir diese und jene Reform umsetzen, dann werden wir ein bestimmtes Ergebnis erzielen. Aber für die Coronakrise gibt es kein eindeutiges Rezept, wie man am besten damit umgeht, wie man aus der Krise wieder herauskommt. Es gibt zu viele unbekannte Faktoren."

Weiße Säule mit Kapitell in Pella, der antiken Hauptstadt Mazedoniens in Griechenland vor blauem Himmel. (picture alliance / Nicolas Economou)Antike Säule: Der Tourismus leidet besonders unter Corona (picture alliance / Nicolas Economou)

Der einzige Trost, so Professor Petrakis: "Wir haben große Erfahrungen damit, wie man mit wirtschaftlichen Krisen umgeht. Wenn wir also die Epidemie-Krise lösen und die Corona-Krankheit im Griff haben, dann werden wir sehr schnell auch einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise finden."

Panagiotis Petrakis ist selbst erstaunt, mit wie viel Disziplin die Griechinnen und Griechen sich an die Regeln der Ausgangssperre halten. Das liegt sicherlich auch daran, so der Wirtschaftsprofessor, dass die Regierung sich sofort um diejenigen gekümmert hat, die von heute auf morgen ihre Arbeit wegen der Coronakrise verloren hatten. Der Staat hat an hunderttausende Griechen eine Art Kurzarbeitergeld ausgezahlt: 800 Euro pro Person.

Menschenleere Kö in Düsseldorf (picture alliance/ Revierfoto) (picture alliance/ Revierfoto)Deutschlands Wirtschaft und das Coronavirus 
Die Börsen brechen ein, Geschäfte haben nur teilweise geöffnet und die Politik hilft mit umfangreichen Programmen. Ein Überblick.

Professor Petrakis sieht noch einen Grund, warum die Griechen ihrer Regierung in dieser Krise so stark vertrauen: "In Griechenland haben wir hier einen Sonderfall: Unmittelbar vor der Coronakrise hatten wir die Krise an der Grenze, mit den Tausenden Flüchtlingen, die von der Türkei aus nach Griechenland eindringen wollten. Aber die Behörden hatten entschlossen gehandelt und die Grenze dicht gehalten. Das kam sehr gut an bei den Bürgern, das hat Vertrauen geschaffen. Auch deshalb stehen die Bürger jetzt bei der Bekämpfung der Coronakrise genauso geschlossen hinter der Regierung."

Regierungschef Mitsotakis präsentiert sich gern als Macher, der in jeder Krise auch eine Chance sieht: "Griechenland nach der Pandemie wird ein erneuertes Griechenland sein. Die Krise hat uns einen Hieb versetzt. Sie hat uns aber auch wertvolle Lehren erteilt, damit wir einen starken, modernen Staat aufbauen. Wir haben Dienstleistungen digitalisiert. Wir können den Bürger leichter und schneller bedienen, können Bescheinigungen elektronisch ausgeben. Die Angestellten machen sich mit der Technologie vertraut. Das alles sind Instrumente für einen dauerhaften Fortschritt."

Griechenland macht Fortschritte in der Digitalisierung

Noch vor wenigen Jahren gab es etliche Amtsstuben in Griechenland ohne einen einzigen Computer. Es waren ja genug Beamte da, um Belege in Akten abzuheften und Formulare per Hand auszufüllen. Hinter all den Aktenbergen konnten auch Korruption und Steuerhinterziehung prima gedeihen. Doch auch griechische Behörden kommen allmählich im 21. Jahrhundert an. Sie arbeiten nicht nur schneller, sondern auch transparenter: Wenn Baugenehmigungen online erteilt werden oder wenn die Steuererklärung elektronisch erfasst wird, dann lassen sich die Vorgänge leichter kontrollieren. Die Korruption in Griechenland geht zurück.

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Haris Geremtzes, ein junger Computeringenieur aus Thessaloniki, steht für das moderne Griechenland, das mit Hightech-Produkten auf dem internationalen Markt mithält. Als die Coronakrise ausbrach und die Ärzte in Thessaloniki beklagten, dass sie nirgendwo Gesichtsmasken bestellen können, entwickelte der 25-Jährige kurzerhand solche Masken und Schutzbrillen an seinem 3D-Drucker.

"Wir haben hier an unserem 3D-Drucker einen Prototypen für eine Gesichtsmaske aus Kunststoff entwickelt. Eine durchsichtige, stabile Folie, die auch die Augen schützt. Die lassen wir jetzt in einer anderen Firma in großer Stückzahl herstellen. Mit einem 3D-Drucker kann man sehr schnell einen Prototypen bauen, die Drucker sind aber nicht für die Massenfertigung gedacht."

Mit ihren 3D-Druckern entwickeln er und seine Kollegen üblicherweise maßgeschneiderte orthopädische Hilfsmittel, zum Beispiel Schienen für Patienten mit Knochenbrüchen. Die Schienen aus dem 3D-Drucker der Start-Up-Firma aus Thessaloniki sind sechsmal leichter als herkömmliche Schienen und sogar wasserfest, heißt es auf der Internetseite der Firma mit dem Namen AidPlex. Doch jetzt hat die Firma erst einmal die Gesichtsmasken für Ärzte und Pflegepersonal entwickelt, die nun in einem anderen Start-Up-Unternehmen in Thessaloniki massenhaft hergestellt werden. Der 33-jährige Ingenieur Theodoros Marioglu: "Da gibt es im Moment große Nachfrage. Wir tun unser Bestes, um alle Kunden zu bedienen."

Theodoros Marioglu und Haris Geremtzes haben gerade jetzt, während der Coronakrise, viel zu tun. Sie hoffen, ihre Start-Up-Firmen werden auch langfristig Erfolg am Markt haben und sie können sich eine Existenz aufbauen in Griechenland. Selbstbewusst genug sind sie jedenfalls: ,"Am Anfang machst du, was nötig ist. Dann machst du alles, was möglich ist. Und am Ende merkst du, du hast das Unmögliche geschafft."

Viele junge Menschen finden keinen passenden Job

Stolze Firmengründer in Griechenland. Viele ihrer gut ausgebildeten Altersgenossen aber haben nach dem Studium weniger Erfolg gehabt. Sie haben keine Arbeit in Griechenland gefunden, Tausende sind ins Ausland abgewandert, andere schlagen sich als Kellner oder Nachhilfelehrer durch. Eine ganze Generation junger Griechinnen und Griechen hat in der Heimat kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz im erlernten Beruf.

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Die junge Museumspädagogin Daphne Dionysopoúlou gehört zu dieser Generation. Ab und zu verkauft sie selbst gemachten Schmuck, aber ihr eigentliches Lebensziel, als Museumspädagogin zu arbeiten, scheint unerreichbar. Sie sagt, wonach sich ihre Generation sehnt:

"Ich träume davon, dass irgendwann mal Normalität in Griechenland herrscht. Dass du Arbeit hast und dafür auch gut bezahlt wirst, und dass du nicht nur ständig Steuern zahlst, ohne etwas zurück zu bekommen. Ich hoffe, dass wenigstens meine Kinder diese Normalität erleben werden."

Diese Normalität scheint wegen der Coronakrise nun wieder ein Stück in die Ferne gerückt. Und eines ist für die Kinder und sogar die Enkel von Daphne Dionysopoúlou auch gewiss, selbst wenn die Coronakrise überwunden sein wird: Sie müssen noch mindestens bis zum Jahr 2060 all die Milliardenkredite zurückzahlen, die Griechenland wegen der Finanzkrise aufnehmen musste.

Die Krise, die vor zehn Jahren begann, wird die Griechen noch lange nicht loslassen.

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