Mittwoch, 25. Mai 2022

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Zeitgenössische Komponisten
Anleihen bei der Volksmusik

Volksmusik ist in Mitteleuropa entweder Massenunterhaltung oder in die Nische verbannt. Doch zeitgenössische Komponisten entdecken das Genre immer häufiger für ihre eigene Kunst - und integrieren volksmusikalische Elemente in ihre Werke.

Von Frank Kämpfer | 13.12.2015

Der slowenische Komponist Vito Žuraj
Vito Zuraj, Jahrgang 1979, beschäftigte sich mit Trauergesängen aus seiner Heimat Slowenien. (Tone Stojko/Website Vito Žuraj)
Sally Beamish – The Singing. Concerto for accordion and orchestra (2006) daraus: Lento, James Crabb, Accordion, Royal Scottish National Orchgestra, Ltg. Martyn Brabbins, CD BIS-2156 SACD, LC
Die instrumentale Parodie bringt es sofort auf den Punkt. Was erklingt, soll etwas Schottisches sein – der Dudelsack wird symbolisch erinnert, hier ist er vom Akkordeon imitiert. Sein typischer Klagegesang erweckt Gefühle von Nostalgie: So wunderbar war es einmal! Für Urheberin Sally Beamish, Jahrgang 1956, resultiert die ethnische Signatur indes aus Klängen der Arbeit. Webstuhl-ryhtmen und keltische Arbeitslieder liefern ihr das Material.
Sally Beamish – The Singing. Concerto for accordion and orchestra. daraus: Lento, James Crabbm Accordion, Royal Scottish National Orchestra. Ltg. Martyn Brabbins
Der gesamte Anfangssatz ist von gälischem Psalmgesang grundiert, von Musik der schottischen Freikirche. The Singing betitelt die britische Tonsetzerin ihr Concerto for accordion and orchestra – bemerkenswerterweise wurde es vom Melbourne Symphony Orchestra sowie dem britischen Cheltenham Music Festival in Auftrag gegeben. Es findet sich auf einer neuen CD mit Orchestermusik und Solokonzerten von Sally Beamish aus den letzten 10 Jahren. Nam-hafte Solisten haben diese mit dem Royal Scottish National Orchestra und dem National Youth Orchestra für das Schwedische Label BIS eingespielt.
Was die 5 Werke der Platte vereint, ist die Inspiration durch Beamisch's Wahlheimat Schottland – das heißt durch Naturbilder, literarische Einflüsse, nicht zuletzt die Möglichkeit, für junge Musiker zu komponieren.
Zum Beispiel Under the Wing oft the Rock, eine musikalische Reminiszenz an das Massaker von Glen Coe, wo Soldaten Wilhelm III. 1692 einen widerständigen schottischen Hochland-Clan dezimierten. Beamish verarbeitet gälische Arbeitslieder darin zu einem rastlosen Kontrapunkt; auch Jazzeinflüsse finden sich hier. Branford Marsalis spielt dieses Bratschenkonzert routiniert in einer Fassung für Altsaxofon.
Im 2003 notierten Trompetenkonzert verlässt Beamish den Projektions-raum Schottland. Inspiriert durch Italo Calvinos experimentellen Roman
Die unsichtbaren Städte, suggeriert sie in drei Sätzen moderne Urbanität. Satz Eins beginnt in der Art einer Aubade – eine städtische Landschaft wird nach und nach mit Lärm und Aktivitäten gefüllt, die sich musikalisch aber kaum mitein-ander verbinden. Das mittlere Andante begegnet als Dance Parade, jedoch im Jazzclub gespielt – das Finale Allegro–Presto zeichnet Gewalt und Verfall. Die Komponistin hat das Schlagwerk hier um Autoschrott und Baugerüst-Rohre erweitert, was Härte und Aggressivität suggeriert, die sich erst nach und nach abbauen.
Sally Beamish - Trumpet Concerto daraus: Allegro-Presto, Hakan Hardenberger, Trompete, Royal Scottish National Orchgestra, Ltg. Martyn Brabbins, CD BIS-2156 SACD, LC
Hakan Hardenberger als Solist in Sally Beamish's Trompetenkonzert von 2003. Alle erwähnten Werke sind Neueinspielungen – aufgenommen im Sommer 2014, sind sie im Herbst 2015 bei BIS Records erschienen. Es ist bereits die vierte CD mit Orchestermusik dieser, in Deutschland leider kaum bekannten Urheberin.
Die nächste CD, die ich Ihnen heute anspielen will, nähert sich der Thematik, europäische Volksmusik in zeitgenössischem Komponieren zu spiegeln, ja aufzuheben, von einer ganz anderen Warte aus! Für das Projekt Nybyggnan (dt. Neubau) haben sich zwei schwedische Musiker zusammengetan: der Komponist Adrian Jones und der Saxofonist Daniel Reid – beide in ihrem Land Stars der World Music. Beide sind geleitet auch von der Vision, neue Folk-Formate zu entwickeln, die sich von traditioneller Aufführungspraxis entfernen, die also etwa für den Kammermusiksaal geeigneter sind.
Im Zentrum der aktuellen CD von Jones und Reid steht ein knapp 40-minütiges Folk Music Concerto für Saxofon und Streicher. Das musikalische Material mutet tänzerisch an. Alles ist neu komponiert, im Stil der schwedischen Polska oder des norwegischen Gangar. Die Melodien suggerieren eine Einheit des Stücks, das sowohl Einflüsse aus Jazz, Rock, unterhaltender Klassik und Minimal Music verarbeitet und fusioniert.
Das Resultat: Ein gängiger, poly-stilistischer Sound ohne Ecken und Kanten - ein Cross-over, in dem die Substanz volksmusikalischen Musizierens allerdings ausgedünnt ist. Satztechnisch wie interpretatorisch ist alles hoch professionell. Das Streichquartett mit Komponist Jones an der Bratsche, liefert ein gefälliges Soundbett, Reids Saxofonspiel ist höchst feingliedrig, voller Nuancen, und deutlich stärker kammermusikalisch denn wirklich jazzig - doch es fehlt jene Spur Subversion, die zu traditionellem Musizieren gehört.
Adrian Jones - Nybyggnan. Folk Music Concerto, Daraus: Pernillas Polska, Daniel Reid, Saxofon, Jeanette Eriksson und Sérgio Crisóstomo - Violinen, Adrian Jones, Viola; Anna Wallgren Violoncello, CD BIS-2119 SACD, LC
Gleichfalls erschienen bei BIS: Nybyggnan von Adrian Jones. Komponierte Volksmusik für den Kammermusiksaal. Stark fokussiert ist diese Produktion auf den Bläsersolisten Daniel Reid am Saxofon.
Ein kritischer Blick auf die in der Romantik gängige Praxis, volksmusikalisches Erbe in die Form des Klavierlieds zu bringen, liegt dem für heute dritten und letzten Album zugrunde. Ausgangspunkt ist der berühmte Folk Music-Zyklus von Luciano Berio, der jede Glättung und Einebnung ethnischen Materials ablehnte und seine elf Stücke eher als komponierte Analysen verstand.
Luciano Berio - Folk Songs., daraus: A la femminisca, Noa Frenkel, Alt. ENSEMBLE EXPERIMENTAL. Leitung: Detlef Heusinger, CD NEOS 11316, LC 15673
A la femminisca - ein Song aus Sizilien, hier dargeboten von Noa Frenkel (Alt) und dem Freiburger Ensemble Experimental.
Nicht Arrangement, nicht Transkription noch Instrumentierung. Jeder einzelne Satz – so Luciano Berio, ein Weggefährte von Nono, Stockhausen, Boulez – jeder einzelne Satz seines 1964 zusammen gestellten Folk Music-Zyklus solle vielmehr artikulieren, was ihn ausmacht und was er gemäß seiner kulturellen Herkunft aussagen will. Berio versammelte seinerzeit Liedgut aus Frankreich, Italien, Armenien, Aserbaidshan und den Vereinigten Staaten.
Ein halbes Jahrhundert später wurden sechs KomponistInnen projektbedingt gebeten, erneut folkloristische Materialien in gegenwärtige Zusammenhänge zu setzen – unter Zuhilfenahme der Elektroakustik, wie sie das Experimentalstudio des Südwestrundfunks Freiburg bietet. Farangis Nurulla-Khoja, geboren 1972 in Duschanbe (Tadschikistan), legte ihrer Arbeit das Motiv der Karawane zugrunde, das sie persischer Lyrik entnahm. Tradition und Moderne dürfen in ihrem Stück kollidieren. Mariana Ungureanu aus Moldawien rekomponierte ein Hochzeitslied aus dem nordrussischen Archangalsk - sie mischte Mittel der Mikrotonalität, der Elektronik sowie das tiefe Timbre der Altistin Noa Frenkel.
Vito Zuraj, Jahrgang 1979, beschäftigte sich mit Trauergesängen aus seiner Heimat Slowenien. Die Italienerin Marta Gentilucci komponierte zeitgenössische Lyrik und entwarf eine ganz eigene elektroakustische Sprache dabei. Der junge Serbe Marko Nikodijevic wählte das bulgarische Volkslied von den zwei verschütteten Schäfern, die im Sterben mit ihren Liebsten kommunizieren. Vom Lied bleibt am Ende nurmehr das elektro-akustische Stützwerk.
Jamilia Jazylbekova, geboren 1971 in Kasachstan, nähert sich ihrer Aufgabe mit größerer Abstraktion. Ihre Beschäftigung mit einem ukrainischen Wiegenlied gleicht einer Dekonstruktion, die allerdings kein leeres Spiel mit semantischen Materialien ergibt, sondern – typisch Jazylbekova! – in Bereiche des Existenziellen, Entgrenzten führt, wo man extreme stimmliche Artikulationen und Tierschreie assoziiert.
Jamilia Jazylbekova - S.O.G. Noa Frenkel, Alt. ENSEMBLE EXPERIMENTAL. Leitung: Detlef Heusinger, CD NEOS 11316, LC 15673
Folk Songs - musikalische Kommentare und komponierte Analysen ethno-musikalischen Materials von Luciano Berio, Marko Nikodijevic, Vito Zuraj, Jamilia Jazylbekova, Marta Gentilucci und anderen - allesamt neu produziert mit dem hervorragenden Ensemble Experimental (Leitung: Detlev Heusinger) unter Mitarbeit des Exterimentalstudios des SWR Freiburg. Diese CD ist beim Label NEOS erschienen. Zuvor habe ich Ihnen komponierte Folkkammermusik von Adrian Jones angespielt, sowie Instrumentalkonzerte von Sally Beamish – letztere zwei Alben erschienen beim schwedischen CD-Label BIS.