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StartseiteCampus & Karriere"Wir werden Schule neu denken müssen"28.12.2017

Zu wenige Rektoren, viele Seiteneinsteiger"Wir werden Schule neu denken müssen"

Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen, ist wenig überrascht über den Lehrer- und Rektorenmangel in Deutschland. In der Öffentlichkeit müsse viel mehr über die positiven Seiten des Lehrerberufes gesprochen werden, sagte er im Dlf, um junge Menschen für ein Lehramtsstudium und eine Schulleiterlaufbahn zu motivieren.

Helmut Holter im Gespräch mit Michael Böddecker

Eine leere Schultafel und eine Schultasche.  (imago / Ute Grabowsky)
Kein Lehrer: kein Unterricht (imago / Ute Grabowsky)
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Michael Böddeker: Es gibt zu wenige Lehrer in Deutschland. Darüber und auch über die Folgen berichten wir hier in der Sendung immer wieder, Unterrichtsausfall zum Beispiel. In der Not suchen die Schulen händeringend nach Lehrkräften, und deshalb werden auch immer mehr Seiteneinsteiger eingestellt. Außerdem, das belegt jetzt eine Umfrage unter den Kultusministerien der Länder, gibt es besonders an den Grundschulen noch ein großes Problem. Es gibt nämlich zu wenige Rektoren. Viele Leitungsstellen bleiben deshalb unbesetzt. Darüber spreche ich mit Helmut Holter. Er ist Bildungsminister von Thüringen und designierter Präsident der Kultusministerkonferenz KMK. 2018 übernimmt er das Amt von seiner Vorgängerin Susanne Eisenmann aus Baden-Württemberg. Guten Tag, Herr Holter!

Helmut Holter: Guten Tag, Herr Böddeker!

Böddeker: Die Themen Lehrermangel und Rektorenmangel, gerade an den Grundschulen, die sind ja an sich schon lange bekannt. Aber jetzt gibt es von den Kultusministerien noch mal aktuelle Zahlen dazu. Von rund 1.000 unbesetzten Schulleiterposten an den Grundschulen ist die Rede. Und der Deutsche Lehrerverband schätzt sogar, dass an jeder zehnten Grundschule die Leitung unbesetzt ist. Sind Sie von diesen Zahlen überrascht?

Holter: Ich bin von den Zahlen nicht überrascht. Ich habe im August 2017 ja das Amt des Bildungsministers in Thüringen übernommen und war schon sehr erstaunt, wie groß der Lehrermangel ist, aber auch, wie wenig Bereitschaft besteht, eine Schulleiterinnenfunktion an den Grundschulen zu übernehmen. Das ist eine Herausforderung, die sich sowohl in Thüringen stellt als auch in ganz Deutschland. Die Kultusministerinnen und Kultusminister haben das in ihrem Treffen sehr ausführlich bereits debattiert.

Geringe Wertschätzung

Böddeker: Woran liegt das denn? Wo sehen Sie die Ursache für das Problem?

Holter: Das eine ist, dass der Beruf des Lehrers, der Lehrerin in Deutschland zu wenig wertgeschätzt wird. Ich bin der Überzeugung, wir müssen viel mehr über die positiven Seiten und die Leistungen der Lehrerinnen und Lehrer in der Öffentlichkeit sprechen.

Auf der anderen Seite hat es was damit zu tun, dass langfristig eine Planung fehlte, um diesem Lehrermangel, der jetzt da ist, zu begegnen. Wir kommen ja aus einer Zeit des Überhangs an Lehrerinnen und Lehrern in eine Zeit, wo einfach Mangel herrscht. Und ich bin der Überzeugung, dass hier die Politik in der Vergangenheit nicht vorausschauend agiert hat, und das müssen jetzt die Länder korrigieren und haben eben die entsprechenden Probleme, über die Sie gesprochen haben.

Böddeker: Genau das kritisiert zum Beispiel auch Marlies Tepe von der Bildungsgewerkschaft GEW, die sagt, das Problem Lehrermangel sei doch eigentlich vorhersehbar gewesen, denn diese Pensionierungswelle war zu erwarten. Warum haben die Länder dann nicht schon früher gegengesteuert?

Holter: Auf der einen Seite war tatsächlich die Pensionierungswelle zu erkennen. In Thüringen ist es aktuell so, dass 67 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer älter als 50 Jahre sind. Damit kann man voraussehen, was in den nächsten zehn bis 15 Jahren an Abgängen zu erwarten ist. Auf der anderen Seite kennen wir alle die Diskussion über die Schuldenbremse. Das hat dazu geführt, dass die Länder ganz stringente Sparhaushalte auflegen. Und hinzu kam, dass aus Zeiten des Personalüberhangs auch gerade in den ostdeutschen Ländern ein Personalabbaukonzept dann, freundlich formuliert, ein Personalentwicklungskonzept aufgelegt wurde. Das traf auch die Lehrerinnen und Lehrer. Und hier muss jetzt gegengesteuert werden. Das haben die Länder nach meiner Auffassung generell zu spät gemacht. Aber das ist ein Blick in die Vergangenheit. Jetzt muss aktuell und perspektivisch reagiert werden.

Dazu müssen mehr junge Menschen motiviert werden, Lehrerinnen und Lehrer zu werden, und das auch in bestimmten Fächern. Wir haben ja noch in bestimmten Fächern deutlichen Lehrermangel. Und es werden Menschen von außen, also die nicht Lehramt studiert haben, in den Schuldienst geholt, die sogenannten Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger.

"Es soll immer um guten qualitativen Unterricht gehen"

Böddeker: Genau. Sie haben zwei Lösungsmöglichkeiten angesprochen. Das eine ist eher langfristig, denn bis Lehrer ausgebildet sind und dann unterrichten können, das dauert ja etwas. Kurzfristiger kann man auf Seiteneinsteiger zurückgreifen, immer mehr Länder machen das auch. Das zeigen jetzt auch neue Zahlen der KMK im Schuljahr 2016/17 gab es da mit über 3.000 Quereinsteigern einen neuen Höchstwert, doppelt so viel wie im Jahr davor. Jetzt fordert der Lehrerverband VBE, diese Seiteneinsteiger müssen aber besser ausgebildet werden, bevor sie unterrichten. Sehen Sie das auch so?

Holter: Hier treffen zwei Meinungen aufeinander. Erstens sind alle dafür, dass Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in den Schuldienst kommen. Die einen sind der Auffassung, die müssen vorher qualifiziert werden. Andere sind wie ich der Auffassung, sie müssen berufsbegleitend qualifiziert werden. In Thüringen werden wir das so machen, dass jeder Seiteneinsteiger einen Mentor bekommt und dann eine berufsbegleitende Qualifizierung erfolgt. Anspruch ist, dass nach zwei Jahren dann eine entsprechende universitäre Prüfung abgelegt wird, mit der sie dann genauso qualifiziert sind wie ihre Kolleginnen und Kollegen, die Lehramt studiert haben. Es soll immer um guten qualitativen Unterricht gehen, und deswegen also auch die entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen. Das werden die Länder für sich entscheiden, wie sie das ganz konkret organisieren.

Böddeker: Das könnte dann schon mal kurzfristig etwas helfen. Die längerfristige Lösung wäre, den Beruf attraktiver zu machen, den Beruf des Lehrers, der Lehrerin und auch des Schulleiters, denn da gibt es ja auch einen großen Mangel. Wie könnte man diese Berufe attraktiver machen?

Holter: Wir haben in Deutschland eine sehr heiße Debatte und nicht nur heiße Debatten darüber, wie man Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst holt. Zurzeit ist es so, dass die Bundesländer begonnen haben, sich gegenseitig zu überbieten. Das sehe ich mit großer Besorgnis, gerade, was also auch die Besoldung und Entlohnung der Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer betrifft. Da ziehen ja einige Lehrer jetzt die Besoldung so hoch, dass A13 gezahlt wird. Das ist in Thüringen zurzeit noch nicht so.

Und auf der anderen Seite geht es um die Lehrerinnen und Lehrer in den Realschulen, in Thüringen Regelschulen genannt. Da geht es auch bei diesen Kolleginnen und Kollegen darum, die in die A13 zu bringen. Thüringen geht da ja einen halben Schritt und wird ab nächstem Jahr dann eine hälftige Zulage auf die A12 zahlen. Also es geht um Gehaltsfragen, das ist das eine, es geht aber auch darum, dass insgesamt eine Willkommenskultur in der Gesellschaft aufgebaut wird. Das ist nicht nur eine Verantwortung der Bildungsministerien und auch der begleitenden Gewerkschaften und des Beamtenbunds, sondern darüber hinaus muss meines Erachtens in einem Dorf, in einer Stadt die Gesellschaft, der Bürgermeister, die Stadträte sagen, wir wollen dich hier haben und entsprechend attraktive Bedingungen schaffen, damit jemand als junger Mensch nicht nur in eine Stadt, sondern auch in den ländlichen Raum als Lehrerin oder Lehrer geht. Da wird ja auch darüber diskutiert, und einige Länder machen das schon, dass dann entsprechende Zulagen gezahlt werden, damit in den ländlichen Räumen, in den Dorfschulen auch junge Leute ankommen.

Den Austausch intensiver pfleger

Böddeker: Ab 2018 sind Sie Präsident der Kultusministerkonferenz. Was glauben Sie, können sich auch die Kultusminister der Länder vielleicht noch besser abstimmen, um dieses Problem zu lösen, oder herrscht da eher so ein bisschen Konkurrenz, weil man sich eben gegenseitig die angehenden jungen Lehrerinnen und Lehrer abwirbt?

Holter: Der Wettbewerb läuft schon. Berlin beispielsweise führt jetzt an großen Schulen auch Verwaltungsleiter ein. Das sind Menschen, die nicht Lehramt studiert haben, um also die Schulleitung zu entlasten. Das sind Dinge, die in Thüringen in der Kommission "Zukunft Schule", in der ich mitgearbeitet habe und die ich jetzt leite, auch diskutiert werden. Wir werden also Schule neu denken müssen, um auch Menschen einfach zu motivieren, in den Schuldienst einzutreten. Der Wettbewerb tobt, und ich habe mir zum Ziel gesetzt, und das haben wir in der letzten Kultusministerkonferenz gerade beredet, dass wir viel intensiver den Austausch pflegen und nicht sozusagen uns gegenseitig die Lehrkräfte wegnehmen. Denn alle Länder haben diese Probleme. Es hilft ja nicht, an einer Stelle ein Loch zu stopfen und an einer anderen Stelle dieses Loch dann aufzureißen.

Böddeker: Andererseits belebt Konkurrenz vielleicht auch hier das Geschäft und insgesamt werden die Bedingungen besser für die Lehrer. Kann das nicht auch sein?

Holter: Natürlich ist Wettbewerb immer gut. Der Punkt ist bloß, dass immer diejenigen, die vorpreschen, dann dafür sorgen, dass die anderen nachpreschen. Dann müssen aber auch die Länder und gerade auch die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten aufhören, darauf zu zeigen, wer wieviel Geld pro Schüler beziehungsweise Schülerin im Land ausgibt. Das ist dann eine Diskussion, die nicht zielführend ist. Deswegen, die finanziellen Vergleiche sollten dann wegbleiben. Es geht darum, möglichst viele Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst zu holen.

Böddeker: Helmut Holter ist Bildungsminister von Thüringen und designierter Präsident der Kultusministerkonferenz. Mit ihm haben wir über das Problem Lehrer- und Rektorenmangel gesprochen. Vielen Dank für das Gespräch!

Holter: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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