Public Health
Was eine Zuckersteuer bringen könnte

Zu viel Zucker ist gefährlich für die Gesundheit, das ist hinlänglich bekannt – auch, dass die Deutschen zu viel Zucker konsumieren. Deshalb fordert ein breites Bündnis aus Experten, dass die Politik handelt. Macht eine Zuckersteuer Sinn oder nicht?

    Getränkeautomat mit Softdrinks von PepsiCo, Red Bull und Lavazza.
    Geht es dem hohen Zuckergehalt in Softdrinks bald an den Kragen? (picture alliance / Daniel Kalker / Daniel Kalker)
    Viele Krankheiten und Beschwerden gehen auf das Konto des Zuckers. Jedes Jahr könnten weltweit über zwei Millionen Fälle von Typ-2-Diabetes und über eine Million Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert werden, wenn Limonadenhersteller ihre Getränke mit weniger Zucker herstellen oder weniger davon verkaufen würden.
    Einige europäische Länder, darunter Großbritannien, haben eine Zuckerabgabe eingeführt. Dort sank daraufhin der Zuckergehalt in Getränken. Auch hierzulande fordern Ernährungsexperten eine Zuckersteuer. Doch drei Großkonzerne und ihre Verbände halten dagegen und sprechen von Marktverzerrung.

    Inhalt

    Zuckerkonsum in Deutschland

    Der Pro-Kopf-Verbrauch an Zucker liegt in Deutschland bei etwa 90 Gramm Zucker am Tag. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie Medizinerinnen und Experten empfehlen eine Höchstmenge von etwa 50 Gramm am Tag. Als besonders problematisch gelten zuckerhaltige Erfrischungsgetränke wie Limonaden. Diese haben eine geringe Sättigungswirkung und bei ihrem Konsum nimmt man auf einen Schlag sehr viel Zucker zu sich.
    Übermäßiger Zuckerkonsum kann zu Diabetes und Herzerkrankungen führen. Die Risiken für Adipositas, Schlaganfälle, Bluthochdruck und Fettleber steigen. Seit 1990 hat sich die Adipositas-Rate bei Frauen weltweit verdoppelt, bei Männern verdreifacht und bei Kindern und Jugendlichen ist sie sogar viermal so hoch. Damit nehmen auch Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle zu. In Deutschland ist rund jeder Zehnte an Typ-2-Diabetes erkrankt.

    Zuckersteuer: mögliche Maßnahme gegen Überkonsum

    Mittlerweile sagt ein breites Bündnis der Überzuckerung der Gesellschaft den Kampf an. Neben der Bundesärztekammer und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin fordern auch das Deutsche Kinderhilfswerk und Verbraucherschützer Maßnahmen wie eine Steuer auf gezuckerte Getränke und einen Verzicht auf kinderbezogene Werbung bei zuckergesüßten Getränken und Lebensmitteln.
    Insgesamt 46 Organisationen und Verbände hatten im Vorfeld des CDU-Parteitags in Stuttgart Ende Februar 2026 einen offenen Brief geschrieben und appellierten darin an CDU-Politiker, sich für eine Herstellerabgabe auszusprechen. Die Produzenten sollen dazu gebracht werden, den Zuckeranteil in Getränken zu reduzieren. In dem Aufruf heißt es, eine gestaffelte Abgabe, die sich nach dem Zuckergehalt richtet, würde dazu führen, dass weniger Zucker konsumiert wird.
    Die schleswig-holsteinische CDU hat auf dem Bundesparteitag der Partei im Februar 2026 einen Antrag zur Einführung einer solchen Zuckersteuer eingebracht und dazu eine Altersgrenze von 16 Jahren für den Kauf sogenannter Energy-Drinks gefordert. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Im Hinblick auf das negative Votum sagte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass sich das Thema deshalb nicht erledigt habe und man jetzt den Weg über den Bundesrat gehen werde. Für das Vorhaben gebe es auch in anderen Bundesländern Sympathien. 

    Contra Zuckersteuer

    Auf der anderen Seite stehen die Zuckerproduzenten. Der Rübenanbau ist in Deutschland ein wichtiger Wirtschaftszweig der Landwirtschaft. Es wird sogar mehr Zucker produziert als verbraucht, etwa ein Drittel der Produktion wird in andere Länder exportiert, hauptsächlich andere EU-Länder.
    Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine hohe Marktkonzentration in der Zuckerproduktion. Im Wesentlichen gibt es nur drei Unternehmen, die in Deutschland Zucker produzieren: die Nordzucker AG, die Südzucker AG und Pfeiffer & Langen. Gegen die Konzerne gab es in der Vergangenheit kartellrechtliche Verfahren wegen Preisabsprachen. Die Konzerne wehren sich nach Kräften gegen Abgaben. Auch Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie, hat sich Mitte Januar auf der Grünen Woche in Berlin klar gegen eine Zuckersteuer ausgesprochen.
    Weitere Gegner einer Zuckersteuer wie Dr. Philipp Prinz, Abteilungsleiter für Ernährungswissenschaften bei der Wirtschaftlichen Vereinigung ZUKAR, geben zu Bedenken, dass in jenen Ländern, die eine Zuckersteuer eingeführt haben, dennoch die Übergewichtsprävalenz steige. In Großbritannien werde Zucker in Getränken beispielsweise durch Süßstoffe ersetzt, trotzdem gebe es mehr und mehr Übergewicht. „Man sollte deshalb vielmehr auf Maßnahmen setzen, sowas wie die Förderung von Bewegung, die Förderung von Ernährungsbildung und auch allgemein einer ausgewogenen Ernährung, in der Zucker eben seinen Platz hat“, so Prinz.

    Pro Zuckersteuer

    In mehr als 100 Ländern weltweit gibt es bereits eine Zuckersteuer, darunter sind Mexiko, Indien, Brasilien, Finnland, Portugal, Frankreich und England. Die Befürworter einer Zuckersteuer argumentieren, dass sie der einfachste Weg sei, den Zuckerkonsum über Getränke zu verringern. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag von Foodwatch ist auch die Mehrheit der deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher für eine Abgabe auf stark gesüßte Getränke. 60 Prozent der Befragten befürworten eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer auf Cola, Limo und Co., 38 Prozent lehnen sie ab.
    Großbritannien führte 2018 eine gestaffelte Steuer auf zuckerhaltige Getränke ein. Je mehr Zucker ein Getränk enthält, desto höher ist die Steuer darauf. Die Maßnahme führte dazu, dass der Zuckergehalt in britischen Softdrinks um rund 30 Prozent gesunken ist. Seit der Ankündigung im Jahr 2016 halbierte sich der Zuckerkonsum bei Kindern nahezu, bei Erwachsenen sank er um ein Drittel.
    Ein Jahr nach Inkrafttreten der Limosteuer sank der Zuckerkonsum bei Kindern erneut um fünf Gramm pro Tag, bei Erwachsenen um elf Gramm. Außerdem zeigen zwei Studien der University of Cambridge aus den Jahren 2023 und 2024, dass die Adipositasrate bei Mädchen unter sechs Jahren seit Einführung der Zuckersteuer in Großbritannien um rund acht Prozent gesunken ist.
    Experten wie der Ernährungsmediziner Prof. Dr. Hans Hauner von der TU München sind sich einig, dass sich das Adipositas-Problem alleine mit einer Zuckersteuer nicht lösen lässt. Aber es sei ein „wichtiger Baustein, der natürlich ergänzt werden sollte.“ Als Beispiele führt Hauner ein Verbot zuckergesüßter Getränke an Schulen oder eingeschränkte Werbung an, wie sie in vielen Ländern bereits Usus ist. In Chile gibt es auf Limonadenflaschen sogar Warnhinweise vor den Folgen übermäßigen Zuckerkonsums, ähnlich wie auf Zigarettenschachteln.

    Online-Text: Philipp Jedicke