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StartseiteForschung aktuellFarmen ohne Farmer06.03.2019

Zukunft der LandwirtschaftFarmen ohne Farmer

Durch den Einsatz von Satelliten, Drohnen oder Robotern könne der Mensch auf dem Feld völlig ersetzt werden, sagte Senthold Asseng von der University of Florida im Dlf. Computer könnten viele Sachen viel besser machen als der Bauer - in fünf Jahren rechnet er mit den ersten automatisierten Höfen.

Senthold Asseng im Gespräch mit Ralf Krauter

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Ein Agraringenieur steuert seine Drohne, mit deren Hilfe er seine Felder begutachtet. April 2015 in Finkenthal, Landkreis Rostock. (imago/Bild FunkMV)
Drohne in der Landwirtschaft: Der Einsatz neuer Technologien könnte den Mensch auf dem Feld überflüssig machen. (imago/Bild FunkMV)
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Ralf Krauter: Wie würde Sie aussehen, die Farm der Zukunft, wenn Ihre Vision Wirklichkeit würde?

Senthold Asseng: Was wir gemacht haben, ist, wir haben uns die Trends angeguckt in der Landwirtschaft und in der Technologie und haben diese dann zusammengeführt. Und dabei kam heraus, dass es in der Zukunft in der Landwirtschaft wahrscheinlich keine Farmer mehr geben wird. Einmal gibt es einen Trend dahingehend, dass man immer weniger Farmer hat, die Nahrungsmittel produzieren, die immer größere Maschinen bauen, immer mehr Technik einsetzen. Jetzt ist aber die Möglichkeit, den Mensch völlig zu ersetzen, indem man die Datenaufnahme durch Satelliten, Drohnen, Roboter und neue Technologien, mit denen man mit kleinen Sensoren, die sehr billig sind, sehr viele Sachen messen kann, im Feld, im Bestand, die zusätzlich noch andere Informationen geben. Diese ganzen Informationen können zusammengeführt werden in einem Computer, wo diese Daten verarbeitet werden, mit anderen Informationen, Marktdaten, Wettervorhersagen, mit kurzfristigen und langfristigen, die über die ganze Saison gehen könnten. Zusätzlich können Daten von diesem Computer dann ins Netz gestellt werden, und das wird eine Beratung für einen Krankheitsbefall zum Beispiel beheben. Das kann alles automatisiert werden. Diese Informationen werden dann verarbeitet, mit Pflanzenwachstumsmodellierung zusammengebracht, um Vorhersagen zu machen. Und dann werden Aufgaben zurück an die Drohnen und an die Roboter gegeben, um Feldarbeiten durchzuführen, wie zum Beispiel, wann ausgesät werden sollte oder wann ein Krankheitsbefall bekämpft werden sollte oder wann ein Teil des Feldes Dünger braucht, um besser zu wachsen. Und das wird dann automatisch, ohne dass der Mensch da mit eingreift, durch die Drohnen und durch Roboter ausgeführt.

Krauter: Das heißt, der Bauer, der in, sagen wir mal, Gummistiefeln ab und an mal auf seinem Feld vorbeischaut, wie da so die Wachstumssituation gerade ist, den braucht es künftig gar nicht mehr, sondern der Bauer sitzt irgendwo an einem Computer und kann alles fernsteuern.

Asseng: Genauso ist das. Was der Bauer jetzt macht, können diese Computer und diese ganzen Sensoren, die man heutzutage hat, viel besser machen. Wenn man aufs Feld geht, sieht man erst, wenn es meistens zu spät ist, wenn nicht genug Dünger ausgebracht wurde. Mit diesen Sensoren kann man das zeitiger erfassen, verarbeiten und dann sofort als eine Aufgabe zurückgeben an die Drohnen und an die Roboter, um an einer bestimmten Stelle Dünger auszugeben oder an einer bestimmten Stelle im Feld einen Pflanzenschutz durchzuführen. Und all diese Techniken, die ich gerade beschrieben habe, die sind nicht neu, die gibt es jetzt schon eine ganze Weile. Satellitenfernerkundung gibt es schon seit Jahren, Drohnen werden zum Teil schon eingesetzt in der Landwirtschaft, um Krankheitsbefälle festzustellen. An verschiedenen Universitäten wird daran gearbeitet, wie Roboter eingesetzt werden, um Ernte durchzuführen.

Krauter: Welche Vorteile bringt es, wenn ein Bauer anstelle von Erntehelfern künftig ausschließlich Maschinen einsetzt und das Pflügen, Säen, Düngen und Spritzen autonom fahrenden Traktoren und fliegenden Drohnen überlässt?

"Die größten Kosten im Moment sind die Arbeitskosten"

Asseng: Die größten Kosten im Moment der Landwirtschaft sind die Arbeitskosten. Das heißt, wenn die Arbeitskraft wegfällt, dann hat man natürlich eine große Einsparung. Das heißt: Weniger Kosten, die Produktion kann erhöht werden, weil man die Pflanzen auf jedem Quadratmeter optimieren kann, das ist ein weiterer Vorteil. Hinzu kommt, dass man die Nachhaltigkeit verbessern kann, indem man nur noch Dünger und Pflanzenschutzmittel ausführt, wo sie wirklich gebraucht werden, was dann dazu führen wird, dass weniger Auswaschung von Stickstoff stattfinden wird, dass weniger Verluste von Pestiziden im Grundwasser zum Beispiel auch enden. Das heißt, diese neue Technologie wird auch Vorteile in sehr vielen Bereichen bringen – und daher nehme ich an, dass wenn das einmal losgeht, dass das doch sehr schnell passieren wird, und in den nächsten fünf Jahren werden wir vielleicht die ersten landwirtschaftlichen Höfe sehen, die einen Großteil dieser Technologien schon zusammengeführt haben.

Krauter: Aber was passiert denn jetzt, wenn zum Beispiel eine bestimmte Drohne, die dann gerade gebraucht würde, nicht abheben kann, weil sie defekt ist. Dann könnte die ganze Ernte von einem Schädling verzehrt werden, bevor irgendjemand rechtzeitig zur Stelle ist, um die zu reparieren.

Asseng: Das könnte eine Möglichkeit sein. Was ich mir aber vorstellen könnte, ist, dass es dann auf so einem Hof nicht nur noch eine Drohne gibt, da gibt es vielleicht viele Drohnen, die zusammen dann rausfliegen, die zusammen Arbeiten durchführen, die zusammen Informationen aufnehmen, nicht nur zweidimensionale, vielleicht auch dreidimensionale Bilder vom Bestand aufnehmen, um neue Informationen dadurch zu bekommen. Das Problem, dass mal eine oder zwei von denen ausfallen, denke ich, langfristig wird das kein Problem sein, weil mit dieser Entwicklung dieser Technologien die Kosten wahrscheinlich auch so weit sinken werden, dass man da viele von diesen Techniken zur gleichen Zeit einsetzen könnte.

Krauter: Ihre Vision von der Farm ohne Farmer, also von der umfassenden Digitalisierung und Technisierung, das klingt nach einer schönen neuen Welt der Landwirtschaft, die aber natürlich auch kritische Fragen aufwirft. Aktuell ist es ja so, dass die Landwirtschaft weltweit vermutlich der größte Arbeitgeber für Menschen mit geringem Bildungsniveau und ohne Berufsausbildung ist. Was sollen die denn dann alle künftig machen, wenn Hightech-Geräte komplett ihre Arbeit übernehmen?

"Neue ausgebildete Kräfte werden nötig"

Asseng: Das ist ein Problem, das ist aber ein Problem, was wir auch in anderen Industriezweigen haben, wo neue Technologien Arbeitskräfte ersetzen. Das heißt nicht, dass wir völlig ohne Arbeitskräfte auskommen würden. Die Ausbildung, die man dafür braucht, diese neuen Technologien einzuführen und zu unterhalten, führt natürlich dazu, dass wahrscheinlich mehr Softwareentwickler gebraucht werden, dass es Leute geben muss, die diese Roboter und diese Drohnen, wenn sie mal kaputtgehen, reparieren können. Es werden Leute gebraucht, wahrscheinlich auch mehr Wissenschaftler, die diese Technologien vorantreiben und das weiterentwickeln, die Daten, die neu reinkommen werden, verarbeiten, mit neuen Algorithmen, mit neuen Technologien. Ich glaube schon, dass es eine Umwälzung geben wird. Daher nennen wir das in unserem Paper auch so, es wird eine Revolution geben in der Landwirtschaft, wo wir die Landwirtschaft nicht mehr so durchführen, wie wir sie gerade durchführen. Es wird Herausforderungen geben für den Landwirt: Am Anfang wird das Wissen vom Landwirt sehr wichtig sein, aber letztendlich doch ersetzt werden von Computer und von Computerprogrammen. Und neue ausgebildete Kräfte werden nötig sein, um diese neuen Systeme zu unterhalten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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