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StartseiteKultur heuteMelancholische Lieder in fünf Sprachen01.10.2018

Zum Tod des Chansonniers Charles AznavourMelancholische Lieder in fünf Sprachen

Er war der letzte große Dinosaurier des französischen Chansons. Dazu einer, der selber schrieb, komponierte und interpretierte: Charles Aznavour ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Der gebürtige Armenier hinterlässt ein Mammutwerk: über 1.000 Chansons und 100 Millionen verkaufte Schallplatten.

Von Rebecca Partouche

Der Chansonnier Charles Aznavour ist im Alter von 94 Jahren gestorben (Michal Kamaryt/CTK/dpa)
Charles Aznavour ist tot (Michal Kamaryt/CTK/dpa)
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Seine Chansons hat Charles Aznavour zum Teil in fünf verschiedenen Sprachen aufgenommen. Ein erstaunlicher Erfolg für jemanden, dessen Lieder so oft von Misserfolgen handeln. Angefangen hat Aznavour mit 14 als begabtestes Kind einer Künstlerfamilie. Aber wirklich angefangen hat er ganz unkünstlerisch - als Chauffeur und Sekretär von Edith Piaf. Über die Piaf bekam er die Chance, seine Chansons an die großen Sängerinnen der Zeit zu verkaufen. Zum Beispiel Juliette Gréco.

Ein Texter, der unsichtbar bleiben musste. Denn als Liebhaber fand ihn die Piaf zu klein und für die Bühne zu hässlich. Mit seiner krummen Nase, seiner rauchigen Stimme und seinem glanzlosen Auftritt hatte Aznavour keine Chance. Tatsächlich war die Presse der damaligen Zeit erbarmungslos:

"Wie kann dieser Gnom mit seinem Äußeren, seiner Nase, seiner Körpergröße, seiner Stimme sich anmaßen, über die Liebe zu singen?"

Erst nachdem die Piaf ihm eine Schönheitsoperation bezahlte, stellten sich erste Erfolge ein - zunächst als Schauspieler. Für die ungewöhnlich raue Stimme war die Zeit jedoch noch nicht gekommen.

"Ein schönes Chanson tut Kritikern weh"

"Man dachte, da ich kein guter Sänger war, musste ich ein Schauspieler sein. Als Schauspieler wurde ich auch geduldet. Aber auch nur als Schauspieler. Im Nachhinein denke ich, eigentlich hat man mir geholfen, als man über mich schrieb, dass ich schlecht war im Chanson. Nicht dass ich etwas daraus gezogen hätte, das nicht. Aber dadurch wurde ich noch verbissener. Ich dachte, die beste Art sich an einem Kritiker zu rächen, ist nicht schlecht über ihn zu reden oder ihn zu schlagen, sondern einfach das weiter machen, was ich bisher mache - aber besser. Ein schönes Chanson tut dem Kritiker sehr weh."

Unter der Regie von Francois Truffaut und Claude Chabrol arbeitete sich Aznavour vom Komparsen zum Hauptdarsteller hoch. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören "Schießen Sie auf den Pianisten" und "Die Phantome des Hutmachers". Mit der Schauspielkarriere kam auch seine Karriere als Chansonnier in Gang.

Jeden kleinsten Auftritt gestaltete er von nun an wie eine Filmszene, in der er für sich den Part des bescheidenen Erzählers wählte. Einer, der eher die Anderen beobachtete als sich selbst zu in den Vordergrund zu spielen. Kleine melancholische Geschichten wie zum Beispiel das weltberühmte "Tu te laisses aller" – auf Deutsch "Du lässt dich gehen". Die Geschichte eines Mannes, der die Marotten seiner alternden Frau mit liebevoller Zärtlichkeit beobachtet.

Wurzeln in Armenien

Seine Melancholie führte der Franzose mit den armenischen Wurzeln auf die Sehnsucht aller Einwanderer zurück.

"Das armenische Volk ist sehr nostalgisch. Ich bin zwar in Frankreich geboren und meine Eltern sind nicht direkt aus Armenien gekommen. Die Armenier, die in der Diaspora leben – sei es in Frankreich, Deutschland oder Italien, sind nicht direkt aus Armenien gekommen. Sie haben den Völkermord, der zwischen 1915 und 1922/23 stattfand, überlebt. Aber Armenien ist für die Armenier das, was Israel für die Juden ist: der Ort, an dem man seine Wurzeln hat."

Sanft aber beharrlich forderte Aznavour die Türkei dazu auf, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Die im Alter wachsende Bindung an die Erde seiner Vorfahren ist das Einzige, was man über den privaten Aznavour weiß. Und was von ihm zurückbleibt? Vielleicht die Melancholie, die jedes Chanson durchzieht.

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