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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLicht- und Schattenseiten der Liebe13.12.2018

Zwischen Ideal und ÜberforderungLicht- und Schattenseiten der Liebe

Seit wann wird eigentlich aus Liebe geheiratet – und macht das überhaupt Sinn? Ist Monogamie wider die Natur? Sollte die Scheidung genauso zelebriert werden wie die Hochzeit? Diese und andere Fragen beschäftigten Wissenschaftler auf einem Symposium in Bochum.

Von Peter Leusch

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Ein Paar hält Händchen. Ein Männer- und ein Frauenarm halten sich an den Händen fest (imago / Westend61)
Wie steht es heute eigentlich um Liebe und Partnerschaft? Auch Wissenschaftler suchen Antworten (imago / Westend61)
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Andreas Bourani singt von einer Liebe, die zu Ende geht. Eine Liebe, die einmal  groß begonnen hatte, voller Romantik, als beide eins waren, als die Herzen im gleichen Takt schlugen. Doch nun haben beide sich auseinandergelebt, sind auf anderen Wegen. Vielleicht schauen sie sich bald schon nach einem neuen Partner um. Und das geschieht heute zunehmend auf den neuen, digitalen Beziehungsmärkten. 

Digitale Beziehungsmärkte

"Tatsächlich ist es zahlenmäßig ein ganz hoher Anteil: In den USA schätzt man, 60 Prozent aller Paarbindungen finden über Parship und andere Plattformen statt", erläutert Professor Harald Traue,  Psychologe an der Universität Ulm.

"Diese Begegnungen sind ganz unterschiedlicher Qualität. Man kann jetzt nicht so einfach ein negatives Urteil fällen. Das ist Unsinn. Es geht von dem Bedürfnis, eine langfristige Bindung einzugehen bis hin zu: 'Hast du heute Abend Zeit? Wir gehen essen und dann vielleicht noch vögeln.' Alles kommt vor, alles ist machbar. Und in den Metropolen, das gilt für Europa genauso, ist es natürlich auch sehr beliebt." 

In den Metropolen sind aber auch die Trennungsraten  besonders hoch, im Gegensatz zu eher ländlichen Regionen. Insgesamt, so Harald Traue, werden weltweit etwa 40 Prozent aller Ehen geschieden. Und doch erfreut sich die Ehe, das Konzept, ein ganzes Leben lang mit einem Partner in Liebe zusammen zu sein, Kinder groß zu ziehen, - Traue nennt es das Standard-Narrativ – großer Beliebtheit.

"Das Narrativ ändert sich nicht fundamental. Das kann man zum Beispiel daran erkennen,  dass eine liberale Auffassung zur Sexualität beispielsweise sehr stark von Homosexuellen ausging -  noch vor 30 Jahren. Die haben so etwas wie Ehe total abgelehnt, als konservativ, als rückständig. Und jetzt 30 Jahre später, wo die verschiedenen Gendertypen und Beziehungsformen akzeptiert sind, drängen alle in die Ehe, also "Ehe für alle" gilt sozusagen als Avantgarde, das ist eine ganz interessante Wendung."

Das ewige Glück im Paar – auf Zeit

Man lebt in Paaren, man hat vielleicht auch Kinder, eine Familie, das gilt für viele weiterhin – aber die Vorstellung, dass dies auf Lebenszeit funktioniert, erweist sich mehr und mehr als nur noch frommer Wunsch.

"Die Realität ist überhaupt nicht so, in den USA haben wir Zustände von stark konsekutiven Beziehungen. Die Menschen leben immer noch weitgehend in Paaren, aber sie wechseln ihre Beziehungen sehr häufig, sodass manchmal Kinder über mehrere nachfolgende männliche Personen in Väterbeziehungen da sind, das ist in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt, aber  wir haben das hier auch, das heißt, das Paar als solches ist nicht etwa verschwunden aus dem Standard-Narrativ, sondern es wird auf  andere Weise immer wieder neu verstärkt."

Der Wunsch nach einer schönen, befriedigenden Liebesbeziehung, die Vorstellung, dass dies dem monogamen Paar gelingt, erhebt sich nach jeder Trennung stets aufs Neue wie Phönix aus der Asche. Der Wunsch scheint unsterblich, bricht sich aber immer wieder an der Realität. - Woran scheitern die Beziehungen eigentlich? Natürlich gibt es viele verschiedene Gründe,  aber es gibt eine gemeinsame Signatur, erklärt Prof. Stephan Herpertz, Psychotherapeut am Universitätsklinikum Bochum.

Diagnose: Überforderung

"Man hat den Anspruch nach einer tiefen Zuneigung, Liebe, befriedigenden Sexualität und andererseits auch große Ansprüche an seinen zum Beispiel beruflichen Werdegang und vielleicht drittens einen hohen Anspruch auch an eine liebevolle Erziehung der Kinder. Und das verteilt auf Frau, Mutter, Mann, Vater - dann ist häufig schon bei dem einen oder anderen Paar das Problem der Überforderung da. Und es gilt ja, nicht daran zu scheitern, sondern es gilt das zu bewältigen, aber es ist schon eine große Aufgabe."

Stephan Herpertz  diagnostiziert  Überforderung als Kernproblem vieler Beziehungen, ihre Konflikte rühren aus hohen, oft überhöhten Ansprüchen an sich und den Partner. Diese Ansprüche, perfekter Ehegatte, Liebespartner, Vater oder Mutter, und auch erfolgreich im Beruf zu sein, diese Ansprüche sitzen tief.  Aber es  sind keine individuellen Vorstellungen, sondern lebendiges Erbe einer kulturellen  Erfindung vor gut 200 Jahren: 1799, in der  deutschen Romantik,  wurde die Idee der Liebesehe geboren - in dem Roman Lucinde, erläutert Dr. Elke Reinhardt-Becker, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Duisburg-Essen.

Das Modell Liebesehe wird geboren

"Julius und Lucinde sind eigentlich die ersten  in der deutschen Literatur,  die versuchen Liebe, Ehe, Freundschaft und Sexualität miteinander zu verbinden. Das ist  1799, als der Roman erscheint, etwas völlig Neues und Revolutionäres, das ist ein Skandalroman, der Roman ist autobiografisch: Friedrich Schlegel war mit einer älteren Frau, Dorothea Schlegel liiert, die lebten erst einmal in freier Ehe, haben dann später auch geheiratet. Der Roman war so skandalös, dass sie teilweise in bestimmte Fürstentümer gar nicht mehr einreisen durften."

Die Hauptfiguren, Julius und Lucinde, gehen ineinander auf, geistig, psychisch, sexuell. Und erst in dieser totalen Symbiose findet jeder auch sich selbst. Julius überwindet seine Krise als Künstler im Zusammensein und in der ebenbürtigen Zusammenarbeit mit Lucinde.

"Sie ist eben auch Künstlerin. Er sucht keine Hausfrau, keine Mutter für seine Kinder,  sondern es muss wirklich eine Partnerin auf Augenhöhe sein. Und in der Forschungsliteratur wurde auch die Lucinde als ein erstes feministisches Manifest gelesen. Weil es eben wirklich diese Ehe auf Augenhöhe war."

Bürgerliches Verständnis von Liebe

Dieses Liebesideal, das unsere Gegenwart immer noch massen- und medienwirksam beherrscht, war jedoch um 1800 etwas unerhört Neues, es entsprang einem bürgerlichen Verständnis von Liebe, das sich gegen die gesamte Tradition, vor allem gegen den Adel durchsetzte. Der Adel unterschied vergängliche Romanzen, in denen man Leidenschaften auslebt, erotisches Abenteuer und frivoles Vergnügen findet, sehr genau von der Institution der Ehe, wo es um Erbfolge, Hausstand und Gütergemeinschaft geht.

"Kein Mensch wäre vor Schlegel auf diese wahnwitzige Idee gekommen Liebe, Ehe und Sexualität miteinander zu verbinden", weiß Dr. Elke Reinhardt-Becker. Das Konzept der Liebesehe hat jedoch eine Kehrseite, birgt  einen inneren Widerspruch, mit dem seine Anhänger zu kämpfen haben.

Leidenschaft auf Dauer – oder die Quadratur des Kreises

"Zunächst das Problem der Aufdauerstellung von Leidenschaft. Jahrhunderte, Jahrtausende vorher, hat das keine Kultur gewagt oder auch versucht umzusetzen. Weil man im Grunde wusste, diese leidenschaftliche Liebe, diese affektive Liebe hat meistens ein kurzes Verfallsdatum. Das jetzt auf Dauer stellen zu wollen, das gibt ja auch heute viele Probleme  in Paartherapien. Also das ist ein großes Problem, für die Menschen heutzutage, diese Leidenschaft aufrecht zu erhalten. aber es ist eben ein Problem das kulturell  gemacht ist,  der Mensch begehrt auf Dauer eine Person nicht natürlich. Das ist im Grunde eine unnatürliche kulturelle Setzung."

Ist die Monogamie wider die Natur?

Geht die Monogamie an der Natur des Menschen vorbei?  Das ist eine alte Frage. Eine andere Frage ist aber auch, welchen Stellenwert Sexualität in einer Liebesbeziehung einnimmt. Und das ist, meint Elke Reinhard-Becker, durchaus unterschiedlich. Manches Paar wäre im leibfeindlichen 19. Jahrhundert besser zurechtgekommen als in der sexbetonten Gegenwart. Denn heute wird abnehmende Lust oder Lustlosigkeit schnell zum Problem eines Paares. Harald Traue sagt dazu:

"Das kann man wahrscheinlich auch biologisch erklären, nämlich damit, dass Menschen aufgrund ihrer evolutionären Ausstattung eher gemacht sind für kurzfristigere Beziehungen,  eigentlich ist so die Drei- bis Vierjahresbeziehung evolutionstheoretisch ideal,  genauso lange wie der reproduzierte Nachwuchs, das Kind, von den Eltern abhängig ist, es wird dann gruppenfähig und dann können sich die Paare sozusagen neu orientieren zu anderen."

Rückschlüsse auf ein Verhalten des Menschen vor aller Kultur, sind aber problematisch, weil  alles, auch Gefühle, selbst Sexualität kulturell durchformt sind.  Haben die steigende Scheidungsrate, die Trennungen und Wiederverheiratungen nur einen evolutionsbiologischen Grund?  – Die Psychologen und Psychotherapeuten haben  ein anderes Problem ausgemacht. Etliche ihrer Klienten haben ein Bindungsproblem, das nicht selten mit negativen Kindheitserfahrungen zusammenhängt.

Wer sich nicht binden kann

"Probleme in Bindungsverhalten entstehen dadurch, dass ich mir einer wichtigen Bezugsperson nicht gewiss sein kann. Kleines Beispiel: das Kind im Kinderzimmer schreit manchmal nach der Mama und die Mama in der Küche oder auch der Vater ruft zurück: Hier bin ich. Stellen Sie sich vor dieser Rückruf bleibt aus. Das Kind krabbelt in die Küche - Aber da ist keiner in der Küche, was ist denn dann? Oder die Wohnung ist vielleicht über viele Stunden leer und da ist keiner."

Stephan Herpertz verweist auf  Eltern, die vielleicht selbst überfordert sind von ihren Verpflichtungen: Job, Erziehung, Haushalt, Ehe, die ausbrechen und das Kind vernachlässigen, damit aber eigene Verantwortungsprobleme an die nächste Generation weitergeben.

"Diese Gewissheit, da ist einer, ich bin sozusagen universal geborgenen, ist etwas ganz Wichtiges für das spätere Beziehungsverhalten. Denn der Nächste nach den Eltern, der nächste wichtige Mensch ist tatsächlich der Partner oder die Partnerin. Und wenn man dieses Rüstzeug aus der Kindheit oder aus der Adoleszenz nicht mitbringt, hat man wahrscheinlich große Probleme in der nächsten Beziehung, nämlich zu einem Partner oder einer Partnerin."

Ehestatistik:  Die Chancen und Risikofaktoren

Welche Chancen haben Beziehungen heute, angesichts von hochfliegenden romantischen Idealen auf der einen Seite, den harten Ansprüchen und Mehrfachbelastungen der Realität auf der anderen Seite? Und als dritte Hürde kommt noch die neue Freiheit hinzu, die eigene Männer- beziehungsweise Frauenrolle selbst zu interpretieren. Nicht wenige fühlen sich davon verunsichert.

Wenn es um Risiken und Chancen einer Ehe geht, so warten die Soziologen mit nüchternen Fakten und Zahlen auf: "Frühehen sind relativ instabil, die Studien in Deutschland, aber auch in anderen Ländern zeigen, dass mit zunehmendem Heiratsalter die Stabilität zunimmt." Professor Michael Wagner, der Soziologie an der Universität Köln lehrt, hat Scheidungs- und Trennungsrisiken empirisch untersucht. Wagner hat dabei aber auch Faktoren herausgefiltert, die die Stabilität von Ehen und Beziehungen positiv beeinflussen. Er fasst sie im Begriff der Investitionen zusammen.

Investitionen in die Liebe

"Investitionen sind Leistungen, die man in die Partnerschaft investiert, und die bei einer Trennung an Wert verlieren würden, beispielsweise kann man Geld in die Partnerschaft investieren und gemeinsames Vermögen schaffen, Hauseigentum etwa. Gemeinsame Kinder zählen zu den Investitionen, aber auch Zeit, die man einem Partner in eine Partnerschaft investiert. Zeit ist wichtig, Und es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass diese Art von - früher hat man gesagt - Beziehungsarbeit wichtig ist, um eine Partnerschaft oder auch Ehe am Laufen zu halten."

Wagner entkräftet aber auch die landläufige Annahme, dass  finanzielle Unabhängigkeit und Bildungsgrad  Scheidungen begünstigen. "Die Schichtzugehörigkeit beispielsweise oder auch das Bildungsniveau und auch das Einkommen haben keine markanten Einflüsse auf die Stabilität von Ehen."

In psychologischen Studien hat sich ein anderer sensibler Punkt herauskristallisiert, wo über Wohl und Weh einer Beziehung  entschieden wird: das Kommunikationsverhalten. Streit und Konflikte sind unvermeidlich in einer Beziehung - vielen Paaren gelingt es aber nicht, ihre Auseinandersetzungen einzuhegen. Professor Kurt Hahlweg,  Psychologe und Paartherapeut der TU Braunschweig sagt:

"Große Schwierigkeiten haben diese Paare, was wir negative Eskalation nennen. Das bedeutet: ein Partner fängt an und kritisiert den anderen Partner. Er sagt zum Beispiel: Du hast wieder das Badezimmer nicht sauber gemacht. Und Paare, die sehr zerstritten sind, da reagiert dann der andere Partner mit einer Gegenkritik: Und du hast nicht das Kind vom Kindergarten abgeholt. Und so eskalieren die Interaktionen dieses Paares."

Paare lernen, wie man streiten soll

Hahlweg begleitet wissenschaftlich das Paartrainingsprogramm "Ein partnerschaftliches Lernprogramm" (ELP), das von vielen Kirchen angeboten wird. Dort übt man, statt im Konflikt sofort verbal zurückzuschlagen, die Eskalationsspirale zu unterbrechen. Dafür gibt es handfeste Regeln.

"Eine der wesentlichen Regeln ist, wenn ein Partner beginnt über den Konflikt zu sprechen,  dass der andere Partner erst einmal zusammenfassen soll, was der Sprecher gesagt hat, bevor er selbst dazu Stellung nimmt. Das ist unseres Erachtens ein entscheidender Punkt. Um aus diesem Tick-tack-Situationen herauszukommen: ich kritisiere, der andere kritisiert, wenn ich erst einmal zusammenfassen muss, dann entzerre ich das Gespräch."

Dass Paare sich konstruktiv auseinandersetzen, auch darüber wie sie ihre Beziehung verstehen und leben wollen, führt kein Weg vorbei, wenn sie eine dauerhafte Partnerschaft wollen.

Wenn es aber nicht weitergeht in einer Beziehung, - dann ist es wichtig, einen friedlichen Ausstieg zu finden, den Rosenkrieg zu beenden, vor allem wenn Kinder betroffen sind, für die man weiterhin verantwortlich ist. Dabei könnte die Gesellschaft helfen. Der Soziologe Michael Wagner überrascht mit dem  Vorschlag, ein Scheidungsritual einzuführen.

Hochzeit, aber umgekehrt -  Brauchen wir auch ein Scheidungsritual?

"Ich denke zum Beispiel an einen Gottesdienst für die Getrennten. Ich denke auch daran, dass man eine Feier veranstaltet, auf der Verwandte und Freunde zusammenkommen, und man auf diese Art und Weise die Ex-Partner unterstützt, mit ihnen spricht, vielleicht auch den Zusammenhalt stärkt, vielleicht auch den Ex-Partnern Mut macht. Ein ganz ähnliches Ritual, wie es eben auch bei der Heirat stattfindet, es muss nicht eine freudige Party sein, es muss auch nicht so traurig sein wie eine Beerdigung."


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