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StartseiteEuropa heute"Einen Job zu bekommen ist praktisch unmöglich"25.03.2015

Zypern"Einen Job zu bekommen ist praktisch unmöglich"

Die Regierung Zyperns versucht Optimismus zu verbreiten. Zwei Jahre nach dem Bankencrash verweist sie darauf, dass die Arbeitslosigkeit nicht weiter steige. Doch viele Zyprer haben ihre Lebensgrundlage verloren. Bei vielen jungen Menschen sitzt die Frustration besonders tief.

Von Thomas Bormann

Zwei Demonstranten, im Hintergrund ein Plakat mit der Aufschrift: "No more austerity, we demand jobs and growth" (dpa/picture alliance/Katia Christodoulou)
"Wir fordern Jobs und Wachstum" - in Nikosia gingen Tausende Demonstranten gegen die Sparpolitik auf die Straße. (dpa/picture alliance/Katia Christodoulou)
Weiterführende Information

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Kristiana Koktsidou aus Nikosia ist eine lebenslustige junge Frau. Aber die Krise nagt an ihren Nerven. Sie hat schon Dutzende Bewerbungen verschickt, sie findet aber keine Arbeit:

"Ich hatte gerade mal zwei oder drei Bewerbungsgespräche innerhalb von sechs Monaten", sagt sie - und das, obwohl sie einen guten Uni-Abschluss hat:

"Ich hab politische Wissenschaften studiert; hab dann zwei Jahre in Brüssel bei der EU gearbeitet, aber jetzt bin ich wieder hier und finde einfach nichts. Nicht mal einen Job als Sekretärin, obwohl ich Erfahrung hab in der Verwaltung und der Büroarbeit. Aber es ist praktisch unmöglich."

Kristiana würde gern in eine eigene Wohnung ziehen, sich ihr eigenes Leben aufbauen, aber dafür reicht das Geld einfach nicht. Sie wohnt bei ihren Eltern, ihre Familie unterstützt sie.

"Es ist wirklich frustrierend, im meinem Alter, mit 27, das ist untragbar", meint sie.

Kristiana marschiert mit bei der kleinen Demo gegen die Sparpolitik auf Zypern. Denn, so meint sie, diese Politik stürze das Land immer tiefer in die Krise, und nehme immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage weg. Kristiana hat in ihrem Studium die EU-Verträge genau untersucht. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass die EU auf Zypern gegen die eigenen Verträge verstoßen hat, und zwar mehrfach:

"Im Vertrag von Lissabon steht doch ganz klar, dass die Europäische Union vor allem dafür da ist, die Bürger zu unterstützen und zu schützen. Im Vertrag steht auch: Die Europäische Union garantiert für das Geld, das die Bürger auf der Bank haben. Trotzdem haben sie das Geld von den Konten der Bürger genommen, das war absolut gegen alle Verträge, das darf man nicht hinnehmen."

Proteste halten sich in Grenzen

Aber, auch wenn vielen Zyprern vor zwei Jahren ein Teil ihres Bankvermögens einfach so eingezogen wurde, und auch wenn die Arbeitslosigkeit von drei auf 17 Prozent hochgeschnellt sind, die Proteste gegen die Sparpolitik halten sich auf der Urlaubsinsel in Grenzen.

Die Regierung sagt, bald gehe es wieder aufwärts. Immerhin, die Arbeitslosigkeit steigt nicht mehr. Aber das liegt vor allem daran, dass Tausende Arbeitssuchende Zyprer ihre Insel verlassen, vor allem die jungen, gut Ausgebildeten. 45.000 Zyprer sind in den vergangenen zwei Jahren ausgewandert. Das sind fünf Prozent der Bevölkerung. Wenn man das auf Deutschland hochrechnet, würde das bedeuten, dass vier Millionen Deutsche innerhalb von zwei Jahren ihre Heimat verlassen. Nun, Zypern ist derzeit Auswanderungsland.

Kristiana hat ja auch schon mal zwei Jahre in Belgien gelebt und gearbeitet:

"Ich finde das eigentlich gar nicht negativ. Es ist eine gute Erfahrung. Aber wenn Du das machst, weil Du dazu gezwungen wirst, ist das natürlich etwas anderes."

Kristiana will es noch eine Weile versuchen, in ihrer Heimat auf Zypern eine Arbeit zu finden, aber nach so vielen Absagen bekommt sie richtig Lust, noch mal irgendwohin nach Europa zu gehen, sie habe damit kein Problem.

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