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StartseiteInterview"Es gibt in Ostdeutschland immer noch No-Go-Areas"23.08.2017

25 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen"Es gibt in Ostdeutschland immer noch No-Go-Areas"

Vor 25 Jahren kam es zu den rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen. Auch heute sei Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland noch ein großes Problem, sagte die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, im Dlf. Sie fürchtet nach dem möglichen Einzug der AfD in den Bundestag eine Verschlechterung des politischen Klimas.

Anetta Kahane im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Anetta Kahane (dpa/picture-alliance/ Kay Nietfeld)
Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung bei einer Pressekonferenz in Berlin (dpa/picture-alliance/ Kay Nietfeld)
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Sie habe die Ausschreitungen damals mit "blankem Entsetzen" verfolgt, so Kahane. Der Rechtsstaat sei zurückgewichen, habe die Engagierten ausgeliefert und in Kauf genommen, dass dabei Menschen ums Leben kommen könnten. Zudem habe der Staat die Situation für die Asylrechtsänderung ausgenutzt. 

Rassismus ist laut Kahane auch in der ehemaligen DDR ein Problem gewesen - das sich bis heute fortsetze. Zwar sei die Stimmung nicht mehr ganz so massiv wie 1992, was auch der Stärkung der Zivilgesellschaft zu verdanken sei. Aber es gebe immer noch Gewalt gegen Ausländer und Angriffe auf etwa Flüchtlingsunterkünfte. So habe es im vergangenen Jahr - in ganz Deutschland - über 3.700 Vorfälle gegeben. 

Zudem gebe es auch immer noch Gegenden in Ostdeutschland, die von Ausländern gemieden würden. Nur wolle niemand darüber sprechen. "Die Abwehr dieser Erkenntnis ist Teil des Problems", so Kahane.


Dirk-Oliver Heckmann: Tagelang war das Asylbewerberheim von hunderten Randalierern belagert worden. Die Bewohner wurden bedroht und beschimpft. Die Polizei, die zeigte sich unfähig, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, und das galt auch, als sich die Wut des Mobs gegen die Vietnamesen richtete, die in dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen lebten. Betonplatten wurden geworfen, Molotowcocktails ebenso. Die Bewohner, sie kamen nur knapp mit dem Leben davon. Es waren die bis dahin schwersten Ausschreitungen gegen Ausländer in dem wiedervereinigten Deutschland. Vor 25 Jahren spielten sich diese Szenen ab und wir können darüber sprechen mit Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio-Stiftung. Ziel dieser Stiftung ist es, die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet. Guten Morgen, Frau Kahane.

Anetta Kahane: Guten Morgen.

Heckmann: Welche Bilder, welche Erinnerungen kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie an Rostock-Lichtenhagen denken?

Kahane: Oh, da gibt es eine ganze Reihe von Dingen. Wir waren ja hautnah dabei. Ich hatte damals ständig telefoniert mit meinem Kollegen, der dann später auch in dem Sonnenblumenhaus eingeschlossen war - der Herr Richter. Und es gab eine ganze Reihe von Ausländerbeauftragten und Leuten, die sich engagiert haben, die in meinem Büro saßen und atemlos verfolgten, was dort in Rostock passiert ist. Wir waren ja nicht vor Ort, aber so gut es ging dabei, und das waren wirklich schlimme, schlimme Stunden und Tage.

"Der Rechtsstaat weicht zurück"

Heckmann: Was waren da die eindrücklichsten Erlebnisse und Eindrücke?

Kahane: Na ja, es war für uns natürlich das blanke Entsetzen darüber, dass der Staat die Situation dort erstens benutzt hat, um diese Änderung des Asylrechts durchzusetzen, und zweitens dem Mob die Straße überlassen hat. Und das war sozusagen auf eine so brutale Weise geschehen, dass wir es gar nicht fassen konnten. Wir hatten das Gefühl, der Rechtsstaat weicht zurück, liefert die Engagierten aus und die paar Leute, die da in dem Haus eingeschlossen waren, und nimmt auch in Kauf, dass da Leute umgebracht werden.

Heckmann: Und Sie vermuten dahinter Absicht?

Kahane: Das ist ja bis heute nicht ganz klar. Aber es war schon sehr deutlich, dass die Stimmung auch durch die Politik sehr stark aufgeheizt wurde. Als es losging, das war ja nicht das erste Mal; kurz davor gab es ja auch Hoyerswerda, da wurde ja mit ähnlichen Argumenten operiert, da ging es nicht so sehr um Asylbewerber, da ging es auch um Vertragsarbeiter. Es hatte einen ganz stark rassistischen Kern. Es ging jetzt nicht nur gegen die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, sondern gegen Migranten insgesamt, und das war ja auch sehr stark zu spüren. Wir wussten das. Wir hatten ein halbes Jahr vorher in Rostock eine Tagung der Ausländerbeauftragten und ich habe das dort angesprochen und gesagt, das ist eine ganz hauchdünne Schicht, die da zwischen Gewaltausbruch und dieser Stimmung liegt, und davon wollte man damals nichts wissen. Weder der Bürgermeister, noch die Anwesenden fanden das notwendig, darüber nachzudenken. Das war in Hoyerswerda ganz ähnlich.

Heckmann: Weshalb war das so aus Ihrer Sicht?

"Als die Mauer fiel, ist der Rassismus erst richtig rausgekommen"

Kahane: Es war ja schon zu DDR-Zeiten sehr schwierig. Es gab ja sehr viel Rassismus in der DDR. Das wurde ja auch komplett geleugnet beziehungsweise gerechtfertigt. Und das hat sich so fortgesetzt. Man guckt heute sehr stark darauf, dass da zugereiste Neonazis waren, aber was mir in Erinnerung war, war, dass tatsächlich die Bevölkerung aus den Häusern nebenan da Beifall geklatscht haben. Ich habe selbst mal in der Nähe von Lichtenhagen gewohnt. Ich habe in Rostock studiert und ich habe einen Ort weiter gewohnt. Ich kannte dieses Klima sehr gut und mich hat das überhaupt nicht verwundert und das hat sich ja leider fortgesetzt.

Heckmann: Darauf kommen wir gleich, wie sich das fortgesetzt hat und ob. Aber wie ist das zu erklären aus Ihrer Sicht, dass es da so viele Menschen gab, oder vielleicht auch heute noch gibt, die bei so einer Aktion noch applaudieren?

Kahane: Wissen Sie, ich kann Ihnen Rassismus nicht so wirklich erklären. Es ist ganz schwierig zu sagen, warum sollte es in der DDR keinen Rassismus gegeben haben. Das war ja da auch - die Frage ist ja nicht so sehr, woher der Rassismus kommt, sondern warum man davon ausgeht, dass er dann plötzlich verschwunden ist, wenn die Mauer fällt. Als die Mauer fiel, ist das erst richtig rausgekommen. Das war vorher auch da. Es gab sehr, sehr heftige Vorbehalte beziehungsweise starke rassistische Einstellungen bei den Menschen dort - nicht bei allen natürlich, aber bei sehr vielen.

"Autoritäre Gesellschaft und demokratischer Kultur widersprechen sich"

Heckmann: Gibt es denn eine spezifische ostdeutsche Form des Rassismus?

Kahane: Na ja, klar: 40 Jahre vorher war die DDR da und die DDR war eine sehr autoritäre Gesellschaft und Fremde waren nicht Teil sozusagen einer Idee von einer vielfältigen Gesellschaft, sondern die war immer sehr stark autoritär organisiert. Und auch die Behandlung von Leuten, die aus dem Ausland kamen - es waren ja nicht sehr viele, es war höchstens ein Prozent der Bevölkerung - war eher, sagen wir mal, nicht von Völkerfreundschaft geprägt im individuellen Umgang, sondern sehr strikt getrennt.

Heckmann: Weshalb war das so?

Kahane: Das war eigentlich immer so.

Heckmann: Weshalb?

Kahane: Bitte?

Heckmann: Weshalb war das so?

Kahane: Wissen Sie, eine Gesellschaft, die Vielfalt zum Thema macht, muss auch selbst eine vielfältige Gesellschaft sein. Das heißt, sie muss eine demokratische Kultur haben. Es geht nicht, eine autoritäre Gesellschaft zu haben und eine Vielfalt und demokratische Kultur gleichzeitig. Entweder man hat das eine, oder man hat das andere. Wer sich für Vielfalt und eine demokratische Kultur einsetzt, der kann nicht gleichzeitig ein autoritäres Regime organisieren. Das geht nicht, das widerspricht sich. Wenn Sie zum Beispiel eine Gesellschaft haben, die sehr strikt organisiert ist und wo sehr viel auf Gleichheit, auf Nivellierung, auch auf Anpassung geachtet wird, ist jeder, der abweicht, ob er das äußerlich oder innerlich tut, natürlich in irgendeiner Weise ein Problem.

"Die Zivilgesellschaft hat sich sehr stark entwickelt"

Heckmann: Frau Kahane, jetzt sagen ja viele heute, die Situation habe sich erheblich verändert in den 25 Jahren, und in der Tat: Eine solche gespenstische Szenerie, ein solcher Kontrollverlust des Staates auch wie in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren, die hat es so in der Form jedenfalls nicht mehr gegeben. Würden Sie das unterschreiben, diese These?

Kahane: In dieser Massivität hat es das nicht gegeben. Aber wir müssen uns daran erinnern, dass es im letzten Jahr 3.700, mehr als 3.700 Vorfälle gegeben hat, Angriffe auf Flüchtlinge, auf Flüchtlingsunterkünfte und all dies. Es ist nicht verschwunden, es ist etwas dezentraler geworden. Es ist auch regional durchaus verteilt. Es ist nicht an einem Ort, sondern an vielen Orten, und die Stimmung ist nicht ganz weg. Aber erstens hat die Staatsmacht jetzt nicht mehr diesen Kontrollverlust und zweitens – das muss man wirklich eindeutig sagen – hat sich die Zivilgesellschaft doch wirklich sehr stark entwickelt. Wir sehen gerade in Ostdeutschland, dass es sehr viele Leute gibt, die sich da höchst engagiert gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren.

Über No-Go-Areas muss gesprochen werden

Heckmann: Darunter zählt ja auch Uwe Karsten Heye, der ehemalige Regierungssprecher, der Vorsitzende des Vereins "Gesicht zeigen". Der hat vor einigen Jahren, vor gut zehn Jahren war es sogar, im Deutschlandradio Kultur damals gesagt, es gebe No-Go-Areas im Osten, in Ostdeutschland. Das hat damals sehr hohe Wellen geschlagen. Gibt es sie aus Ihrer Sicht, diese No-Go-Areas?

Kahane: Ja, gibt es immer noch. Natürlich gibt es die noch. Und diese Abwehr einer solchen Erkenntnis, dass es so ist, ist Teil des Problems. Zu sagen, man hat No-Go-Areas, es gibt einen Unterschied zwischen Ost und West - den gibt es auf jeden Fall, denn Ostdeutschland ist nach wie vor eine Gesellschaft ohne Einwanderung in dem Sinne, wie es der Westen ist. Das ist eine Gesellschaft mit Einwanderung. Es gibt eine unterschiedliche Geschichte, es gibt unterschiedliche Prägungen, und ja, es gibt immer noch diese Gegenden. Und wenn Sie Migranten fragen oder Leute, People of Color, die würden nicht freiwillig im Osten Urlaub machen, nach wie vor nicht, jedenfalls in bestimmten Gegenden nicht, und die Leute wissen das. Warum kann man nicht darüber sprechen? Die Tatsache, dass nicht darüber gesprochen wird, vertieft das Problem nur. Ja, es ist nach wie vor so.

"Die AfD wird die Stimmung verschärfen"

Heckmann: Frau Kahane, letzte Frage. Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Die AfD, die Alternative für Deutschland ist ja nun nicht gleichzusetzen mit Rechtsradikalen und mit Neonazis. Viele sehen aber dann doch eine gewisse Nähe, muss man sagen. Inwiefern wird ein Einzug der AfD in den Bundestag das Klima in Deutschland verändern?

Kahane: Wir haben in Ostdeutschland einen sehr hohen Anteil an Wählern, die die AfD wählen. Im Westen sind es eher weniger. Daran sehen Sie auch wieder Unterschiede. Es wird natürlich das Klima verändern. Es wird nicht mehr ganz so gemütlich im Bundestag. Selbst bei politischen Debatten von Gegnern oder konkurrierenden Parteien ging es ja immer noch ganz friedlich zu. Die AfD - das sehen wir ja auch aus den Landtagen - wird die Stimmung verschärfen, wird versuchen, Zugang zu bekommen zu allen möglichen Aktionen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, und das wird schon eine schwierige Situation werden. Aber ich hoffe sehr darauf, dass die Fraktion nicht so stark wird, dass das wirklich tiefgreifend ins Gewicht fällt. Das kann ich nur hoffen.

Heckmann: Vor 25 Jahren kam es zu den schweren ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Über Rechtsextremismus und Rechtspopulismus haben wir gesprochen mit Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio-Stiftung. Frau Kahane, danke Ihnen für Ihre Zeit.

Kahane: Bitte schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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