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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer ideologische Blick der Medien auf die USA07.04.2014

AntiamerikanismusDer ideologische Blick der Medien auf die USA

Die USA sind für viele Deutsche entweder Freund oder Feind, entweder Verbündeter oder kapitalistischer Ausbeuter: Der Journalist Tobias Jaecker analysiert in seinem Buch, wie deutsche Medien Vorbehalte schüren.

Von Marcus Pindur

Flagge der USA (picture alliance / dpa / Igor Zehl)
Eine Doktorarbeit analysiert die Argumente, die deutsche Journalisten gegen die USA vorbringen. (picture alliance / dpa / Igor Zehl)
Weiterführende Information

Antiamerikanismus in Russland - "Die USA mischen sich überall ein" (Deutschlandfunk, Europa heute, 03.04.2014)

"Wir möchten von den Amerikanern geliebt werden" (Deutschlandfunk, Kultur heute, 13.07.2013)

Das Buch beginnt mit einer Geschichte aus Berlin-Kreuzberg. Die Fassade eines kleinen Cafés wird immer wieder mit Sprüchen besprüht. Sprüchen wie: "USA aufs Maul", "Raus aus Kreuzberg" oder auch "Kill USA". Der Inhaber des Cafés ist Amerikaner, ein New Yorker, den es nach Berlin verschlagen hat und der mit seiner Freundin das Café betreibt. Er ist fassungslos über den Hass, der ihm entgegenschlägt.

Der szenische Einstieg illustriert das Thema von Tobias Jaeckers Studie: der Antiamerikanismus im öffentlichen Diskurs in Deutschland. Der Autor ist Journalist, das Buch ist eine wissenschaftliche Studie, die auf der Dissertation Jaeckers beruht. Auf das Thema gekommen ist Jaecker, als er sich mit antisemitischen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 beschäftigt hat. Diese seien oft mit antiamerikanischen Verschwörungstheorien verknüpft gewesen. Solche Theorien speisten sich aus Hass, Neid und Wahn. Und so lautet auch der Titel des Buches von Tobias Jaecker.

"Der Titel ist natürlich zugespitzt, aber er spiegelt schon eine gewisse extreme Tendenz in manchen Medien wider. Dass also immer wieder hasserfüllte, dämonisierende Anschuldigungen gegen Amerika gerichtet werden. Dass der ehemalige Präsident Bush als 'missionierender Irrer' bezeichnet wird, dass von einem 'demokratischen Faschismus' die Rede ist, Sprüche wie 'am amerikanischen Wesen soll die Welt genesen', womit natürlich auf den von den Nazis verwendeten Spruch angespielt wird."

In solchen Wendungen offenbare sich ein Hass, der über eine politische Kritik einer spezifischen amerikanischen Regierung weit hinaus gehe. Tobias Jaecker geht dem Phänomen mit den Mitteln der Diskursanalyse auf den Grund. Der Autor seziert Debatten und Diskursstränge. Einen prominenten Raum nimmt die Debatte im Vorfeld des Irak-Krieges ein, ein Tiefpunkt der transatlantischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig war die umstrittene Politik der Bush-Regierung ein Fest der antiamerikanischen Ideologie. Jaecker zieht Meinungsartikel aus vielen deutschen Tageszeitungen heran. Das Phänomen beschränke sich nicht auf einige wenige extreme Hügel der politischen Landschaft. Antiamerikanische Bilder und Deutungsmuster seien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so Tobias Jaecker:

"Es fällt auf, dass viele der zitierten Kommentare ähnliche Zuschreibungen enthalten. Demnach sind die USA 'imperialistisch', 'kolonialistisch', ein waffenvernarrter 'globaler Sheriff'. Ihnen wird unterstellt, Deutschland als 'Gehilfen', 'Vasallen' oder 'Protektorat' zu betrachten und 'Nibelungentreue' zu fordern."

Die Überzeichnung vermeintlicher deutscher Abhängigkeit oder die unterstellte amerikanische Forderung nach dauernder Unterwerfung ist nach Jaeckers Einschätzung ein gängiges Muster des ideologischen Antiamerikanismus und eine seiner ältesten Konstanten. Der Autor untersucht politische, wirtschaftliche und kulturelle Diskurse. Am Ende jedes Kapitels steht eine Einzelanalyse, jede ist in sich lesenswert und augenöffnend. Hier sei nur die Analyse eines Kommentares von Rudolf Augstein zu Beginn des Afghanistan-Krieges geschildert. Die Analyse Jaeckers ist ebenso detailliert wie vernichtend. Augstein erkläre einerseits den Terror für ruchlos, andererseits aber für zwangsläufig, weil es ihn schon immer gegeben habe – und so ist Terror gegen die USA, wenn nicht gerechtfertigt, so doch mindestens relativiert.

"Der Kommentar argumentiert auf zwei unterschiedlichen Ebenen. 'Objektiv', also auf einer sachlichen, nicht von Gefühlen bestimmten Ebene, wird der Terror des 11. Septembers zwar superlativisch als das 'schwerste' von Einzeltätern verübte 'Unglück' bezeichnet. Gleich anschließend wird diese Aussage jedoch relativiert, indem die Anschläge mit der viel höheren Todeszahl bei den Atombombenabwürfen der USA über Japan im Zweiten Weltkrieg verglichen werden. Die Hauptaussage lautet offensichtlich, dass die Anschläge zwar furchtbar sind, im Vergleich mit den Kriegssünden der USA jedoch kaum ins Gewicht fallen."

Nicht nur im politischen Diskurs gibt es die Herabwürdigung und Dämonisierung Amerikas, auch in wirtschaftlichen und kulturellen Debatten, arbeitet Jaecker heraus. So wurde in der Finanzkrise oft das alte Stereotyp des amerikanischen, "raffenden" Finanzkapitalismus gegen den deutschen angeblich "schaffenden" industriellen Kapitalismus bemüht. Im kulturellen Leben wird von "McDonaldisierung" und Verflachung gesprochen, sobald es um erfolgreiche amerikanische kulturelle Einflüsse geht. Geschlossen antiamerikanische Weltbilder wie das des ehemaligen Spiegel-Herausgebers Augstein gibt es nach der Analyse Tobias Jaeckers relativ selten, es überwiege eine fragmentarische Form des Antiamerikanismus, die oft die Funktion eines Welterklärungsmusters habe. Diffuses Unbehagen an globalisierter Wirtschaft und Krisen in der Welt werde auf die USA projiziert. Dies komme als Aufklärung daher, sei aber in Wahrheit lediglich eine konformistische, rebellische Geste. In Deutschland habe der Antiamerikanismus noch eine weitere Funktion.

"Ich denke, die Nazivergleiche, die immer wieder auftauchen in Beiträgen in den Medien, die haben die Funktion, Deutschland zu entlasten von der Geschichte. Den Leserinnen und Lesern ein gutes Gefühl zu geben, wir haben die schmutzige Geschichte endlich hinter uns gelassen, die neuen Nazis sind heute die Amerikaner. Und wir müssen eigentlich kein schlechtes Gewissen mehr haben. Das schwingt in ganz vielen dieser Beiträge, die ich untersucht habe, mit."

Antiamerikanismus als die Fortführung der "Schlussstrich-Debatte" gewissermaßen. Dieses Buch ist im besten Sinne ein aufklärerisches Werk. Tobias Jaecker seziert das Phänomen Antiamerikanismus detailliert und überzeugend. Und: Jaecker zeigt, welche Funktion diese Ideologie im gesellschaftlichen Diskurs erfüllt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch nicht im akademischen Getto verstaubt. Der Autor sollte eine gekürzte und für Laien gut lesbare Variante auf den Markt bringen. Antiamerikanische Pamphlete gibt es bereits genug.

Buchinfos:
Tobias Jaecker: "Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in den deutschen Medien", Campus Verlag, 409 Seiten, Preis: 29,90 Euro, ISBN: 978-3-593-50066-9

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