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StartseiteBücher für junge LeserMigration der Erbsen19.08.2017

BilderbuchtrendsMigration der Erbsen

Knöpfe und Punkte, Rechtecke und Grünechse, Erbsen und Karotten - was haben sie gemein? Große Migrationsbewegungen der letzten Jahre finden sich im Bilderbuch wieder, denn kaum ein Genre kann so schnell auf aktuelle Themen reagieren. Ein Blick in Verlage, Buchhandlungen, Schreib- und Zeichenwerkstätten.

Von Sylvia Schwab

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Ein Junge schaut sich ein Bilderbuch an. (picture alliance / dpa - Roland Holschneider)
Auch aktuelle Inhalte wollen Autoren und Zeichner über das Bilderbuch transportieren. Je origineller, künstlerischer, kreativer, desto besser. (picture alliance / dpa - Roland Holschneider)
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Frankfurt am Main, Mörfelder Landstraße 121 B. Das Hinterhaus vom Hinterhaus. Ein typisches Büro- und Gewerbegebäude mit Flachdach, drei Stockwerke hoch. Im Erdgeschoss eine Musikschule. 

Im zweiten Obergeschoss öffnen sich unerwartet lichte Räume: Das Atelier der "Labor-Ateliergemeinschaft". Seit fast zwanzig Jahren arbeiten, schreiben, zeichnen, reden, planen und feiern hier acht Kreative. Acht Grafikdesigner, Illustratoren und Autoren. Initiatorin der Ateliergemeinschaft war Anke Kuhl. Nach dem Vorbild einiger Hamburger Künstlerateliers trommelte die junge Designerin nach ihrem Studium Gleichgesinnte zusammen - was erst mal gar nicht so einfach war:

"Der Einzige, der sofort konkret gesagt hat "ich mach mit" war der Philipp Waechter. Den kannte ich natürlich schon über seinen Vater vom Hörensagen und wusste, der hat auch schon ein paar Sachen veröffentlicht, und er und seine damalige Freundin und jetzige Frau Moni Port, die waren beide sofort irgendwie dabei."

Kreatives Chaos in Sachsenhausen

Die Suche nach geeigneten Räumen und weiteren Mitmietern zog sich hin. Mit der 150-Quadratmeter-Etage im angesagten Stadtteil Sachsenhausen war dann endlich das richtige Objekt gefunden. In den hellen, großen Räumen ist reichlich Platz für acht Arbeitsplätze. Es herrscht ein geordnetes Chaos aus Schreibtischen, Regalen, Büchern, Zeichnungsstapeln, Computern, Angebotsmappen und allen möglichen Künstlerutensilien. 

Zuvor hatte hier ein Zahnlabor seinen Sitz, daher der Name "Labor-Ateliergemeinschaft". Seit 2001 ist die Kernbesetzung stabil. Heute gehören neben Anke Kuhl, Philipp Waechter und Moni Port auch noch Alexandra Maxeiner, Natascha Vlahovic, Jörg Mühle und Zuni und Kirsten von Zubinski dazu. Sie arbeiten – jeder für sich oder auch gemeinsam – an den unterschiedlichsten Projekten. Hier entstehen Kinder- und Jugendbücher, Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften, Buchumschläge, Romane, Drehbücher und freie Arbeiten. Zuni von Zubinski:

"Dieses Wettbewerbsding, dass wir in Konkurrenz stehen, das war bei uns eigentlich nie so. Wir haben uns immer unterstützt und haben immer unsere Verträge offen gelegt. Haben über Honorare gesprochen und so. Und da denk ich, dass wir da auch so ne ganz gute, starke Gruppe geworden sind."

Eine gute und starke Gruppe sind sie längst! Zig Preise haben die acht Kreativen einzeln oder gemeinsam abgeholt. Sie haben zwei Kolumnen in der FAZ, machen Ausstellungen und Workshops. Und Bilderbücher. Anke Kuhls "Alles Familie", Alexandra Maxeiners "Alles lecker" oder Jörg Mühles "Was liegt am Strand und redet undeutlich" waren und sind Renner. Im September wird "Der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugblatt Platz" von Moni Port und Philipp Waechter erscheinen, ein Bilderbuch mit Schnellsprechern und Zungenbrechern:

(Moni Port, Philipp Waechter: "Der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugblatt Platz", Klett Verlag)

Auf den sieben Robbenklippen

Sitzen sieben Robbensippen,

die sich in die Rippen stippen,

bis sie von den Klippen kippen. 

"Es ist so, dass wir das Gefühl haben, dass uns verbindet, dass man Kindern was zumuten kann. Sowohl humor- und ironietechnisch als auch schwere Themen. Tabu-Themen, Dinge, die man normalerweise im Mainstream vielleicht meint, von Kindern fernhalten zu müssen. Was vielleicht nicht niedlich genug ist… Wir haben das Gefühl, dass man Kindern viel mehr zutrauen kann, als das so häufig gehandhabt wird."

"Bilderbücher sollen fordern und fördern"

Bilderbücher sollen fordern und fördern - die meisten engagierten Bilderbuchmacher teilen Anke Kuhls Meinung. Die ist ja auch nicht neu! Schon moderne Klassiker wie Maurice Sendaks "Wo die wilden Kerle wohnen" oder Werner Holzwarths Geschichte "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte" mit den frechen Bildern von Wolf Erlbruch trauten Kindern etwas zu. Eltern übrigens auch! Sie waren vom Thema her unangepasst und ästhetisch innovativ.

Mutige oder freche, jedenfalls herausragende Bilderbücher machen seit vielen Jahren eingeführte Bilderbuch-Verlage wie Klett-Kinderbuch, der Moritz-Verlag oder, im Fall von Erlbruch, der Peter Hammer Verlag. Das "kleine Braune" auf dem Kopf von Erlbruchs Maulwurf entpuppt sich als Würstchen der besonderen Art: 

(Wolf Erlbruch: "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte")

Als der kleine Maulwurf eines Tages seinen Kopf aus der Erde streckte, um zu sehen, ob die Sonne schon aufgegangen war, passierte es:

Es war rund und braun, sah ein bisschen aus wie eine Wurst – und das Schlimmste: es landete direkt auf seinem Kopf.)

"So eine Gemeinheit!", rief der kleine Maulwurf.

"Wer hat mir auf den Kopf gemacht?"

Aber kurzsichtig, wie er war, konnte er niemanden mehr entdecken.

Kleine Newcomer mit viel Idealismus

Interessant ist nun, dass innovative oder auffällige Bilderbücher immer häufiger von Verlags-Neugründungen kommen. Sie tragen so poetische Namen wie "Kleine Gestalten", "Kunstanstifter", "Mixtvision", "Magellan", "Tintentrinker" oder "Aladin". Sucht man nach neuen Trends in der Bilderbuchlandschaft, ist dies mit Sicherheit einer: Gerade von kleineren Newcomern werden mit viel Idealismus neue kreative, ökonomisch möglicherweise schwierige Wege beschritten. 

Bei "Kunstanstifter" erschien im Frühjahr zum Beispiel das zauberhafte Bilderbuch "Als der Elsternkönig sein Weiß verlor" von Michael Stavaric und Linda Wolfsgruber. Stellt man es neben die Bilderbücher der Labor-Ateliergemeinschaft, zeigt sich wieder einmal die erstaunliche Bandbreite möglicher Bilderbuchillustrationen. Dort - im Atelier - witzig, pfiffig, knallig-bunt. Hier - bei Linda Wolfsgruber - schemenhaft-weich, reduziert in der Farbigkeit und still-poetisch.
 
(Linda Wolfsgruber/Michael Stavaric: "Als der Elsternkönig sein Weiss verlor", Kunstanstifter)

Es war einmal ein mächtiger und erhabener Elsternkönig, der über ein riesiges Reich voller glücklicher und zufriedener Elstern herrschte.

Er lebte in einem luftigen Schloss aus Bäumen, mit Zinnen aus geflochtenen Zweigen, alle Elstern des Königreiches hatten beim Bau tüchtig mitgeholfen. Sie hatten zusammengetragen, was ihnen wertvoll und wichtig schien, es gab dort demnach vielerlei zu bestaunen.

"Ein fast schwereloses Traumwerk"

Eine "Es war einmal"-Geschichte. Ein Märchen mit König und Schloss und mit einem schrecklichen Schicksalsschlag - der Elsternkönig verliert seine weißen Federn und wird schwarz wie ein Rabe. Eine Geschichte, die manchmal etwas behäbig geschrieben ist und von Linda Wolfsgrubers Bildern verwandelt wird in ein fast schwereloses Traumwerk. Großartig sind ihre zarten, an chinesische Malerei erinnernden Tuschezeichnungen, ihre wirbelnden Szenen, deren Farbenspiel und Schattierrungen! Der sehr entspannte Schluss ist kein Happy End, aber er löst das Problem weise auf: 

Und so kam es, dass jener Elsternkönig, der einst sein Weiß verloren hatte, schließlich und endlich doch noch sein Weiß wiederfand.

So sehr Linda Wolfsgrubers Bilder sich unterscheiden von denen der Labor-Künstler - eine Gemeinsamkeit gibt es doch. Ein leiser Humor durchzieht den "Elsternkönig": Der Regent mit Krönchen, Schneemänner mit Elstern oder Christbaumkugel auf dem Kopf, sie nehmen der Geschichte die Wucht und betonen das Spielerische. 

Was die Arbeit aller Bilderbuchkünstler - ganz unabhängig von ihrem jeweiligen Stil und ihrer Technik - in den vergangenen Jahren total verändert hat, ist der Computer. Zwar geht es immer noch mit Entwurfsskizzen und Handzeichnung los, doch dann kommt der PC ins Spiel:

"Diese Composings... funktionieren so, dass man erst mal sehr viel Material herstellt händisch mit Pinsel oder Tusche auf Papier, und da auch sehr, sehr locker arbeiten kann, weil man dieses ganze Material, dass man sich erstellt, anschließend einscannt und dann minutiös am Rechner nachbearbeiten kann. Das wird dort zusammengestellt, umkoloriert, man kann es auf 1000 Arten und Weisen kombinieren und das gibt völlig neue Möglichkeiten einerseits, und reduziert mögliche Fehlerquellen, was Vor- und Nachteil ist. Und gefühlt geht es auch schneller."

Jörg Mühle arbeitet - wie alle Labor-Kollegen - viel am PC. Allerdings hat sich die anfängliche Euphorie über die unendlichen Möglichkeiten der Computer-Grafik schon wieder gelegt - meint Anke Kuhl.  

"Vom Zeichnerischen, von der Illustration sind wir ja eigentlich... schon wieder in einer Bewegung, wo die Begeisterung, was man alles machen kann, was für saubere Flächen man machen kann, die man mit dem Pinsel so nie hingekriegt hätte, die Begeisterung ist ja gerade schon wieder am abebben. Man beobachtet allenthalben Zeichner, die versuchen, mit dem Rechner so zu arbeiten, dass es möglichst analog aussieht… Dass man manchmal drei mal hingucken muss, ist es denn nun eigentlich komplett am Rechner entstanden."

"Der Computer ist auch nur ein Werkzeug"

Schon merkwürdig, man wird nachdenklich: Viele Bilderbuchmacher arbeiten am Rechner schon wieder so, dass Bilder oder Illustrationen aussehen wie analog entstanden. Wie aufwändige Handarbeit, die heute aber keiner mehr so macht, aus Gründen der Zeitersparnis, der Sauberkeit und Genauigkeit. Und die - auch das ein Effekt der Arbeit am Rechner - auch kaum mehr jemand kann. Das Farbgespür, die technischen Fähigkeiten, die Feinheiten von Pinsel- oder Bleistiftstrich gehen nach Meinung von Anke Kuhl ein Stück verloren durch die Arbeit am Computer. Und verloren geht natürlich auch das Original.

Nicht verloren geht aber die Kreativität! Die wird nur umgeleitet. Denn der Computer ist – nach Meinung der Labor-Künstler – auch nur ein Werkzeug, wie Pinsel oder Lineal. Erfinden, fantasieren, ausprobieren müssen und können die Bilderbuchmacher weiterhin selbst.

Ein Phänomen, das unmittelbar zu tun hat mit dem Rückgang der Computerästhetik ist das so genannte Hand-Lettering. 
 
"Jeder Titel wird einfach mal mit der Hand geschrieben, oder muss aussehen wie mit Hand geschrieben. Also dieses Bedürfnis, vom ganz Gradlinigen und Akkuraten und Berechneten weg zu gehen und was Individuelles rein zu bringen, was Warmes und Handschriftliches, Handgemachtes, der ist ja ganz groß!"

Zahllose hand-geletterte Bilderbuchtitel sind im vergangenen Frühjahr erschienen. Zum Beispiel die schreiend-komische "Böckchen-Bande im Schwimmbad" aus dem Klett-Verlag, wo der Titel in fetten, kindlichen Blockbuchstaben ins Wasser zu fallen scheint. Oder Miriam Zedelius’ poetisches Bilderbuch "Träumst Du?", dessen ganzer Text hand-gelettert ist: In einer klaren, regelmäßigen Schreibschrift, die gut lesbar und sehr groß eine hübsche kleine Geschichte erzählt. Nur ein Satz pro Seite:

(Miriam Zedelius: "Träumst Du?", Hinstorff Verlag)

Träumst Du? fragt mich Papa manchmal.

Aber ich denke nur nach.

Was denken die anderen?

Und woher kommen die Träume? Von den Sternen?

Oder aus dem Meer?

Kann man schöne Träume sammeln?

Und woher kommen die schlechten Träume?

Kann man böse Träume einsperren?

Oder vor ihnen davon fliegen?

Im Traum kann ich alles!

Hand-lettering ist in! Titel, Überschriften, einzelne Sätze oder sogar ganze Texte wirken wie mit der Hand geschrieben und werden als grafisches Element eingesetzt. Nicht nur im Frankfurter Atelier! Nur, auch diese Buchstaben sind überwiegend am Computer entstanden.

In dem Bilderbuch "Schlaf gut" von Tatia Nadaréischwili, das im Frühjahr im Baobab-Verlag erschienen ist, spielt die Schrift eine ganz besondere Rolle.

(Tatia Nadareischwili: "Schlaf gut, Baobab")

Der kleine Junge kann nicht einschlafen.

"Dann geh ich eben noch ein bisschen spazieren."

Unterwegs begegnet er der Giraffe.

"Ich kann nicht schlafen", sagt der Junge zur Giraffe.

"Du musst einfach den Kopf auf den Rücken legen, dann schläfst du ein. Ich schlafe so."

Das probiert er. Vergebens, des klappt nicht mit Einschlafen.

"Nicht auf den Rücken legen, sondern unter die Achsel stecken musst du den Kopf", sagt der Vogel.

Er probierts. Aber es klappt nicht.

Ein Nicht-Einschlaf-Buch. Und damit: Ein Einschlaf-Buch. Es variiert die Idee, die Einschlaf-Haltung der unterschiedlichsten Tiere einzunehmen auf sehr witzige Weise.

Auf den eindrucksvollen Bildern vollführt der dunkelhäutige Junge alle möglichen komischen Verrenkungen. Sie sind in Naturfarben gehalten; sandig-beige, meeres-grün-blau, in erdigem Braun oder Rostrot. Sehr besonders sind diese Bilder, sie wirken wie Collagen auf einem festen, alten Karton. Der deutsche Text steht ist in einen schmalen Riegel am unteren Bildrand. Meist nur ein Satz pro Seite.

Der georgische Text ist damit aber nicht hinfällig. Er ist in die Bilder hineinkomponiert. In mal großen, mal kleinen, rätselhaft-runden Buchstaben, deren Reihen sich über die Seiten schlängeln und ranken wie Wasser. Wie ein Windhauch, wie eine Zick-Zack-Bewegung oder ein fliegender Vogel. Hier ist die Schrift Teil der Komposition, der Bildkonstruktion. Und ein besonderer Blickfang dazu, weil die Buchstaben so geheimnisvoll anders sind als unsere. Ohne die gestalterische Kraft der georgischen Sätze ist das deutsche Bilderbuch kaum denkbar! 

(Tatia Nadareischwili: "Schlaf Gut, Baobab")

Unterdessen ist der Junge müde geworden.

"Ich geh nach Hause und ruh mich ein bisschen aus."

In seinem Zimmer legt er sich aufs Bett.

Einige Minuten nur – und schon schläft er tief und fest.

"Für jede Familie, jede Gesellschaftsausrichtung ein Bilderbuch"

Szenenwechsel:Frankfurt am Main, Hedderichstraße 114, 6.Stock. Hier, im obersten Stockwerk des Fischer Verlags, ist das Kinder- und Jugendbuch zu Hause. Helle, renovierte Altbauräume, ein toller Blick in die Weite. Im Flur ein geschäftiges Hin und Her, das Zischen einer Kaffeemaschine. Bettina Herre ist seit vier Jahren Lektorin fürs Kinder- und Jugendbuch bei Fischer.

"Zu dem Bilderbuchmarkt allgemein in Deutschland:... der ist wahnsinnig vielseitig. Also nichts, was es nicht gibt. Es gibt für jede Familie, für jede gesellschaftliche Ausrichtung, gibt es ein Bilderbuch. Ob das jetzt klassisches Bilderbuch ist, wo es darum geht, den Schnuller los zu werden oder aufs Töpfchen zu gehen… oder es gibt auch das anspruchsvolle Bilderbuch. Die Bandbreite ist sehr groß."

Auch Bettina Herre ist der Meinung: Alles ist möglich im Bilderbuch, alles ist da: Viel Text und gar kein Wort, Heiteres und Ernstes, Buntes und Gedecktes, Politisches und Unpolitisches, Pädagogisches und Künstlerisches. Allerdings hat sie den Eindruck, dass der Trend weg geht vom konkret Sozialen oder Politischen. Zum Beispiel vom Thema Flucht, das ein paar Jahre lang die Szene mit sehr interessanten und ganz unterschiedlichen Bilderbüchern bereicherte.

Die Bilderbücher über Flucht, Vertreibung und Integration begleiteten die großen Immigrantenströme. Nun sind die Flüchtlinge in der europäischen Realität angekommen, die Bilderbücher zum Thema werden weniger. Bettina Herre sieht stattdessen eine Bewegung hin zur Verallgemeinerung des Themas: Toleranz, Achtsamkeit und Miteinander seien im Augenblick sehr beliebte Bilderbuch-Themen. 

Ein Blick in die Frühjahrsproduktion der Bilderbuchverlage bestätigt diese Beobachtung. Krieg und Fremdenfeindlichkeit, beziehungsweise Freundschaft und Toleranz kommen nicht mehr konkret daher, sondern ganz allgemein. Und allgemein heißt oft: Auch formal verallgemeinert, nämlich in relativ abstrakten Bildern. Bettina Herre hält ein Bilderbuch in der Hand, das im Frühjahr bei Fischer erschienen ist. 

"Sehr abstrakt kommt auch das Buch daher "Grünechsen gegen Rotecken". Das sind im Grunde genommen nur Formen, rote Rechtecke und etwas amorphe kleine grüne Echsen, die so ein bisschen so aussehen wie Würmchen. Da ist es dem Künstler gelungen, ein wichtiges und ernstes Thema, nämlich das Thema Krieg, so zu abstrahieren, aber gleichzeitig so bildhaft deutlich zu machen. Was passiert eigentlich, wenn Krieg ist? Und warum gibt es Krieg?"

(Steve Antony: "Grünechsen gegen Rotecken, Sauerländer")

Die Grünechsen und die Rotecken kämpften gegeneinander.

Die Grünechsen versuchten mit aller Kraft, die Rotecken zu besiegen.

Aber die Rotecken waren schlau.

Die Rotecken versuchten mit aller Kraft, die Grünechsen zu besiegen.

Aber die Grünechsen waren stark.

Auf ganz einfache Weise macht der Autor und Illustrator Steve Antony schon für Vierjährige deutlich, was Krieg ist. Oder Streit. Indem er zwei Komplementärfarben - Grün und Rot - und zwei Formen - kantiges Rechteck und rundlichen Wabbel - miteinander kämpfen lässt. Durch die Abstraktion wirkt dieses Bilderbuch vieldeutiger und weniger bedrohlich als die Darstellung konkreter Kampfsituationen. 

Fast genauso funktioniert das Bilderbuch "Lilli und Lotte, Erbse und Karotte" aus dem Thienemann- Verlag. Nur umgekehrt: Hier sind zwei sehr unterschiedliche Wesen, die runde grüne Erbse und die lange orange Karotte miteinander befreundet. Auch sie sind abstrakt angedeutet, kein biologisches Gemüse, sondern klare Form. Die zugrunde liegende Toleranz-Botschaft stellt sich ganz von selbst ein! 

Ein anderes abstraktes Bilderbuch zum Thema Migration und Toleranz ist der Titel "Punkte" aus dem Gabriel-Verlag. 

(Carolina Zanotti, Giancarlo Macrì: "Punkte", Gabriel Verlag)

Hallo, ich bin ein Punkt.

Siehst du mich nicht? Ich bin hier unten.

Ich bin nicht allein, ich habe Freunde.

Und meine Freunde haben Freunde und Freunde von Freunden.

Unser Leben ist schön. Wir haben Häuser, wir haben Spaß und was zu essen.

Die dicken, schwarzen Punkte sind satt und zufrieden. Bis in großen Massen die anderen Punkte dazukommen, die unausgefüllten, die leeren, hungrigen. Total reduziert - rein in Schwarz-Weiß - macht das italienische Autorenehepaar Carolina Zanotti und Giancarlo Macrì die möglichen Konflikte sichtbar, die die Immigration mit sich bringt. Zwei Arten von Punkten - jeweils auf den linken und rechten Buchseiten - symbolisieren Reich und Arm, erzählen eine Geschichte über Solidarität und Integration. Das minimalistische Bildkonzept bringt das Thema im wahrsten Sinn des Wortes auf den Punkt.

Illustrationskunst aus Frankreich für zwölf- bis 13-Jährige

Und noch einmal Szenenwechsel: Frankfurt am Main, Hellerhofstraße 2-4. Im vierten Stock des hohen, hellen Redaktionsgebäudes der FAZ hat Andreas Platthaus sein Büro. Der Journalist, Comic-Experte und Autor ist Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben. Er bricht eine Lanze für die Illustrationskunst aus Frankreich. 
 
"Die Bilderbuchlandschaft ist extrem vielfältig. Andererseits liegt sie immer noch hinter der französischen zurück. Was in Frankreich für mich so faszinierend ist, ist die Tatsache, dass dort für alle Altersgruppen sehr interessante Bilderbücher geschaffen werden. Nicht unbedingt für Jugendliche, aber bis zum Alter von 12-13 kriegen sie dort ein ganz großartiges Angebot. Was sehr spezifisch auf die jeweiligen Interessensgruppen zugeschnitten ist. Dementsprechend ist die Lage sehr gut, aber sie könnte noch etwas besser werden."

Der ausgewiesene Bilderbuch-Liebhaber und Donaldist Andreas Platthaus schaut natürlich aus einer anderen Richtung aufs Bilderbuch als die Bilderbuchmacher. Kritischer und mit Distanz. Als seinen Lieblingsillustratoren nennt er als ersten spontan Peter Schössow. Der hat nicht nur so eindringliche Bilderbücher gemacht wie "Gehört das so?", die trotzig-tiefsinnige Wehklage über einen großen Verlust. Sondern auch klassische Texte wie Goethes "Meeresstille und glückliche Fahrt" oder Heinrich Heines "Der arme Peter" in geniale Bilder umgesetzt. 

"Ja, auf jeden Fall, das ist so ein großartiger Autor über mehr als 20 Jahre, das habe ich immer wieder begeistert gesehen. Ganz besonders toll finde ich auch Nikolaus Heidelbach und natürlich Wolf Erlbruch, der gerade in diesem Jahr den Astrid Lindgren-Preis gewonnen hat. Den höchst dotierten Kinderbuchpreis überhaupt in der ganzen Welt. Das ist jemand, um den beneidet uns die ganze Welt. Er ist in den Niederlanden wahrscheinlich erfolgreicher als in Deutschland und ist in Frankreich ein riesiger Star. Das sind ganz fantastische Leute. Und man könnte da weiter machen. Es gibt so viele großartige Zeichner – Illustratorinnen und Zeichner – das haben wir schon eine ganz fantastische Tradition."

Verquickung von Bilderbuch und Comic

Nikolaus Heidelbach, Peter Schössow, Wolf Erlbruch – wir haben sie also doch, die großen Bilderbuchkünstler! Und die nächste Generation der Bilderbuchmacher ist mindestens genau so produktiv. Nach neuen thematischen oder formalen Entwicklungen befragt stellt Andreas Platthaus fest:

"Einer der sehr interessanten Trends ist tatsächlich die Verquickung mit Bilderbuch und Comic und anderen sequentiellen Erzählformen. .. Das hat es früher im deutschen Bilderbuch so gut wie nie gegeben. Man muss sagen, wenn wir das heute in deutschen Geschäften sehen, sind das ganz häufig auch Importe aus anderen Ländern. Aber es gibt mittlerweise auch deutsche Bilderbuchleute, die sich damit beschäftigen. Peter Schössow wäre da ein Beispiel, der hat da einiges übernommen, für meinen Geschmack unglaublich interessant damit gearbeitet. Oder Ole Könneke. So gesehen hat sich auch in diesem Land einiges getan."

Womit sich der Kreis schließt. Denn Bilderbücher im Comic-Stil und Comics kommen auch aus der Frankfurter Ateliergemeinschaft Labor. Philip Waechters "Geschichte meines Opas" ist ein Comic, und Anke Kuhls künstlerische Arbeit ist voller Comic-Elemente. Ihre Bücher "Alles Familie" und "Alles lecker" zum Beispiel sind voller cartoon-ähnlicher Figuren und Sprechblasen. Und mit "Lehmriese lebt" hat sie einen quicklebendigen Kindercomic geschaffen. Mit Freude stellt Anke Kuhl fest, dass Comics inzwischen einen weitaus besseren Ruf haben als früher.

"Grundsätzlich ist da in den letzten Jahren ein Trend entstanden, dass speziell Kindercomics entwickelt werden. Eigentlich kriegt das dadurch eine Aufwertung, weil da auch hochwertige Themen behandelt werden, dass es auch literarisch anspruchsvoller sein soll, damit ich auch ein besseres Gefühl dabei habe, wenn die Kinder Comics lesen… ich merke auch, dass die Comics bei meinen Kindern gut funktionieren. Ich glaube einfach, diese Generation, die mit diesen kurztextigen Medien aufwachsen ist, dass denen die Comics total entgegenkommen. Meine Tochter liest gerne, mein Sohn liest nicht so viel, aber wenn sie viel zu tun haben – Comics gehen immer noch!"

Kinder brauchen Bilderbücher! Je origineller, kreativer oder künstlerischer die gemacht sind – desto besser Und da ist im Augenblick alles in Bewegung. Und alles möglich

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