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Brustkrebs verstehen

Britische Forscher finden 40 Gene, die zur Tumorentstehung beitragen

Von Martin Winkelheide

Eine Radiologieassistenten überprüft eine Mammografie-Aufnahme einer Brust.
Eine Radiologieassistenten überprüft eine Mammografie-Aufnahme einer Brust. (picture alliance / dpa)

Medizin.- Trotz operativer Brustkrebsbehandlung erleiden manche Frauen nach Jahren oder Jahrzehnten einen Rückfall. Doch warum sind manche Tumore aggressiver als andere? Britische Forscher haben Gewebeproben von 100 Tumoren genetisch analysiert - und dabei einige Überraschungen erlebt.

Krebszellen teilen sich zu schnell und unkontrolliert, sagt Peter Campbell vom britischen Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton bei Cambridge. Verantwortlich für das unkontrollierte Wachstum sind zufällige Veränderungen im Erbgut der Zellen, sogenannte Mutationen.

"Diese Mutationen finden andauernd statt, überall im Körper. Die meisten richten keinen Schaden an, oder sie führen zum sofortigen Tod der Zelle. Aber manchmal findet eine Mutation in einem bestimmten Bereich des Erbguts statt. In Genen, die wichtig sind für die Zellteilung. Sie bringen die Zelle dazu, sich schneller zu teilen. Das, so glauben wir, ist die treibende Kraft bei der Krebsentstehung."

Am größten europäischen Genomforschungszentrum haben Wissenschaftler jetzt systematisch untersucht, welche Mutationen für die Entstehung von Brustkrebs verantwortlich sind. Sie haben dazu das Erbgut aus Gewebeproben von 100 Frauen mit Brustkrebs analysiert. Der wichtigste Befund für Patrick Tarpey: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs.

"Es wäre zu einfach, zu glauben, dass alle Brustkrebse zu einer einzigen großen Gruppe gehören. Was uns wirklich verblüfft hat, war, dass viele verschiedene mutierte Gene an der Brustkrebsentstehung beteiligt sein können. Und dass ganz unterschiedliche Kombinationen von Mutationen Ursache sind für Brustkrebs."

Über 10.000 verschiedene Mutationen fanden Patrick Tarpey und sein Team. Nur die wenigsten von ihnen, insgesamt 40, haben Bedeutung für die Krebsentstehung. 31 Mutationen sind bereits bekannt. Bei der systematischen Erbgutanalyse haben die Sanger-Forscher aber auch neue Krebsgene entdeckt.

"Bei neun Mutationen können wir sicher sein, dass es sich um bislang unbekannte Krebsgene handelt. Wir haben Hinweise auf weitere relevante Mutationen gefunden, aber bei denen sind wir uns noch nicht so sicher wie bei den Neunen."

Die Analyse des Erbgutes von 100 Tumorproben stellt zunächst einmal eine riesige Datenmenge dar. Jetzt geht es darum, diese zu ordnen, Muster zu finden. Das aber ist schwierig: Bei jedem dritten Brustkrebs war nur eine einzige Mutation Ursache für die Krebsentstehung. In allen anderen Fällen Kombinationen von bis zu sechs verschiedenen Krebsgenen. Insgesamt fanden die Forscher bei den 100 Tumoren mehr als 70 verschiedene Mutations-Kombinationen. Die neu gewonnen genetischen Daten können helfen, Brustkrebserkrankungen neu zu klassifizieren: Welche Tumore lassen sich besonders gut heilen? Welche Genkombinationen deuten auf einen aggressiveren Tumor hin, der auch frühzeitig Tochtergeschwülste im Körper streut?

"Wir stehen noch ganz am Anfang. Aber wenn wir Tumore genetisch genauer beschreiben können und die Besonderheiten eines Tumors besser verstehen, dann wird hoffentlich auch die individuelle Brustkrebsbehandlung besser, als sie es heute ist."

Zudem liefern die 40 Krebsgene potenzielle Angriffspunkte für neue Wirkstoffe gegen Brustkrebs. Wirkstoffe, die gezielt das unkontrollierte Wachstum bremsen oder stoppen. Einen ersten solchen Wirkstoff zur Brustkrebstherapie mit Namen "Herceptin" gibt es bereits. Jetzt könnten weitere folgen. Im Idealfall würden gleich mehrere Wirkstoffe miteinander kombiniert werden, meint Michael Stratton vom Sanger Institute. Schon um zu verhindern, dass Krebszellen gegen einen oder mehrere Wirkstoffe unempfindlich werden.

"Ohne Zweifel liegt die Zukunft in Kombinationstherapien. Sie werden nach und nach die Überlebenschancen der Krebspatienten erhöhen. Dank dieser maßgeschneiderten Therapien."

Michael Stratton geht davon aus, dass Mediziner in den nächsten 10 oder 20 Jahren ein Baukastensystem entwickeln werden, mit vielen verschiedenen Wirkstoffen - gegen Brustkrebs aber auch andere Tumore. Damit sie für jede Patientin und jeden Patienten die beste Kombination zusammenstellen können, müssen sie zuvor aber die genetischen Besonderheiten der Krebszellen kennen. Die Brustkrebsstudie ist ein weiterer Schritt in Richtung dieser Krebsmedizin von morgen.

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