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StartseiteCorsoGeschichten über die Flucht08.04.2014

Comic aus FinnlandGeschichten über die Flucht

Jedes Jahr versuchen Abertausende Menschen aus Afrika aus schierer existenzieller Not, nach Europa zu gelangen. Sie nehmen sogar den Tod in Kauf. Der finnische Comic-Zeichner Ville Tietäväinen hat sich vor einigen Jahren dieses Themas angenommen. Jetzt erscheint sein aufrüttelndes Buch auch auf Deutsch.

Von Anette Selg

Bild aus dem Comic "Unsichtbare Hände", Text & Zeichnung: , 2014, avant-Verlag, Buch: 216 Seiten, vierfarbig, Hardcover, ISBN: 978-3-939080-96-1, Zwei Euro pro verkauftem Buch gehen an die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. (Ville Tietäväinen/avant-verlag)
Bildausschnitt aus dem Comic "Unsichtbare Hände". (Ville Tietäväinen/avant-verlag)
Weiterführende Information

In Freiheit gefangen (Deutschlandfunk, Hintergrund, 12.11.2013)

Grenzen der Menschlichkeit (Deutschlandfunk, Hintergrund, 11.10.2013)

"Meine Geschichte handelt von Migranten, von Flüchtlingen. Ich bin nicht der Ansicht, dass nur die Menschen nach Europa kommen dürfen, die vor einer Hungersnot, vor Krieg oder Gewalt fliehen. Schließlich dürfen wir Europäer überall auf der Welt nach einem besseren Leben für uns und unsere Familien suchen, und dieses Recht sollte für alle gelten."

Der finnische Grafikdesigner und Zeichner Ville Tietäväinen sitzt in seinem Atelier im Zentrum Helsinkis. Er ist 43, mittelgroß, hat einen kurz geschorenen Vollbart und noch kürzere Haare. Fünf Jahre lang hat er an seinem großem Comic "Unsichtbare Hände" gearbeitet.

"Die Idee zu dieser Geschichte kam mir 2001 in Paris, als ich einen Migranten – wahrscheinlich aus Nordafrika – sah, der Kinderspielzeug verkaufte, diese klebrigen Figuren,  die er an die Schaufenster der Geschäfte warf und die sich dort festsaugen.  Er sah so traurig aus, und der Gegensatz zwischen ihm und den schicken Schaufenstern war kaum auszuhalten. Ich musste darüber nachdenken, wieso er hier in Paris war, was seine Beweggründe waren, seine Träume. Ob er eine Familie hatte und ob er mit ihr in Kontakt stand. Das Problem war, ich hatte darauf überhaupt keine Antworten."

In seinem Comic erzählt Ville Tietäväinen von Rashid, der in einer marokkanischen Stadt als Näher arbeitet und mit dem geringen Lohn kaum seine Familie durchbringt. Als sein Chef ihn entlässt, verzweifelt er endgültig an den elenden Verhältnissen. Er will nach Europa, um von dort aus seiner Familie ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen. Rashid verpfändet seinen ganzen Besitz an eine Schlepperbande, die die nächtliche Überfahrt nach Spanien organisiert. Ein reales Vorbild gibt es nicht für den Protagonisten.

"Diese Geschichte ist inspiriert von vielen Begegnungen mit Menschen in Marokko oder in Südspanien. Ich wollte keine echten Personen in meinem Comic abbilden, und ich zeichne auch nur ganz selten reale Orte."

Für seine Recherchen hat Ville Tietäväinen eng mit dem finnischen Sozialanthropologen Marko Juntunen zusammengearbeitet. Sie haben mehrere Reisen nach Marokko und Südspanien unternommen, haben mit Flüchtlingen und Grenzbeamten, mit Schleppern und Vertretern von Menschenrechtsorganisationen gesprochen. In seinen ganz in Blau- und Brauntönen gehaltenen Comic-Zeichnungen sind wir mittendrin, im marokkanischen Armenviertel oder auf der Gemüseplantage irgendwo bei Almería.

"Da Marko fließend Straßenarabisch spricht, dauerte es jeweils nur ein oder zwei Minuten und dann haben uns die Flüchtlinge vertraut; haben uns gezeigt, wo sie arbeiten und wie sie leben. Irgendwo auf diesen riesigen Gemüsefeldern haben sie sich Unterkünfte gebaut, aus dem herumliegenden Abfall, aus alten Kisten und Plastikresten. Einer von ihnen sagte zu mir: Wir kommen aus der Dritten Welt, aber wir hätten nie gedacht, dass wir hier in der Vierten Welt leben würden."

Wir Europäer haben uns daran gewöhnt, dass wir Tomaten, Gurken, Paprika zu jeder Jahreszeit kaufen können. Ein Großteil dieses Wintergemüses wird in Südspanien produziert – von zumeist nordafrikanischen Tagelöhnern und unter sklavenähnlichen Zuständen.

"Vor der Publikation haben sich die Leute in meinem Verlag gefragt, ob so ein Thema, aus der Perspektive eines "papierlosen Migranten" wie Rashid, die finnischen Leser überhaupt interessiert. Während ich noch dabei war zu zeichnen, haben Marko Juntunen und ich bereits Artikel über unsere Recherchen veröffentlicht. Dass diese Menschen zum Beispiel in Südspanien eine vollkommen rechtlose Existenz führen und dass uns ihr Schicksal sehr wohl betrifft. Denn nur so sind viele Sachen, die wir im Supermarkt um die Ecke kaufen, so billig."

In Europa nennen wir Menschen wie Rashid oft "illegale Einwanderer" oder "Wirtschaftsflüchtlinge" und halten uns so ihre Not vom Leib. In Ville Tietäväinens Comic werden diese Menschen als Individuen geschildert, mit einem ergreifenden Schicksal. Und gleichzeitig erkennen wir reichen Europäer, wie sehr wir selbst von den unerträglichen Zuständen profitieren.

 

Text & Zeichnung: Ville Tietäväinen, 2014, avant-Verlag, Buch: 216 Seiten, vierfarbig, Hardcover, ISBN: 978-3-939080-96-1. Zwei Euro pro verkauftem Buch gehen an die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl.

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