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"Der europäische Automobilmarkt steckt in einer tiefen Krise"

Automobilexperte über den geplanten Stellenabbau beim Bochumer Opel-Werk

Willi Diez im Gespräch mit Birgid Becker

Das Opel-Logo auf dem Dach des Werks in Bochum.
Das Opel-Logo auf dem Dach des Werks in Bochum. (AP)

In der jetzigen Marktsituation gebe es keine Alternative zur Schließung des Bochumer Opel-Werks, sagt Automobilexperte Willi Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen. Er schätzt, dass über 2000 der rund 3000 Arbeitsplätze verloren gehen.

Birgid Becker: In Bochum werden bei Opel ab 2016 keine Autos mehr gebaut. Heute ging diese Botschaft an die Belegschaft. Das Aus für die Opel-Produktion in Bochum – ob diese Entscheidung aus seiner Sicht alternativlos war, diese Frage habe ich vor der Sendung dem Autoexperten Willi Diez von der Hochschule für Technik und Umwelt in Nürtingen gestellt.

Willi Diez: In der jetzigen Marktsituation gibt es zur Schließung des Werkes Bochum keine Alternative, denn wir müssen sehen: der europäische Automobilmarkt steckt in einer tiefen Krise. Wir haben massive Absatzrückgänge in vor allem den südeuropäischen Ländern, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland. Da geht so gut wie gar nichts mehr. Und in der Situation muss sicher ein Management auch reagieren.

Becker: Nun hat das Opel-Management ja angekündigt, eine "signifikante Zahl" – so hieß das wörtlich – an Arbeitsplätzen im Lagerbereich und einer möglichen Komponentenfertigung in Bochum zu erhalten. Wie könnte man sich das vorstellen und welche Zahl von Arbeitsplätzen könnte das meinen?

Diez: Ja es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten, einzelne Aggregate-Komponenten in Bochum aufzubauen, vor allem solche Aggregate-Komponenten, die vielleicht neu sind. Ich denke hier auch insbesondere an Elektroautomobile. Wir brauchen für Elektroautos Batterien. Möglicherweise gelingt es, in Bochum eine solche Batteriefertigung aufzubauen für eben die Elektrofahrzeuge, die ja Opel auch im Angebot hat. Ich denke, es wird sicher nicht möglich sein, die Gesamtzahl der Arbeitsplätze über eine solche Maßnahme zu erhalten. Schätzungen sind natürlich sehr schwierig, aber man muss natürlich mit einem nicht unerheblichen Beschäftigungsabbau auch in diesem Szenario rechnen.

Becker: Können Sie das in Zahlen nennen?

Diez: Ja man muss jetzt zunächst einmal sagen, 2016 ist ja noch eine Weile hin. Es gibt immer eine sogenannte natürliche Fluktuation. Das heißt, Mitarbeiter werden ohnehin in diesem Zeitraum ausscheiden, aus Altersgründen oder vielleicht auch aus anderen Gründen. Also ich denke, wir werden am Ende sicher über 2000 Arbeitsplätze in Bochum reden.

Becker: Die verloren gehen?

Diez: Die verloren gehen. Ja, die verloren gehen.

Becker: Trotz aller Probleme der Branche, wo kommen dann doch bei dieser Entwicklung die Management-Fehler von GM zum tragen?

Diez: Na ja, die Geschichte von Opel ist ja eine sehr lange und die Probleme, mit denen Opel heute zu kämpfen hat, liegen ja zum Teil viele, viele Jahre zurück. Deshalb ist es auch immer schwierig, dem aktuellen Management jetzt hier Vorwürfe zu machen, Schuldzuweisungen zu machen. Es gab Probleme mit der Qualität, damit ist das Image schlechter geworden, damit sind die Absatzzahlen gesunken, damit hat man ein Kostenproblem bekommen, ein Ertragsproblem bekommen, dann musste man auch in einer Situation jetzt kämpfen, wo die Märkte auch noch rückläufig sind. Also es ist schon ein schwieriges Konglomerat von hausgemachten Fehlern und eben einer auch schwierigen Marktsituation, die da jetzt zusammengekommen ist und die letztlich auch zu dieser Konsequenz dann geführt hat.

Becker: Und trotz aller ökonomischen Argumente, die vielleicht gegen Bochum sprechen, war es fair, die Opel-Beschäftigten immer wieder hinzuhalten, immer wieder Hoffnungsschimmer aufblitzen zu lassen, auch immer wieder Zugeständnisse zu verlangen, und am Ende war es dann doch alles nichts?

Diez: Ja, der Prozess hat sicher sehr, sehr lange gedauert und man muss die Mitarbeiter im Werk Bochum sicher verstehen, die ungehalten sind, dass man so lange sie auch im Ungewissen gelassen hat. Man muss allerdings auch nun wieder die andere Seite sehen. Natürlich konnte niemand mit diesem massiven Markteinbruch, den wir jetzt gerade erleben, rechnen und vor allem die Aussichten sind ja für 2013 nicht wesentlich besser als heute. Es gab sicher ernsthafte Bemühungen, den Standort Bochum zu retten, aber jetzt ist eine Marktsituation entstanden, die, glaube ich, keine Alternative lässt.

Becker: Und noch mal kurz über Opel hinausgeblickt, Sie hatten das ja eingangs schon erwähnt. Zuvor hat ja auch schon Ford angekündigt, Werke in Belgien und Großbritannien zu schließen. Peugeot will am liebsten eine Fabrik nahe Paris dicht machen. Jetzt also weiter mit Opel. Wie viele Standorte könnten es denn in Europa sein, die jetzt bedroht sind?

Diez: Ich gehe davon aus, wir werden sicher in den nächsten Jahren Werkschließungen in der Größenordnung von fünf bis zehn Automobilwerken sehen, denn es ist einfach so: Der europäische Markt ist ein weitgehend gesättigter Markt. Er wird sich sicher ein Stück weit erholen, aber nicht so weit, dass die vorhandenen Kapazitäten ausgelastet werden. Und das wird nicht nur Deutschland treffen, sondern das wird auch Frankreich, das wird Italien treffen. Da kommt wahrscheinlich keiner dran vorbei.

Becker: Nach all den gescheiterten Opel-Rettungsversuchen sind ja nun die Rufe nach staatlicher Hilfe nicht mehr so laut. Sie halten aber auch nichts von solcher Hilfe, oder?

Diez: Nein! Ich denke, dieses Thema ist durch. Man muss auch sagen, dass es Opel geschafft hat, in den letzten zwei, drei Jahren wirklich gute Produkte auf den Markt zu bringen, die auch nach und nach jetzt dafür sorgen, dass das Image wieder besser ist. Aber das dauert eben alles seine Zeit. Aber Opel ist insgesamt, denke ich, auf einem durchaus guten Weg, und was wir jetzt sehen, das ist, wenn man es jetzt mal ein bisschen überspitzt sagen will, auch die Bewältigung von Altlasten, denn dieser Kapazitätsschnitt, der jetzt erfolgt, hätte vielleicht schon viel früher erfolgen müssen, weil einfach absehbar war, man kann nicht alle Standorte in Deutschland und in Europa halten.

Becker: Der Autoexperte Willi Diez war das von der Hochschule für Technik und Umwelt.

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