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Der Kampf gegen den Klassenfeind

Fallbeispiele deutsch-deutscher Sportvergangenheit

Von Astrid Rawohl und Thomas Purschke

Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, zeichnet im April 1980 den DDR-Eiskunstläufer und WM-Sieger Jan Hoffmann mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold aus.
Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, zeichnet im April 1980 den DDR-Eiskunstläufer und WM-Sieger Jan Hoffmann mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold aus. (picture alliance / dpa)

Im Kampf gegen den Klassenfeind aus der Bundesrepublik war der Sport ein Mittel der DDR-Politik. Kaderschmieden, Zwangsdoping und die Bespitzelung von Athleten sollten die eigene Überlegenheit sicherstellen. Die Aufarbeitung der dunklen Seiten des Sports in Ost und West ist allerdings lückenhaft.

"Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu, ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Das tut mir leid für den Rest der Welt."

Auch im Sport sollte das nach vier Jahrzehnten Teilung wiedervereinigte Deutschland neue Strahlkraft entfalten. Doch die Vision einer nahezu unschlagbaren deutschen Fußballnationalmannschaft, die Franz Beckenbauer hatte, platzte schon vier Jahre später: Die vereinte deutsche Nationalelf schied 1994 bereits im Viertelfinale der WM in den USA aus.

"Ja Franz Beckenbauer meinte ja 1990, auf absehbare Zeit wäre die deutsche Nationalmannschaft nicht zu schlagen, vor allem wenn noch die ostdeutschen Spieler dazu kommen ... Das hat sich als falsch erwiesen."

Mit der deutsch-deutschen Fußball-Vergangenheit hat sich der Berliner Politikwissenschaftler Hanns Leske intensiv beschäftigt. Für ihn ist schwer nachzuvollziehen, dass der Deutsche Fußball-Bund nahezu sechs Jahrzehnte brauchte, das Thema Fußball in der Nazi-Zeit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Für die Aufarbeitung der DDR-Zeit ist – 22 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung – immerhin schon eine Projektgruppe gegründet. Allerdings bleibt der DDR-Fußballexperte Hanns Leske skeptisch:

"Was ich sehe ist, dass man sich wissenschaftlich derzeit unterhält über die Frage, wie ist die Vereinigung gelaufen, wie ist der Vereinigungsprozess zwischen dem DFB und dem ostdeutschen Fußballverband gelaufen. Aber die wirklichen Strukturprobleme des DDR-Fußballs in 40 Jahren, daran hat glaube ich der DFB kein Interesse, diese aufzuarbeiten."

Hanns Leske hat mit seinem Buch "Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder" ein Standardwerk zur Stasi-Verstrickung im DDR-Fußball vorgelegt. Er sieht den wesentlichen Grund für die bisher verschleppte Aufarbeitung darin,

"... dass im nordostdeutschen Fußballverband immer noch Funktionäre tätig sind, sowohl als Funktionäre aber auch als Schiedsrichter, Schiedsrichterobmänner, die eine dunkle Vergangenheit in der DDR hatten, die beispielsweise Inoffizielle Mitarbeiter des DDR-Staatssicherheitsdienstes waren und die haben natürlich kaum ein Interesse an wirklicher Aufklärung."

Einer der spektakulärsten und bis heute nicht komplett aufgeklärten Todesfälle im Sport während der Zeit der deutschen Teilung ereignete sich im März 1983. Der vier Jahre zuvor aus der DDR geflüchtete Braunschweiger-Bundesligaprofi Lutz Eigendorf prallte bei einem schweren Autounfall an einen Baum und verstarb zwei Tage später.

Schnell machten damals Gerüchte die Runde, dass das Ministerium für Staatssicherheit der DDR bei diesem Unfall die Finger im Spiel hatte, doch entsprechende Vermutungen liefen ins Leere. Erst nach der Wiedervereinigung wurden zahlreiche Stasi-Akten entdeckt, die enorme Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes bei der Überwachung des "Verräters" Eigendorf in Westdeutschland dokumentieren. Demnach könnte der Verkehrsunfall ein zumindest geplanter Mordanschlag der Stasi gewesen sein.

Von den DDR-Spitzenfunktionären wurden Flüchtlinge wie Eigendorf als "Sport-Verräter" gebrandmarkt und auch in West-Deutschland von der Stasi bedroht. Eigendorf hatte ausgerechnet für den Ostberliner Stasiclub BFC Dynamo von Erich Mielke gespielt. Für den Minister für Staatssicherheit stellte Eigendorfs Flucht zum westdeutschen "Klassenfeind" natürlich eine schwere Niederlage dar.

Der Unfalltod von Lutz Eigendorf sorgt bis heute für Diskussionen. Andreas Holy aus Mainz befasst sich in seiner Abschlussarbeit zum Lehramt-Staatsexamen mit dem Fall. Beim Studium der Aktenlage stellte der angehende fußballinteressierte Pädagoge fest, dass die Ermittlungsbehörden in Westdeutschland die politische Brisanz des Falles damals offensichtlich unterschätzt und nicht einmal eine Obduktion des Leichnams angeordnet hatten.

"Zunächst mal ist zu sagen, dass die Polizei Braunschweig den Fall ziemlich schnell als Alkohol-Unfall abgehakt hat. Das heißt, Eigendorf wurde dann ohne Obduktion als Unfall-Toter in Kaiserslautern erdbestattet. Nach der Wende hat dann die Staatsanwaltschaft Berlin 1990 die Ermittlungen wieder aufgenommen und bei der Analyse der Verhöre von Beschuldigten oder auch von Zeugen ist mir aufgefallen, dass die Staatsanwaltschaft ja eher den Fall als Belastung angesehen hat und zum Teil auch zu wenig Ressourcen bereitgestellt hat, um diesen Fall zu bearbeiten."

So wurde beispielsweise ein hoher Stasi-Offizier, der mit der Observation von Lutz Eigendorf im Westen befasst war, von den Ermittlern nie vernommen. Gemeint ist Heinz Heß, der in der Ostberliner Stasi-Zentrale Abteilungsleiter der "Zentrale Koordinierungsgruppe ZKG war. Diese war für die Bekämpfung von "Republikfluchten" zuständig. In DDR-Geheimdienstakten ist zu lesen, dass Heß am Todestag von Eigendorf mit einer Sonderprämie von 1.000 DDR-Mark ausgezeichnet worden war. Wofür er diese Prämie genau bekam, ist bis heute unklar. Andreas Holy rekonstruiert:

"Der Heinz Heß wurde als Beschuldigter in einem Mordfall vorgeladen von der Polizei. Dieser Herr Heß ist doch einfach nicht erschienen zu diesem Verhör, woraufhin eine Aktennotiz zu finden ist, dass Herr Heß nicht erschienen ist und sich demnach nicht auf den Vorwurf eingelassen hat. Daraufhin wurden auch keine weiteren Schritte mehr unternommen, was meiner Meinung nach sehr kritisch zu sehen ist. Also ich muss hier schon ein Versagen der Staatsanwaltschaft betonen."

Heinz Heß verstarb im Jahr 2004. Die Ermittlungen im Fall Eigendorf sind erst einmal abgeschlossen.

Doch Sportler wurden nicht nur bis nach Westdeutschland verfolgt. Auch in der DDR selbst gibt es zahlreiche Beispiele von Athleten, die aus "politischen Gründen" aus ihren Sportclubs entlassen worden sind. "Ausdelegierung" nannte man das im SED-Regime, es bedeutete das Ende der Sport-Karriere. Viele der Betroffenen leiden bis heute darunter.
Der Chemnitzer Wolfgang Lötzsch zum Beispiel galt als eines der größten Radsport-Talente der DDR, bis man ihm die internationale Karriere verbaute.

Wolfgang Lötzsch war 19 Jahre alt, als er 1972 bei den Olympischen Spielen in München starten sollte. Weil er aber nicht der Einheitspartei SED beitreten wollte, wurde er kurz vor den Spielen einfach aus der Nationalmannschaft der DDR und seinem Sportclub in Karl-Marx-Stadt geworfen. Zudem hatte die Stasi behauptet, er wolle in den Westen flüchten. Lötzsch bestreitet das. Aus seinen Stasi-Akten geht hervor, dass er fortan bis zum Mauerfall von insgesamt 50 inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern, -darunter war auch sein bester Freund - sowie von zahlreichen hauptamtlichen Stasi-Offizieren überwacht worden war. Wegen angeblicher "Staatsverleumdung" wurde er 1976 für zehn Monate sogar inhaftiert. Wolfgang Lötzsch sagte im Mai dieses Jahres dazu hier im Deutschlandfunk:

"Man wusste schon, dass man irgendwie beobachtet wird, aber dass es so extrem und intensiv war, mit diesem Riesenaufwand, hat man damals überhaupt nicht geahnt. Das habe ich wirklich erst nach Öffnung der Stasiakten gesehen, wie wichtig ich war und was ich dem Staat gekostet habe. Und das erfüllt einen doch im Nachhinein mit einem gewissen Stolz, dass diese Leute doch eine große Angst vor mir hatten und ich dort eine gewisse Art Respekt hinterlassen hatte und was man dort investiert hatte, um mich zu bespitzeln und in Schach zu halten."

Wolfgang Lötzsch wurde am 25. Mai 2012 von der Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) in die virtuelle "Hall of Fame des deutschen Sports" aufgenommen. Die Stiftung würdigte mit dieser besonderen Ehrung nicht nur seine rein sportlichen Leistungen, sondern auch seinen Einsatz für die Werte des Sports. Dazu zählt auch Zivilcourage in einer Diktatur.

Die heutige Sportlergeneration weiß meist nur wenig über die jüngste DDR-Vergangenheit und die dunklen Kapitel der deutschen Sportgeschichte. An den Sport-Eliteschulen, die aus den Kinder- und Jugendschulen der DDR – abgekürzt KJS - hervorgegangen sind, werden solche Themen im Unterricht kaum behandelt.

Die frischgebackene Kanu-Olympiasiegerin von London, Franziska Weber aus Potsdam, kam im Mai 1989, also ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, zur Welt. Auch sie besuchte eine Elite-Sportschule und machte dort ihr Abitur. Für die heute 23-jährige Spitzensportlerin ist das Thema DDR weit weg:

"In der Familie redet man da jetzt nicht drüber. Es ist eigentlich überhaupt kein Thema. Ich bin zwar zu dieser Zeit geboren, aber es ist nichts, mit dem man sich irgendwo in Verbindung bringt oder so. Weil man hat es ja einfach nicht erlebt, man kann es sich nicht vorstellen, das sind Dinge, die sind ganz weit weg sozusagen."

Ein Schüler der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) Friedrich-Ludwig Jahn beim Turnen an den Ringen,Ein Schüler der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) Friedrich-Ludwig Jahn beim Turnen an den Ringen, (picture alliance / dpa /Manfred Uhlenhut)Ines Geipel sieht das äußerst kritisch. Die Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst ist eine einstige DDR-Weltklasse-Sprinterin. Und ein Doping-Opfer. Sie zählt zu den geschätzten 15.000 DDR-Athletinnen und Athleten, die in das geheime und vom Staat organisierte DDR-Zwangsdopingsystem einbezogen waren. Um die 200 Personen mit zum Teil schwersten Gesundheitsschäden sind mittlerweile vom Bundesverwaltungsamt Köln als Dopingopfer des DDR-Sports staatlich anerkannt. Doch der deutsche Spitzensport versucht diesen Teil der Geschichte gerne auszublenden, bemängelt Ines Geipel:

"Nach 89 wurde die schwere Hypothek des DDR-Sports umso sichtbarer, es gab große Prozesse, es gab die Entschädigung der Opfer. Das Drama aber ist, dass es keinen Bruch mit dieser DDR-Geschichte gegeben hat. Natürlich gibt es eine Entideologisierung, das ist klar. Aber gerade nach London ist wieder der Ruf da, das Erbe der KJS-Schulen zu übernehmen. Es geht wieder um Effizienzen, es geht um Reibungsverluste und damit ist klar, das Gespräch ist nicht offen für die Frage: Wie könnte in Deutschland ein humaner Leistungssport aussehen."

Nach dem medaillenlosen Abschneiden der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen in London wurden aus den Reihen des Sports und sogar aus der Politik Rufe laut, das in der DDR praktizierte Sichtungssystem von jungen Talenten wieder zu reaktivieren. Der Berliner Sporthistoriker, Pädagoge und Buchautor René Wiese hat in seiner, kürzlich als Buch erschienenen Dissertation "Kaderschmieden des Sportwunderlandes", das System der einstigen DDR-Kinder- und Jugend-Sportschulen wissenschaftlich analysiert.

Wenn überhaupt könnten laut Wiese allenfalls wenige Teile des einstigen Erfolgmodells KJS reaktiviert werden:

"Nehmen wir mal so eine Sportart mit relativ frühem Hochleistungsalter, wie Eiskunstlauf. Dort war es sozusagen möglich, dass der Zugriff auf die Kinder dort schon ab der ersten Klasse sein konnte. Die Kinder wurden schon im Kindergarten gesichtet und die besten Talente wurden schon relativ früh von ihren Elternhäusern entfernt und haben dann die Möglichkeit gehabt, in diesen Kinder- und Jugend-Sportschulen, zwar relativ betreut, aber natürlich weg von ihren Eltern, ihren Leistungssport nachzugehen. Das ist natürlich heutzutage sehr fragwürdig. Wurde auch in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren sehr stark diskutiert, ob wir so einen Leistungssport haben und diese Diskussion hält auch heute noch an."

Wegen der hohen Trainings- und Wettkampfbelastung waren Einzelunterricht und Schulzeit-Streckung an den Kinder- und Jugend-Sportschulen in der DDR an der Tagesordnung. Für das Abitur brauchten einige Sportler 15 Jahre und länger. An der heutigen Sport-Eliteschule in Potsdam gibt es diese Schulzeitstreckung übrigens immer noch. Sporthistoriker René Wiese hat weitere Besonderheiten der DDR-"Kaderschmieden" herausgearbeitet:

"Ein Ergebnis meiner Studie war, dass von 1962 bis 1989 etwa ein Drittel der KJS-Führungskräfte, also Direktoren und deren Stellvertreter im Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizielle Mitarbeiter geführt worden sind und auf der anderen Seite auch noch ein Satz zum Doping. An den KJS war das Minderjährigen-Doping auf der Tagesordnung. Insbesondere wurden im Nachwuchsbereich die Frauen und Mädchen schon relativ früh gedopt. Man muss aber eine Sache noch mal ganz deutlich machen, dass die Pädagogen der KJS, die ja eigentlich für den Schutz dieser Athleten zuständig waren, in dieser Frage wirklich versagt haben."

Das sollte all jenen zu denken geben, die sich nach London nach dem angeblich so erfolgreichen DDR-Leistungssportsystem sehnen.

Doch Lehren aus der jüngsten Geschichte werden kaum gezogen, deswegen bleibt auch heute, 22 Jahre nach der Wiedervereinigung, festzuhalten:

Der vom Steuerzahler maßgeblich mitfinanzierte Spitzensport hat sich viele Jahre nur bedingt um die Aufarbeitung der dunklen Seiten des Sports in Ost und West gekümmert. Weder der im Jahr 2006 gegründete Deutsche Olympische Sportbund noch seine Vorgängerorganisationen, der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee, sind und waren daran sonderlich interessiert.

Die Aufklärung des Staats-Dopingsystems in der DDR bleibt zu oft ohne relevante Ergebnisse. Gleiches gilt für Untersuchungen über die zahlreichen Doping-Nester in der alten Bundesrepublik; Freiburg im Breisgau sei als nur ein Beispiel genannt. Den im Auftrag des Dachverbands arbeitenden Untersuchungsgremien fehlen möglicherweise die notwendige Unabhängigkeit.

Ähnlich sieht es bei der Klärung von Stasi-Verstrickungen aus. Die meisten Sportfachverbände zeigen bislang wenig Interesse an der Aufarbeitung. Während die Gier nach Medaillen, Ruhm und Prestige im wiedervereinigten deutschen Leistungssportsystem weiterhin besteht.

Auch der Grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit bilanziert die deutsch-deutsche Sportvereinigung kritisch. Gerade hat er mit der deutschen Fechterin Imke Duplitzer das Buch "Helden Haft" herausgebracht, in dem der instrumentalisierte Leistungssport von damals und heute hinterfragt wird. Besonders die Übernahme von zahlreichen schwer dopingbelasteten Trainern aus der DDR empört den deutsch-französischen Politiker:

"Also, ich glaube, dies ist skandalös. Weil im Grunde genommen hat man die Augen verschlossen, weil man eigene Erfolge haben wollte, vor dem verbrecherischen System, was in der DDR bestand. Und das man Trainer übernommen hat, die im Grunde genommen Handlanger des Verbrechens waren und darüber will man nicht reden. Menschen wurden geopfert, Frauen, Mädchen wurden geopfert ja für die DDR. Ihre Körper wurden zerstört, ihre Zukunft wurde zerstört. Es sind Menschenversuche, und wir haben einfach diese Trainer übernommen, wir haben gesagt Schwamm drüber, jetzt sind wir nicht mehr DDR und BRD, sondern wir sind alle nur noch Deutsche und für Deutschland machen wir jetzt alle Leistungssport."

Und seinem Parteifreund Michael Vesper, der Generaldirektor beim Deutschen Olympischen Sportbund ist, gibt Cohn-Bendit mit auf den Weg:

"Weniger gestanzte Verteidigung des deutschen Sportes und mehr Mut zur Aufklärung."

Hansjörg Geiger stößt ins gleiche Horn. Der ehemalige Staatssekretär im Bundesjustizministerium baute von 1990 bis 1995 die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin mit auf. Seit April leitet der 69-Jährige die Stasi-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).
Dieses ehrenamtliche Gremium wird in der Regel nur dann aktiv, wenn sich ein Fachverband wegen einer Stasi- Personalie an die Kommission wendet und um eine fachliche Bewertung des Vorgangs bittet.

Denn immer wieder wird der organisierte Sport von der Vergangenheit eingeholt. Erst kürzlich war bekannt geworden, dass der heutige Präsident des Landesruderverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, Hans Sennewald, von der Stasi einige Jahre als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen "Alexander" geführt worden ist. Bislang kennt Hansjörg Geiger dessen Aktenlage nicht, er betont aber grundsätzlich:

"Wer heute weiterhin im Sport tätig ist, sei es als Trainer, sei es als Betreuer oder in welcher Funktion was immer, als leitender Funktionär, als Verbandschef, der muss sich mit den Fragen auseinandersetzen. Denn an ihn stellt man ja exakt die Anforderungen, die sportliche Tugenden sind. Man stellt an ihn die Anforderungen von Fairness und von Vertrauen. Und wie soll Vertrauen in Trainer, in Vorsitzende von Verbänden bestehen, wenn da ein quasi dunkles Geheimnis besteht und er in seiner früheren Phase die Fairness, das Vertrauen, die Freundschaft verletzt hat."

Wie immer gab es auch vor den Olympischen Spielen von London eine Stasi-Überprüfung des deutschen Teams, also der Funktionäre, Trainer und Betreuer. Die Kommission unter der Leitung von Hansjörg Geiger hatte die Aufgabe, die Akten von stasibelasteten Personen zu bewerten und den Deutschen Olympischen Sportbund beim Nominierungsvorgang zu beraten:

"Es hat sich gezeigt, dass es einige von dieser Personen sich ihrer unguten Vergangenheit nicht gestellt haben. Das heißt, sie haben ihrem Umfeld und dem Vorsitzenden der Verbände darüber nicht berichtet und das ist eine Erfahrung, die mich immer wieder verwundert, dass Menschen auch nach zwanzig Jahren nicht den Mut gefunden haben, obwohl sie im gleichen Sport-Lebensbereich aktiv sind, diese Vergangenheit zu offenbaren. Auch um einen Schlussstrich zu ziehen, um das Damoklesschwert, dass das herauskommen kann und sie damit in ihrer sportlichen Existenz gefährdet werden, nicht beseitigen."

Allerdings war das Prüfverfahren zum deutschen Olympiateam für die Öffentlichkeit nicht transparent, da weder der DOSB noch dessen Stasi-Kommission die konkrete Faktenlage zu den einst beim DDR-Geheimdienst als Mitarbeiter geführten Personen, bekannt gaben.

Immer wieder wurden in der Vergangenheit aus den einzelnen Sportfachverbänden auch Stimmen laut, dass man doch endlich auch einen Schlussstrich unter das Kapitel Stasi-Aufarbeitung ziehen sollte. Schließlich sei das Ganze doch längst verjährt, lautet das vor allem in ostdeutschen Funktionärskreisen gern benutzte Argument.
Doch beim Thema Verjährungsrelevanz in Bezug auf eine frühere Mitarbeit beim DDR-Staatssicherheitsdienst, relativiert Hansjörg Geiger:

"Wer sich der Vergangenheit, der Verstrickung mit dem Ministerium für Staatssicherheit gestellt hat, der kann wirklich sagen, ich habe mich bei meinen Opfern, über die ich berichtet habe, entschuldigt, für den ist die Verjährung abgelaufen. Aber für den, der sich der Frage nicht gestellt hat, läuft sie nicht ab. Wir sehen das ja immer wieder, das plötzlich vergleichsweise hochrangige Persönlichkeiten im Sport mit der Vergangenheit konfrontiert werden und dann sagt da niemand, ja aber jetzt darf man ihm das nicht sagen, das ist doch verjährt. Die Öffentlichkeit akzeptiert das nicht."

Die Befehle für die Stasi-Überwachung und Repression des eigenen Volkes kamen von der allmächtigen sozialistischen Einheitspartei, der SED. Hier sieht Hansjörg Geiger ein eklatantes Versäumnis bei der Aufarbeitung:

""Das war möglicherweise ein Geburtsfehler des wiedervereinigten Deutschlands, dass man zu wenig auf die SED geschaut hat, sondern hauptsächlich auf das Schild und Schwert der SED, also auf das ausführende Organ, und den Befehlsgeber nicht so ins Visier genommen hat. Diesen Geburtsfehler, wenn man es so sagen will, den kann man heute nur noch schwer beseitigen. Man kann nicht mehr nach 20 Jahren das Rad zurückdrehen. "

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