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StartseiteUmwelt und VerbraucherVögel als teure Dauerpflegefälle10.09.2014

Deutscher NaturschutztagVögel als teure Dauerpflegefälle

Zunächst gehen Vogelbestände zurück, dann verkleinern sich die Brutareale, dann stirbt die Art aus. Wieder eine Vogelstimme weniger im Konzert. Es gibt zwar eine Vogelschutzrichtlinie, aber die europäische Agrarpolitik konterkariert diese, kritisiert der Naturschutzbund. 40 Prozent des EU-Haushalts gehe in die Intensivierung der Landwirtschaft und nicht in den Naturschutz.

Von Anke Petermann

Aufmerksamer Bartgeier, 2011 (picture alliance / Hans Joachim Rech)
Viele Vogelarten sind durch die intensive Landwirtschaft in der EU vom Aussterben bedroht. (picture alliance / Hans Joachim Rech)
Weiterführende Information

Treibhausgase - "Die Wende ist nicht gelungen" (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 09.09.2014)
Artgerechte Haltung - Tierschützer wollen Kennzeichnung von Hühnerfleisch (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 08.09.2014)
Freihandelsabkommen - "TTIP gefährdet die Demokratie!" (Deutschlandradio Kultur, Tacheles, 06.09.2014)
Agrarministerkonferenz - Debatte über strengere Regeln zum Tierschutz (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 05.09.2014)
Landwirtschaft - Klimaduell auf dem Feld (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 03.09.2014)

Vögel sind ein guter Gradmesser für den Zustand der Natur. Das bundesweite Vogel-Monitoring, das der Dachverband Deutscher Avifaunisten koordiniert, ergibt zweierlei: Bei seltenen Arten waren aufwendige Schutzprogramme als Rettung in letzter Minute erfolgreich. Bedrohte Seeadler-, Kranich- und Wanderfalken-Bestände haben sich erholt. Möglicherweise werden sie aber zu teuren Dauerpflegefällen. Bei den derzeit noch häufigen Arten dagegen gehen die Bestände dramatisch zurück. Die intensive Landwirtschaft mit Energiemais-Monokulturen, Pestiziden und schweren Maschinen setzt vor allem den Feldvögeln zu, so Christoph Sudfeldt vom Dachverband Deutscher Avifaunisten.

"Da leiden besonders die Boden brütenden Agrarvogelarten drunter, das ist zum Beispiel der Kiebitz, die Feldlerche, das sind einige Ammern. Es gibt einige ehemals häufigen Arten, wie den Seggenrohrsänger oder den Ortolan, die in 50-100.00 Paaren mal in Deutschland vorgekommen, aber heute fast ausgestorben sind und auch mit sehr teuren Artenschutzkonzepten hier kaum noch in der Landschaft zu halten sind."

Sehr teure Artenschutzkonzepte

Einer ausgeräumten Landschaft, die den einstigen "Allerweltsvögeln" keinen Rückzugsraum mehr bietet. In den vergangenen sieben Jahren lehrte eine Art unfreiwilliger Feldversuch, wie man durch Agrarreformen Vogelbestände zunächst hochfahren und dann drastisch reduzieren kann.

"Wir hatten bis 2007 EU-Flächenstilllegungen mit einem Flächenaufwand bis 16, 18 Prozent - das ist ja in den Bundesländern sehr unterschiedlich gewesen - vor allem im Osten. Dort hatten wir zu der Zeit, nach der Wiedervereinigung, einen richtigen Boom sozusagen an Agrarvogelarten. Es hat sich per Riesen-Feldversuch quasi erwiesen, dass eine gewisse Unordnung und solche Stellen in der offenen Landschaft nötig werden, um eine entsprechende Artenvielfalt vorzuhalten. Seit 2007 ist die EU-Flächenstilllegung abgeschafft. Wir können mit unserem Monitoring belegen, das bis heute diese Arten um 10, 20 Prozent dann auch tatsächlich zurückgegangen sind in ihren Beständen."

Zunächst gehen Bestände zurück, dann verkleinern sich die Brutareale, dann stirbt die Art aus. Wieder eine Vogelstimme weniger im Konzert. Und da ist das Problem, dass wir zwar eine Vogelschutzrichtlinie oder auch eine Richtlinie zum Schutz anderer Lebensräume und Arten haben, nämlich die Flora-Fauna-Habitat-, kurz FFH-Richtlinie, so Claus Mayr, Direktor Europapolitik beim NABU,

dass aber die europäische Agrarpolitik dieses alles konterkariert und 40 Prozent des EU-Haushalts in die Intensivierung der Landwirtschaft gehen und nicht für den "Naturschutz zur Verfügung stehen."

Aber sollte nicht die neue Förderperiode der gemeinsamen Agrarpolitik GAP Landwirte für ökologische Leistungen prämieren? "Greening" nennen die Eurokraten das Paket für eine vermeintlich grünere Landwirtschaft. Beate Jessel nennt es lieber "Greenwashing". Die meisten Agrarunternehmen könnten so weiterwirtschaften wie bisher, bedauert die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.

"Fünf Prozent ökologisches Vorrangflächen ist nicht viel. Jeder Betrieb hat bereits 3-5% von irgendwelchen Schnittflächen, Wasserrandstreifen und anderes, die er hier einbringen kann, zumal diese ökologischen Vorrangflächen ja weiterhin mit Düngern und Pestiziden behandelt werden dürfen, und es dürfen darauf auch bestimmt Feldfrüchte, Leguminosen, angebaut werden. Und auch das Grünlandumbruchsverbot gilt, obwohl wir bundesweit einen dramatischen Rückgang haben, in strikter Form nur für die FFH-Gebiete. Es müsste eigentlich noch sehr viel ausgedehnter sein für weitere sensible Standorte und eigentlich auch bundesweit gelten."

Bis Kongress-Ende wollen die Veranstalter einen Forderungskatalog abstimmen: Eine naturverträglichere Landwirtschaft mit höheren Tierschutzstandards und ein nationales Programm für neue Schutzgebiete verlangt der vorliegende Entwurf.

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